Großer Auftritt: Tourismuschef Michael Gerber führt souverän durch den Abend.
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Großer Auftritt: Tourismuschef Michael Gerber führt souverän durch den Abend.

Ergebnisse einer Bürgerbefragung vorgestellt

Tourismus in Garmisch-Partenkirchen – eine Medaille mit zwei Seiten

  • Andreas Seiler
    VonAndreas Seiler
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Garmisch-Partenkirchen lebt vom Tourismus. Doch das Geschäft mit den Erholungs- und Freizeitsuchenden hat seine Schattenseiten – und polarisiert. Viele empfinden besonders den Ausflugsansturm als belastend. Und es ist vor allem die Jugend, die das ganze Thema kritisch sieht. Dies sind die Erkenntnisse aus einer Bürgerbefragung.

Garmisch-Partenkirchen – Die Enttäuschung über die geringe Resonanz war Michael Gerber deutlich anzumerken. „Das ist bedauerlich“, sagte der Geschäftsführer der GaPa Tourismus GmbH gleich zu Beginn seiner Präsentation im Kongresshaus. Gerade mal rund ein Dutzend Besucher hatte den Weg in den Festsaal Werdenfels gefunden, in dem trotz Corona 109 Plätze zur Verfügung standen. Und auch online hielt sich das Interesse in Grenzen: In der Spitze verfolgten 43 Nutzer die hybride Veranstaltung.

Dabei war das Thema ausgesprochen spannend – und betrifft einen Großteil der rund 29 000 Einwohner des Kreisortes. Die Gemeinde-Tochter GaPa Tourismus hatte nämlich im März und April die Bürger zur Tourismusakzeptanz befragt – in Form eines umfangreichen Fragenkatalogs. 2227 Rücksendungen wurden ausgewertet – „ein repräsentatives Abbild“, wie der per Videokonferenz zugeschaltete Lars Bengsch, Chef der engagierten Beratungsfirma dwif-Consulting, anmerkte.

Thema Kongresshaus ausgeklammert

Erstaunlich: Ein wichtiger Abschnitt der Studie, der sich mit der Zukunft des in die Jahre gekommenen Kongresshauses und des Areals am Richard-Strauss-Platz beschäftigt (Standortentwicklungsplanung GaPa 2030), wurde bewusst ausgeklammert – und soll zu einem späteren Zeitpunkt separat veröffentlicht werden. Nicht einmal ein erster Meinungstrend war zu erfahren. Gerber schwieg wie ein Grab – trotz Nachfrage. Es gehe ihm nicht um Geheimniskrämerei, betonte er. Aber er wolle die Themen – an der emotional aufgeladenen Kongresshaus-Frage scheiden sich die Geister – auseinanderhalten.

Wie dem auch sei: Gerber und Bengsch stellten die Ergebnisse in Sachen Tourismusakzeptanz vor, aufgeteilt auf sechs Kernthesen. Die vielen Statistiken, Prozentangaben und Analysen, die über die Leinwand flogen, wirkten möglicherweise auf den ein oder anderen erschlagend. Aber die Datenflut brachte einige Einblicke und Einsichten, die die Diskussion über die Zukunft der Schlüsselbranche des Kreisortes bestimmt maßgeblich beeinflussen werden.

Die meisten (84 Prozent) sind sich der großen Bedeutung bewusst, die der Tourismus für Garmisch-Partenkirchen hat. Dieser wird auch überwiegend positiv gesehen. „Es gibt eine Menge Menschen, die davon leben“, erläuterte Gerber den Hintergrund. Dabei geht es nicht nur um Umsätze und Arbeitsplätze. Auch von der attraktiven Infrastruktur, angefangen bei der Vielzahl an Geschäften bis hin zu den Freizeit-Einrichtungen, profitieren die Ortsbewohner.

Klagen über Verkehrsprobleme

Doch es ist nicht nicht alles eitel Sonnenschein. Die Auswirkungen werden mitunter als enorme Belastung wahrgenommen, allen voran die Verkehrsprobleme (94 Prozent), die Preissteigerungen (81 Prozent), etwa auf dem Immobilienmarkt, und das „unangemessene Verhalten der Gäste“ (74 Prozent). Gemeint sind damit, wie an dem Abend zu erfahren war, in erster Linie Müll- und Natursünden – ein Ärgernis, das 2020 im pandemiebedingten „Urlaub dahoam“-Sommer mit voller Wucht auftrat.

Die Folge klingt besorgniserregend: Fast die Hälfte der Befragten, konkret sind es 47 Prozent, fühlt sich hier oft nicht mehr richtig zuhause – ein deutliches Alarmsignal. „Das ist zu hoch, um es akzeptieren zu können“, kommentierte Bengsch. Schließlich gilt die Goldene Regel: Nur dort, wo sich die Einheimischen wohlfühlen, tun dies auch die Urlauber.

Vor allem der Ausflugsansturm auf die Berge geht vielen an die Substanz. 91 Prozent sehen im Tagestourismus „besonders hohe Belastungen“. Kein Wunder, dass die Forderung, diesen Bereich zu senken, in der Erhebung besonders häufig formuliert wurde. Und noch etwas fällt auf: Es sind die jüngeren Generationen, die die Kehrseite des Urlaubsgeschäfts besonders beklagen, sich nicht richtig mitgenommen fühlen und ein Umdenken verlangen.

Und welche Schlüsse ziehen nun Gerber & Co. aus dem Ganzen? Eine Frage, die die anschließende, kurze Diskussion mit dem Mini-Publikum und im Chat prägte. Anton Hofer (Garmisch+Partenkirchen miteinander) – der einzige Gemeinderat, der ins Kongresshaus gekommen war – sprach von einem „Weckruf“ und warnte eindringlich davor, ein „Venedig der Alpen“ zu werden.

Ganz so dramatisch klang es bei Gerber nicht. Aber auch der Fachmann sieht Handlungsbedarf – und Gesprächsbedarf vor allem mit den jungen Menschen. „Wir stehen vor nicht ganz einfachen Herausforderungen“, meinte er. Seine zentrale Botschaft: Der Markt wird das alleine nicht packen. „Das muss gemeinschaftlich angegangen werden.“ Allein das komplexe Verkehrsproblem sei nur auf der regionalen Ebene zu lösen.

An Ideen und Strategien mangelt es nicht. Die Stichworte, die Gerber nannte, sind bekannt. Besucherlenkung gehört beispielsweise dazu. Oder eine Sensibilisierung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Und ein digitales Info-System, das bereits am Münchner Luise-Kiesselbach-Platz Bescheid gibt, wenn im Werdenfelser Land die Straßen und Parkplätze voll sind.

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