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Das Streitobjekt: Der Schrägaufzug in der neuen Olympiaschanze steht im Mittelpunkt mehrerer Prozesse. 

Gerichtsverfahren zwischen der Marktgemeinde und italienischer Firma

Streit um Aufzug: Geheimtreffen an der neuen Olympiaschanze

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Es ist eine unendliche Geschichte: der Streit um den Schrägaufzug in der neuen Olympiaschanze. Garmisch-Partenkirchen und die Firma, die ihn bauen sollte, überziehen sich seit Jahren mit Gerichtsverfahren. Einen Sieger wird es wohl nicht geben.

Garmisch-Partenkirchen – Der Italiener breitet die Arme aus, umarmt einen imaginären Freund. Verteilt zwei Küsschen in die Luft, linke Wange, rechte Wange. So herzlich!, ruft er dazu auf Italienisch. So freundschaftlich sei das Verhältnis gewesen mit Garmisch-Partenkirchens Ex-Bürgermeister Thomas Schmid (CSB). Damals, noch kurz vor dem Neujahrsspringen 2008, für das der Hersteller aus Terni den Aufzug bauen sollte. Sandro Citarei senkt die Arme und schüttelt den Kopf. Nichts von dieser Freundschaft ist geblieben. Seit Jahren streitet sein Unternehmen mit der Marktgemeinde.

Thomas Schmid will sich an ein solch inniges Verhältnis nicht erinnern. Man habe sich nur einmal gesehen, lässt der heutige Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbandes über seine Vorzimmerdame ausrichten. Bei einem „protokollarischen Treffen“, einem Kennenlernen. Mehr wisse Schmid nicht. „Klar haben sie sich öfter getroffen“, sagt Marco Gaetini, der als Dolmetscher fungiert. Und man habe immer wieder das Gespräch mit ihm gesucht.

Zwei Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber

Ob sie sich nun einmal, zweimal oder zehnmal gesehen haben. Ob sie sich geküsst haben oder nicht – für den Ausgang vor Gericht wird das keine Rolle spielen. Doch diese kleine Geschichte zeigt: Zwei Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Schmid für den Markt, den er noch repräsentierte, als der Streit seinen Anfang nahm. Und Citarei für die italienische Firma Ciam Servizi S.p.a.. Für die neue Skisprungschanze sollte sie den bis dahin einmaligen Aufzug konstruieren. Doch sie wurde zum Springen am 1. Januar 2008 nicht fertig, die Gemeinde kündigte dem Unternehmen und reichte vor fast neun Jahren Klage ein. Und auch wenn sie sich aktuell nicht vor Gericht treffen – im Hintergrund hat sich im vergangenen Jahr einiges getan.

In diesem Verfahren wird es keine Gewinner geben. Die Marktgemeinde wird bei Weitem nicht die Schadensersatzsumme erhalten, die sie ursprünglich zugesprochen bekam. Ob es bei den steigenden Anwaltskosten am Ende überhaupt ein Plusgeschäft bleibt, ist nicht gesagt. Die Firma Ciam hat die Geschichte nach eigener Aussage an den Rand des Ruins gebracht. Doch die Vertreter zeigen sich zuversichtlich, dass sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hat. Deshalb suchten sie das Gespräch mit dem Tagblatt. Ausführlich äußerte sich Citarei zu dem Fall. Besonders zu einem Treffen im April vergangenen Jahres.

Die Quintessenz in den Augen des Unternehmers: Die Schweizer Firma hat Ciam-Bauteile verwendet

Von der Öffentlichkeit nicht beachtet, kamen die Beteiligten damals an der Schanze zusammen. Vertreter der Marktgemeinde – Schmid schaute nicht extra vorbei –, Anwälte, Ingenieure, Gutachter. „Und was dabei herauskam, ist gravierend“, übersetzt Gaetini für Citarei. Die Quintessenz in den Augen des Unternehmers: Die Schweizer Firma, die den Aufzug nach der Kündigung fertiggestellt hat, habe Ciam-Bauteile verwendet – obwohl bislang angeblich behauptet worden war, diese seien nie benutzt worden. Ein Beispiel: die Tragseile. Ciam wurde nach eigener Aussage unter anderem verklagt, weil Atteste für die Tragseile gefehlt hatten – die Gemeinde musste für 9000 Euro neue kaufen. In einem Schreiben an den Gutachter aber, das dem Tagblatt vorliegt, hält der Schweizer Unternehmer fest. „Die Tragseile von Ciam wurden entgegen unserer Empfehlung eingebaut.“ Aufgrund von Verschleiß musste er die einen 2012, die anderen 2014 wechseln. Citarei und Dolmetscher Gaetini interessiert nur: „Das bedeutet, die sind vier und sechs Jahre mit unseren Seilen gefahren und haben immer behauptet, sie hätte diese nie eingebaut.“

Noch liegt das finale Gutachten nicht vor

Ein Beispiel von vielen, die die zwei aufzählen, um zu zeigen: Ihnen wurde Unrecht getan. Dagegen wehrt sich Ciam: Bereits 2014 reichte es nach eigener Aussage in Italien Klage gegen den Markt wegen Betrugs ein. Im Dezember 2016 folgte Gaetini zufolge die entsprechende Klage in Deutschland.

Diese steht aktuell nicht im Zentrum. Nach wie vor gilt das Hauptinteresse sowohl des Marktes als auch der Firma Ciam dem Berufungsprozess um die Schadensersatzklage. Öffentlich äußern sich weder die Gemeinde um Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) noch ihr Vorgänger Schmid zu dem Prozess, zum Ortstermin im April oder zu anderen Vorwürfen aus Italien. Beide verweisen auf das laufende Verfahren.

Bis dazu am Oberlandgericht München eine Entscheidung fällt, dürfte einige Zeit vergehen. Noch liegt das finale Gutachten nicht vor, das für den Ausgang des Verfahrens und die Höhe des Schadensersatzes entscheidend sein dürfte. Gerichtssprecherin Annette Neumair schätzt: „Vor einem halben Jahr passiert da wohl nicht.“ Küsschen wird es bei einem Wiedersehen definitiv für und von niemandem geben.

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