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Unterstützung von der Europa-Abgeordneten: Maria Noichl (r.) und Enrico Corongiu. 

Wahlkampf für den Wahlkämpfer

Bundestagskandidat Corongiu strampelt sich ab

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Enrico Corongiu kandidiert für die SPD für den Bundestag. Ohne Aussicht auf Erfolg, das weiß er. Er zu unbekannt, der Listenplatz zu schlecht. Trotzdem kämpft er unverdrossen, damit seine Partei in Bayern über 20 Prozent der Stimmen erhält. Ein Besuch bei einem Wahlkampf-Abend.

Garmisch-Partenkirchen – Wer am Dienstag die SPD-Veranstaltung zur Bundestagswahl am 24. September besuchen wollte, der lief Gefahr, im falschen Saal zu landen. Politische Abende von Rang finden im Bräustüberl traditionell im ersten Stock im Saal statt. Wie vor zehn Tagen beim Auftritt von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Weitere Prominenz aus Politik und Wirtschaft hatten die Christsozialen aufgeboten. Es war fast unmöglich, einen freien Stuhl zu finden. Alle CSU-Granden hatten sich eingefunden, es herrschte Stammtischatmosphäre.

Wer also gut eine Woche später aus Gewohnheit den Saal aufsucht, findet wieder Gedränge und kaum einen Sitz- oder Stehplatz. Lauter SPD-Anhänger? Nein. Fans der „Dorfratschn“ aus Grainau. Die treten dort gleich auf. Die SPD trifft sich eine Etage tiefer. In einem Raum, der immer noch viel zu groß ist. Gerade einmal 31 Männer und Frauen, die meisten Parteimitglieder, wollen die Europaabgeordnete Maria Noichl (Rosenheim) und Enrico Corongiu, der im Wahlkreis Weilheim-Schongau/Garmisch-Partenkirchen für den Bundestag kandidiert, erleben. Regionale SPD-Prominenz? Fehlanzeige. Nicht einmal ein Garmisch-Partenkirchner Gemeinderat zeigt sich. Corongiu (38) nimmt’s gelassen. Es tage doch der Finanzausschuss. Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer habe zugesagt, noch zu kommen, wenn es ihr zeitlich möglich ist. Gesichtet wurde sie nicht.

Corongiu chancenlos gegen Dobrindt

Immerhin – Noichl ist da. Ihr Ruf ist keiner wie Donnerhall. Sie taucht nicht täglich in den politischen Nachrichten auf. Wie auch? Sie sitzt für die Bayern-SPD im Europäischen Parlament und beackert in Straßburg und Brüssel in diversen Ausschüssen Themenfelder wie Landwirtschaft und ländliche Entwicklung sowie die Rechte der Frauen. Schlagzeilen produziert man damit nicht. Sie legt sich ins Zeug für Corongiu und die anderen Bundestagskandidaten in Oberbayern und Schwaben. Sie macht Wahlkampf für jene Männer und Frauen, die wissen, dass sie als Direktkandidat, wenn alles normal läuft, scheitern werden. Für Männer wie Corongiu.

Gegen Dobrindt, der viermal in Folge das Direktmandat eroberte, hat der Mittenwalder Gemeinderat keine Chance. Ein Sitz im Berliner Parlament wird ihm verwehrt bleiben. Was ihn in seinem Tatendrang nicht bremst. „Ich tue alles dafür, damit die SPD in Bayern mehr als 20 Prozent erreicht.“ 60 Veranstaltungen hat er dafür schon bestritten, bis zum Wahltermin am 24. September werden es 80 sein. Und alle liefen bisher ähnlich ab wie in Garmisch-Partenkirchen. Einziger Ausreißer: ein Abend in Weilheim. „Da war richtig was los“, sagt der Rettungssanitäter. 15 Auftritte wie im Bräustüberl hat Noichl in den vergangenen Wochen bestritten. Dies sei ihr vorläufig letzter. Sie lobt Corongius Mut anzutreten, „denn das ist eine Kopfkandidatur“. Soll heißen: Der Mittenwalder duckt sich nicht weg, geht voran. Das gefällt der 50-Jährigen, die sich in der SPD hochgedient hat. 1991 trat sie ein, 2008 kam sie über die Bezirksliste Oberbayern in den Landtag, seit 2014 sitzt sie im Europaparlament. Einen langen Atem wünschte sie auch Corongiu, dass er in vier Jahren noch einmal anritt, dann auf einem besseren Listenplatz. „Enricos gehen nur rückwärts, um noch einmal Anlauf zu nehmen.“ Corongiu sei ein „Juwel. Und das sag’ ich nicht bei jedem Kandidaten“.

„Rote Radler“ - Strampeln für den Wahlkampf

Dieser SPD-Schatz hält sich an diesem Abend im Hintergrund, tritt nur für die Begrüßung auf die Bühne. Und überlässt das Reden dann Noichl. Eine gute Entscheidung. Sie hat etwas zu sagen.

Ihr Vortrag, den der stellvertretende SPD-Ortsvorsitzende Hans Schaffer „ein Feuerwerk“ nennt, ist gehaltvoll. EU, Brexit, Wirtschaft, Trump, soziale Gerechtigkeit, Solidarität mit Schwachen, Flüchtlingskrise, Afrika: Viele Themen spricht sie an. Für Dinge, die in Deutschland und Europa ihrer Ansicht nach schlecht laufen, macht sie Kanzlerin Angela Merkel und die CDU/CSU verantwortlich. Den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz erwähnt sie nur am Rande.

Weder Schulz noch ein SPD-Bundesminister werden Corongiu nach derzeitigem Stand bis zum Wahltag unterstützen. Möglich, dass Generalsekretär Hubertus Heil mal in den Landkreis kommt. Hilfe erhält Corongiu von der Landtags-SPD. Fraktionsvorsitzender Markus Rinderspacher und Florian von Brunn radeln mit ihm am 29. Juli von Mittenwald nach Garmisch-Partenkirchen im Zuge der Sommertour der „Roten Radler“. Strampeln für den Wahlkampf. Corongiu weiß, wie das geht.

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