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Thomas Dreßen mit Freundin Birgit und Mama Martina beim Zielfoto.

“Bua, gib‘ Gas, lass krachen!“

Ski-Star Thomas Dreßen: Mama ist sein größter Fan

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Thomas Dreßen ist der neue bayerische Ski-Star. Mama Martina erzählt, was sie besonders stolz macht und wie die Familie den tragischen Tod des Papas meisterte.

Garmisch-Partenkirchen - Thomas Dreßen, 24, wird seine Mutter enttäuschen müssen. Dieses Mal, glaubt Martina Monath, behält er die Startnummer mit der 19 selbst, die ihn in Kitzbühel zur Legende gemacht hat. In ihrem Bistro „Toma’s“ mitten im Garmischer Zentrum stellt sie Erinnerungsstücke aus, die die Karriere ihres Sohnes wie Puzzlestücke zusammenfügen. Auf einem Bild aus dem Jahr 2017 sieht man ihn über die Schweizer Alpen fliegen – weit über der Corviglia-Abfahrt in St. Moritz, die viele für ähnlich gefährlich halten wie die Streif. Das war seine erste Weltmeisterschaft. Er wurde Zwölfter. 

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Dieses Sammelsurium an Meilensteinen beinhaltet auch Dreßens erstes Kitzbüheler Startleiberl – so sagt man in seinem Heimatort Mittenwald zu den Startnummern. Das Trikot mit der 53 ist eine Rarität. Die Österreicher haben es zum 50. Geburtstag des Ski-Weltcups im letzten Jahr anfertigen lassen.

„Bua, gib´Gas, lass krachen“

An diesem Fetzen Stoff haften aber auch die unschönen Erinnerungen an seinen Abflug ins Fangnetz. Dreßen traf keine Schuld. Die Mausefalle hatte zugeschnappt. Ein Teil der Bindung brach weg. Aber der Mittenwalder sah den Sturz damals so entspannt wie einen Ritt auf seiner Harley-Davidson, die ihm die Mutter überlassen hat. Ihm sei einfach alles passiert, sagt Thomas Dreßen, was einem in Kitzbühel nur passieren kann. Im Super-G hatte er zuvor schon ein Tor verpasst. 

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Es sind die Erfahrungen, die die jungen Speedfahrer in ihren ersten Jahren machen müssen, sagt man gerne. Ein Jahr später – am vergangenen Samstag – bretterte Dreßen wieder die Streif hinunter. Während seine Mutter, die im Zielbereich zwischen den Angehörigen der anderen Starter stand, anfangs noch innerlich ihrem Thomas zuflüsterte: „Tu’ langsam, komm’ heil runter“, sah das nach der dritten Zwischenzeit, als eine halbe Sekunde Vorsprung aufleuchtete, anders aus. Da sagte sie: „Bua, gib’ Gas, lass’ krachen.“ 

Danach erinnert sich die 46-Jährige nur noch, wie sie und ihr Mann Thomas geschrien haben. Es muss ziemlich lange gegangen sein. Denn, wann sie damit aufgehört haben, weiß sie heute nicht mehr. Erst am Nachmittag kehrte Ruhe ein, eine „erschreckende Ruhe“, sagt die Mittenwalderin. In diesen Momenten der Stille erinnerte sie sich an die Worte, die der kleine Thomas einmal gesagt hatte und die sich eingebrannt haben. „Mama, ich möcht’ die goldene Gams gewinnen.“ Er muss sechs Jahre alt gewesen sein. Die goldene Gams bekommt der Sieger der Streif, das ist die berühmteste und berüchtigste Abfahrt der Welt. 

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Thomas Dreßen entführt die Gams

Martina Monath entgegnete ihm später: Einmal möchte sie erleben, dass sie nach einem Rennen die Nationalhymne für ihren Sohn abspielen. „Die deutsche natürlich“, betont sie. Liebend gerne würden die Österreicher den Skifahrer aus Mittenwald – keine fünf Kilometer sind es zur Grenze bei Scharnitz – einbürgern, nachdem er ihre Gams entführt hat. Das war wie die Rache für Cordoba – 40 Jahre später, schrieb die Kronenzeitung. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 verlor Deutschland 2:3 gegen Österreich – und schied aus. Spielort: Cordoba, Argentinien. Eine nationale Schmach war das damals.

Thomas Dreßen beim Werdenfelser Kinderskitag.

Aufgenommen haben die Österreicher ihren Nachbarn längst. Dreßen wohnt bei seiner Freundin Birgit in Scharnstein, 4841 Skiverrückte, zwei Kirchen, ein Schloss. In gewisser Weise dürfen die Österreicher für sich beanspruchen, den deutschen Streif-Helden geformt zu haben. Neun Jahre lang bildeten sie ihn aus, zunächst in der Skihauptschule Neustift, später am Skigymnasium in Saalfelden. Beim Kinderskitag in Mösern bei Telfs in Tirol hatte ihn die Skihauptschule geködert. Der Drittklässler zerrte einen Flyer mit nach Hause und verlangte von seiner Mutter den Personalausweis, um sich anzumelden. Später fand sie heraus, dass Dreßen zu jung für die Aufnahmeprüfung war, ein Jahr warten müsse. Sie dachte: Er vergisst das sicher. Der Kleine vergaß nicht. „Er hat mir keine Ruhe mehr gelassen“, sagt Martina Monath.

Mit bis zu 140 Stundenkilometern bergab  

Skifahren mag er in Neustift gelernt haben, den Mittenwalder Dialekt treiben ihm die Mitschüler und Lehrer in den vier Jahren dort aus. Beinahe nirgendwo spreche man so einen „brutalen Dialekt“, scherzt die Mutter. Erst in Saalfelden im Bundesland Salzburg verfeinerte Dreßen seinen Sprach-Mischmasch. Früher klang der Thomas wie alle Isartaler. Die Mundart der Mittenwalder gleicht dem Tirolerischen so sehr, dass man die Familie Dreßen im Südtirol-Urlaub für Einheimische hielt, sagt die Mama. Sein Bruder Michael (zwei Jahre jünger) folgte Vater Dirk, der aus Jülich bei Aachen stammte. Er redet Hochdeutsch. 

Dennoch plagte sich Dreßen anfangs im Skiinternat. Als Deutscher in Österreich hat man’s nicht leicht. Manche Klassenkameraden tratzten ihn. Aber Dreßen ist keiner, der aufgibt. Sein Wille und die Freude am Sport haben ihn angetrieben, sagt Martina Monath. „Die haben alles wettgemacht.“ Dreßen – ein fleißiger Schüler, der Hausaufgaben sogar freiwillig erledigte – schloss die Matura mit einem Schnitt von 1,8 ab. Wie es seine Mutter verlangt hatte. Denn der Spitzensport sei nicht planbar. Sie hätte sich immer vorstellen können, dass der Thomas „irgendwas mit Sprachen macht“. Nun kriegt er Geld fürs Schussfahren. Weil es ihm so unglaublich viel Spaß macht, mit bis zu 140 Stundenkilometern bergab zu rauschen, glaubt sie an mindestens zehn weitere Jahre im Alpin-Zirkus. 

Die Vergangenheit hat sie jedoch gelehrt, wie schnell es in dieser Branche gehen kann. Mit zwölf rammte Dreßen auf der Piste einen anderen Skifahrer, lag mit Schädelbasisbruch im Koma, und verlor sein Kurzzeitgedächtnis. Als er wieder aufwachte, klagte er: Jetzt habe er den Super-G verpasst, auf den er sich so gefreut hatte. 

Nach dem tödlichen Seilbahnunglück seines Vaters Dirk 2005 fragte ihn die Mutter, ob er überhaupt weiter Skifahren möchte. Dreßen wollte. Über den Unfall in der Schwarzen Schneidbahn in Sölden, vor allem aber über den Rechtsstreit, der sich über fünf Jahre hinzog, spricht Martina Monath nicht gerne. Die Familie ging offen mit dem Schicksalsschlag um. Fragen, die sich in diesen Tagen häufen, beantwortet Dreßen artig. Das Unglück ist Teil seiner Geschichte geworden, auch wenn niemand etwas solch Schreckliches miterleben sollte. „Es bleibt der Familie ein Leben lang.“

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„Er weiß, dass er sich zu 100 Prozent auf mich verlassen kann“

Mutter Martina gab danach den Edeka-Laden in Mittenwald auf, den schon ihre Eltern betrieben hatten. In den schweren Zeiten wollte sie für ihre Buben da sein. Sie unterstützte die Karriere des Älteren, stellte aber eine Bedingung. Es war ihr wichtig, dass Dreßen „es gescheit macht“. Antreiben musste sie den Thomas eh nie. Der war fleißig. „Extremst sogar“, sagt die Mama. In Kitzbühel im Ziel dankte er „der besten Mama der Welt“ für ihren Rückhalt. Sie lacht. Das sage er öfters. „Er weiß, dass er sich zu 100 Prozent auf mich verlassen kann.“ 

Am Samstag in Garmisch-Partenkirchen beim Heimrennen auf der Kandahar feuert sie ihn wieder im Zielhang an. Martina Monath versucht, alle Rennen in den Alpen live zu verfolgen. Vor dem Fernseher hält sie es nicht aus, fühlt sich hilflos. Sie nennt es den Mutterinstinkt, der sich nicht ablegen lässt. Selbst nach hunderten Abfahrten mit tausenden Kurven, Wellen und Sprüngen leidet die Mittenwalderin. „Hassliebe“ sagt sie und redet sich dann immer ein, dass „die Burschen auch Auto fahren“. Da könne genauso etwas passieren. 

Kurz hat sie sich überlegt, zu Olympia nach Pyeongchang zu fliegen. Aber schon 2014, als keiner ahnte, dass dieser Naturbursch einmal das legendärste Rennen der Welt gewinnen würde, legte er der Mutter nahe: „Oans woas i: Sollt i’s wirklich schaffen, braucht’s ihr nicht hinfliegen.“ Als Alternative wählen Monath und ihr Mann, den sie vor drei Jahren geheiratet hat, das heimische Sofa in Mittenwald. 

„Wer weiß, vielleicht hat von oben wer zugschaut“ 

Wenn jetzt einige ihren Sohn vor den Spielen zum Mitfavoriten erklären, winkt sie ab. Der Thomas und auch sie lassen alles auf sich zukommen. Druck lacht Dreßen weg. Das ganze Getümmel in Kitzbühel, die Promis, die 15 000 bei der Siegerehrung, das Feuerwerk – „er genießt alles, jeden Tag“. 

Einer aus dem deutschen Team hat ihr von der Beobachtung erzählt, die er vor Dreßens Start gemacht hatte. Der Mann mit der Nummer 19 stand vor der Wolkenwand, die sich zu lichten begann. Danach habe er auf den Hang geblickt und gesagt: „Mei, ist das ein geiler Tag.“ Hinterher, als sich die Skiwelt auf den 1,88 Meter-Burschen mit den 100 Kilo stürzte, erzählte er von seinem Vater. „Wer weiß, vielleicht hat von oben wer zugschaut.“ 

Ganz sicher nimmt er Papa Dirk Dreßen auch nach Südkorea mit. Ein Bild trägt er immer im Geldbeutel mit sich.

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