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Hier ist alles mehrsprachig: Im Kaffeehaus von Gabriele Thron, 50, treffen sich die Urlauber in Garmisch zu Kaiserschmarrn und Kaffee.

Tourismus in Garmisch-Partenkirchen so stark wie seit 50 Jahren nicht mehr

Bayerisch-arabischer Freundschafts-Rekord

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Oberbayern, Araber und Asiaten: Alle wollen nach Garmisch-Partenkirchen. Das Tourismus-Geschäft läuft so gut wie seit über 50 Jahren nicht mehr, und immer mehr Ausländer kommen an. Bald ist aber die Grenze erreicht.

Garmisch-Partenkirchen - Gabriele und Petra Thron sind nicht nur vorzügliche Konditoren, sie sind auch Sprachgenies. Vor ihrem Kaffeehaus in Garmisch hängt ein Willkommens-Schild mit arabischen Schriftzeichen, auf der Karte heißen Butterbrezen auch „pretzel with butter“, und das Tortenstück serviert die Kellnerin schon mal mit ein paar hebräischen Worten. Hier am Marienplatz 13 treffen sich Saudis und Amerikaner, Chinesen und Russen, Kataris und Oberbayern – Seite an Seite lassen sie sich Garmischer Kaiserschmarrn schmecken.

„Haben uns eingestellt“: Jutta Griess, 63, vom Hotel Rheinischer Hof.

Das Geschäft mit dem Tourismus am Fuß der Zugspitze läuft so gut wie seit 51 Jahren nicht mehr. Einerseits machen immer mehr Deutsche wieder daheim Urlaub, andererseits kommen immer mehr Ausländer. Gabriele und Petra Thron spüren das, weil sie immer mehr Torten backen. Und der Tourismusverband beweist es mit der Zahl der Übernachtungen: 2016 waren es exakt 1 500 270 – ein Spitzenwert. Woher kommt der Erfolg?

„Es ist die internationale Gastfreundschaft“, sagt Gabriele Thron, 50. Schon ihre Uroma hat in Garmisch Torten verkauft, aber damals waren die Kunden nur Einheimische. Jetzt kommen sie von überall her. Viele sind Freunde der Wirtin geworden. Das Schild mit den arabischen Schriftzeichen war ein Geschenk, und auch den arabischen Kaffee, den es hier gibt, haben Urlauber aus Kuwait mitgebracht. Das Getränk, das ein bisschen wie Tee schmeckt, lieben wiederum auch die Münchner, die extra deswegen nach Garmisch rausfahren, sagt Thron.

70 Prozent der Urlauber im Ort sind Deutsche, 30 Prozent Ausländer, von denen wiederum die meisten aus den Golfstaaten kommen. 21 000 Gäste aus diesem Raum waren es 2016, sechs Jahre davor nur 2000. Eine Verzehnfachung.

Die Kunden kommen immer wieder zu Optikerin Michaela Nelhiebel, 55.

Für Bekanntheit sorgten eine Werbekampagne der Zugspitzbahn und der Sultan von Oman mit seiner Sommerresidenz in Garmisch. Im Winter lieben die Araber den Schnee, den viele zum ersten Mal außerhalb einer Skihalle sehen. Und im Sommer lieben sie den Regen und Temperaturen um die 20 Grad, die viel angenehmer sind als die Hitze in der Wüste. Und Terror scheint hier weit weg zu sein.

Anfangs war es für viele eine Herausforderung, sich auf die verschiedenen Kulturen einzustellen, die zusammen in Garmisch-Partenkirchen auf die Zugspitze fahren, wandern, golfen und Kaiserschmarrn verputzen. Eine, die viel erzählen kann, ist Jutta Griess, 63, Seniorchefin des Vier-Sterne-Hotels Rheinischer Hof und Kreischefin des Hotel- und Gaststättenverbands. Am Anfang zum Beispiel gab es Probleme mit den Zimmergrößen. Arabische Familien bestellten im Internet ein Doppelzimmer und standen dann mit fünf Personen an der Rezeption, weil sie nie allein verreisen. „Sie hätten sich auch Betten zustellen lassen“, erzählt Griess, „aber das geben die Raumgrößen gar nicht her.“ Inzwischen bieten die Hotels bei solchen Anfragen nur noch die größeren Zimmer an.

Kirche, Berge, Wirtshaus: Diese Garmisch-Partenkirchner Kombination ist immer beliebter.

Beim Essen und Trinken unterscheiden sich die Nationen am meisten. Asiaten bestellen zum Beispiel häufig Schweinshaxn, aber nicht zum Essen, sondern nur zum Fotografieren, erzählt Griess. Die Russen verlangen Wodka, flaschenweise. Und Araber nehmen sich vom Frühstücksbuffet nicht wie die Deutschen zwei Radl Wurst und einen Klecks Marmelade, sondern decken die Teller üppig ein. Nicht immer wird aufgegessen – das ärgert dann die Hoteliers und auch die oberbayerischen Gäste am Nebentisch.

Um jeden Geschmack zu treffen, haben sich viele der 250 Gastronomen im Ort spezialisiert: Mohammad Akram zum Beispiel, Pakistani und 14 Jahre lang Koch im Restaurant auf der Zugspitze, kocht inzwischen in seinem Restaurant im Zentrum traditionell arabisch. „Die Urlauber wollen raus, aber sie müssen sich an ihre kulturellen und religiösen Regeln halten“, sagt Griess. „Da muss man tolerant sein.“ Um Missverständnisse zu vermeiden, gibt es sogar eine Broschüre mit Verhaltenstipps für Gastgeber.

Noch so was: Arabische Frauen kaufen liebend gern Sonnenbrillen, sie dürfen ihr Gesicht aber nicht zeigen. Die Händler haben deswegen geschulte Frauen als Verkaufsberater und abschließbare Ankleideräume. Es gibt auch keine Spontankäufe, sagt Optikerin Michaela Nelhiebel, 55. „Die Kunden kommen immer wieder, weil sie zum Händler eine Beziehung aufbauen müssen. Dafür ist auch das Feilschen da.“

Schon seit zwölf Jahren vermarktet sich Garmisch-Partenkirchen als weltoffener und exklusiver Ort, der das ganze Jahr etwas zu bieten hat. Das zahlt sich jetzt aus, es kommen mehr Gäste. Die Zahl der Ferienwohnungen ist gewachsen, es wird saniert und modernisiert. Im Hotelbereich gibt es Neubaupläne. Das Konzept: „Wir kombinieren Urbanität und Natur“, sagt Tourismusdirektor Peter Ries, 63. Nirgendwo sonst könne man neben einer Spielbank einen Espresso trinken und ein paar hundert Meter weiter völlig allein vor den Bergen stehen. „Darauf konzentrieren wir uns. Zuvor waren wir ein Alleskönner, der aber nichts richtig gut konnte.“

Ewig kann das Wachstum aber nicht weitergehen, sagt der Tourismusdirektor. „Wir dürfen unsere Identität nicht verlieren.“ Im vorigen Sommer sei man an die Grenze geraten: Gefühlt war es so, dass arabische Großfamilien mit ihren verschleierten Frauen im Markt in der Überzahl waren. „Das passt nicht, denn dann kommt es zu einem Ungleichgewicht und die Stimmung in der Bevölkerung kippt.“ Wohin das führt, sehe man auf Mallorca, wo die Einheimischen gegen die Touristen rebellieren.

Ein Ort muss seine Urlauber prägen und nicht die Urlauber den Ort. „Sonst wäre man irgendeine beliebige Touristenhochburg, von denen es im Ausland so viele gibt“, sagt Peter Ries. Garmisch-Partenkirchen braucht seine Einheimischen. „Tradition ist bei uns nicht Mittel zur Gaudi. Wer Lederhosen anhat, macht das, weil das seine Alltagskleidung ist.“

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