Bau mit drei Weltrekorden

Superlative schon zu erahnen

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Der Zeitplan ist ausgesprochen ehrgeizig: Am 21. Dezember soll die neue Seilbahn Zugspitze eröffnen. Momentan laufen die Arbeiten auf Deutschlands höchstem Berg und an der Talstation am Eibsee auf Hochtouren. Ein Besuch.

Garmisch-Partenkirchen – Wer Ruhe sucht, der ist falsch auf der Zugspitze. Hämmern, schleifen, sägen – Baustellenlärm halt. Es ist viel los auf Deutschlands höchstem Berg. Und das ist nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Bauzäune, mit Planen verhängt, versperren häufig die Sicht. Wer sich nicht auskennt, tut sich schwer. Gut, dass Mitarbeiter der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB) zur Stelle sind, um die Wintersportler und Ausflügler, die sich suchend umschauen, auf den rechten Weg lotsen. Schließlich sollen die Gäste trotz Baustelle schnell ins Skigebiet oder auf die Aussichtsterrasse kommen.

Alte Bahn hat nach 54 Jahren ausgedient

So soll sie ausschauen: die Bergstation, die Richtung Norden 30 Meter über den Gipfelgrat hinausragt.

Für die Behinderungen, die mit dem Seilbahn-Neubau einhergehen, hat aber jeder Verständnis. Das Interesse an dem, was auf knapp 3000 Metern Höhe passiert, ist enorm. Die Technik der neuen Anlage, die 50 Millionen Euro kostet, beeindruckt schon jetzt. Überdimensionale Zahnräder, Stahl-Konstruktionen für die gewaltigen Tragseile und ein Bahnsteig, der 30 Meter Richtung Norden über den Gipfelgrat hinausragt – hier entsteht Spektakuläres. Eine Bahn der Extreme. Genau wir ihr Vorgänger-Modell die Eibsee-Seilbahn, die nach knapp 54 Jahren ausgedient hat. Am Sonntag, 2. April, tritt sie ihre letzte Fahrt für die Öffentlichkeit an. Ein Termin, der Mitarbeiter, aber auch Stammgäste wehmütig stimmt. 

Unten im Tal wird bereits eifrig ausgeräumt, vieles in Kisten verpackt, aussortiert. Plexiglas-Schilder, die schon abmontiert wurden, liegen auf einem Rollwagen. Die Werkstatt ist längst leer. Was noch gebraucht wird, landet im Neubau, wenige Meter unterhalb der alten Talstation. Der Retro-Schriftzug „Seilbahn Eibsee-Zugspitzgipfel“, der noch über dem Eingang prangt, ist eines der Dinge, die im Depot landen. „Wir überlegen, ob wir ihn wieder aufhängen“, verrät BZB-Sprecherin Verena Lothes. Auch die Kabinen – „da gibt’s schon viele Nachfragen“ – bleiben beim Unternehmen. Wie die historischen Gondeln wieder eingesetzt werden, steht nicht fest. Eine Woche bleibt die alte Bahn noch in Betrieb. Zum Transport von Arbeitern und Material. Parallel dazu beginnt am Montag, 3. April, der Abbruch der Wartehalle.

Im Neubau läuft der Innenausbau. Und da sprühen die Funken. An der Treppe, die zum Führerstand und den Technikräumen führt, schweißen zwei Männer das Geländer an. Noch ist nichts fertig, aber schon jetzt kann man sich den künftigen Wartebereich vorstellen. Offen, mit einer großartigen Aussicht auf den Eibsee präsentiert sich das Gebäude, das vor allem aus Stahl und Glas besteht. „Das Berg-Erlebnis soll schon hier anfangen“, erklärt Lothes das Konzept.

Montage der Stahlbaustütze wird 2017 die größte Herausforderung

Ein Erlebnis ist in dieser Woche auch noch die Bergfahrt. Deutlich ist aus der Kabine die Forststraße zu erkennen, über die der Beladeplatz mit etlichen Containern für die Material-Seilbahn erreicht wird. Auch die vier Fundamente für die neue Stütze auf 1285 Metern erspähen die Gäste, die einen Fensterplatz ergattert haben.

Den Abbau der alten Stützen sowie die Montage der neuen, weltweit höchsten Stahlbaustütze für Pendelbahnen zählt Martin Hurm zu den größten Herausforderungen in diesem Jahr. Weitere „sind auf alle Fälle der Transport der vier, bis zu 150 Tonnen schweren Seile sowie der Seilzug, der mit Hilfe der bestehenden erfolgt“, erklärt der Projektleiter der BZB für den Neubau der Seilbahn Zugspitze. So wird sie nämlich heißen die neue Anlage, um gleich auf den Berg, auf den sie führt, hinzuweisen. „Außerdem können unsere internationalen Besucher mit diesem Namen viel mehr anfangen“, unterstreicht Lothes.

Entscheidend bei den bevorstehenden Herausforderungen „wird sein, unseren sportlichen Zeitplan trotz unkalkulierbarer Faktoren wie Wetter und dem laufenden Gästebetrieb am Berg einzuhalten“, sagt Hurm. Das ist ihm bewusst. Denn der Termin für die Eröffnung steht seit Langem fest: Am 21. Dezember schweben erstmals Gäste mit der hochmodernen Anlage gen Gipfel. Was Hurm, der vor 15 Jahren seinen Dienst als Betriebsleiter der Eibsee-Seilbahn angetreten hat, und seine Kollegen eint, ist die Zuversicht, „dass wir das hinbekommen“.

Die neue Seilbahn Zugspitze - Bilder vom Besuch auf der Baustelle

Großes Interesse am Bauwerk

Hurm ist stolz darauf, Teil dieses ehrgeizigen Projekts zu sein. Ein Bau, der schon vor seiner Fertigstellung für drei Weltrekorde steht: Die einzige Stahlbaustütze ist mit 127 Metern die höchste ihrer Art, der Gesamthöhenunterschied in einer Sektion mit 1945 Metern ist der größte im internationalen Vergleich, und außerdem verfügt die neue Anlage noch mit 3213 Metern über das längste, freie Spannfeld. Es sind auch solche Daten, die die Gäste faszinieren. Schon im vergangenen Jahr fragten die Ausflügler dem BZB-Team und den Arbeitern regelrecht Löcher in den Bauch. Heuer, in der heißen Phase, erwartet Lothes fast noch mehr Interesse. „Deshalb bieten wir auch wieder Baustellen-Führungen an.“

Bis zu sechs Tonnen schafft die Material-Seilbahn.

Die Arbeiten an der Decke des Bahnsteiges erleben die Schaulustigen gerade jetzt hautnah mit. Lautes Klopfen über dem Abgrund. Die Männer, die auf der Metall-Konstruktion stehen, befinden sich gut 20 Meter jenseits des Gipfelgrats. Ein exponierter Arbeitsplatz mit Traumblick, den sie natürlich nur gut gesichert betreten dürfen. Jeder hat einen Klettergurt umgeschnallt und hakt sich ein, sobald er auf Deutschlands höchstgelegener Baustelle seinem Job nachgeht. Eine eigene Ingenieurfirma kümmert um die Sicherheit.

Die Frage, wie der neue Bahnsteig, der insgesamt 30 Meter Richtung Norden vom Berg hinausragt samt der schweren Seile – pro Einfahrt wirken 200 Tonnen auf das Konstrukt ein –, verankert werden kann, ist längst geklärt. „Die Kräfte werden nach Süden umgelenkt“, erklärt Lothes mit Blick auf die Druckriegel, die ein Arbeiter mit einer Schleifmaschine poliert. Während die der alten Bahn noch übers Gebäude gespannt wurden, verlaufen die neuen auf Bahnsteigebene und münden in Ankern, die sich fast 20 Meter tief im Zugspitzmassiv befinden.

Davon sehen die Besucher nichts. Was sie allerdings schon jetzt erahnen können, ist die künftige Größe der Aussichtsplattform. Die wird über die Einfahrten und den Bahnsteig erweitert. Ansonsten bleibt die Bergstation in etwa gleich groß, nur die Innenaufteilung wird komplett neu durchdacht. Schon jetzt muss das BZB-Team improvisieren, um Gäste zu bewirten. Der Bereich, in dem sich früher die Gipfelalm befand, ist komplett entkernt. An diesen Altbestand wird schließlich das Neue angeschlossen. Und in dieser Phase kann es auch zu zeitweisen Sperrungen der Terrasse und zum Zugang Richtung Tirol kommen. Wer das ungestörte Bergerlebnis sucht, der muss sich noch etwas gedulden. Bis dahin bekommen die Gäste eine Baustelle der Superlative hautnah mit. Auch ein Erlebnis.

Daten und Fakten

Länge: 4467 Meter. 

Höhendifferenz: 1945 Meter. 

Talstation: 999 Meter über dem Meeresspiegel.

Bergstation auf 2944 Metern Höhe – daran hat sich durch den Neubau nichts geändert. 

Fahrgeschwindigkeit: 10,6 Meter pro Sekunde auf der Strecke, 8,5 Meter pro Sekunde bei Stützenüberfahrt.

Kapazität: 120 Personen und ein Fahrgastbegleiter. 

Förderleistung: 580 Personen/Stunde. 

Seile: vier Tragseile (zwei je Fahrbahn) mit einem Durchmesser von 72 Millimetern und einem Gewicht von jeweils 150 Tonnen sowie zwei Zugseile mit einem Durchmesser von 47 und 41 Millimetern und einem Gewicht von 39 beziehungsweise 30 Tonnen. 

Stützen: Durch den Neubau ist nur mehr eine 127 Meter hohe Stütze auf 1285 Metern Höhe erforderlich.

Antrieb in der Talstation: zwei Antriebsmotoren mit je 900 kW Nennleistung.

Spurweite: in der Talstation 10, an der Stütze 18,6 und in der Bergstation 12,6 Meter.

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