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Das erste von insgesamt vier Seilen – aufgerollt auf zwei Trommeln. Die weiteren drei werden bis 13. Juni geliefert.

Richtig dicke Dinger

Transport der Tragseile für die Zugspitz-Seilbahn ist geglückt

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Die Zugspitz-Seilbahn ist ein Projekt der Rekorde – selbst, was den Transport der Tragseile betrifft. In vier Tagen legte das 150 Tonnen schwere Seil, verteilt auf zwei Lkw, 450 Kilometer zurück. Auf seiner Reise überstand der Tross drei Kontrollen, wich zig Brücken aus – und kam dennoch früher als geplant in Grainau an.

Grainau– Mit dem Ronni darfst du es dir nicht verscherzen. Das wusste Roland Züst sofort, als der Mann, den keiner kannte, auf dem Gelände der Schweizer Firma Fatzer auftauchte. Ein seltsamer Typ war das. Bisschen verwirrt – wie er da umherstreunte. „Und einen Riesen-Bart hatte der“, sagt Züst. Der Fremde stellte sich vor: Er sei der Ronni. Wer? Na, der von der Straßeninspektion.

Es kommt öfters vor, dass die Behörden bei Fatzer in Romanshorn – der bezaubernden Hafenstadt am Bodensee Südufer – vorbeikommen. Das Unternehmen entwickelt Seile. Man verwendet sie im Bergbau, für Seilbahnen oder Winden. Richtig dicke Dinger. Tausende Meter lang, teilweise bis zu 150 Tonnen schwer. Züst, der Verkaufs-Projektleiter, betreut alleine 150 Kunden. Das klingt nach vielen. Doch die meisten melden sich jahrelang nicht, weil sie auf Geld oder Genehmigungen warten. Der 60-Jährige hat seinen eigenen Begriff dafür geschaffen: „Sie schlafen“, sagt er. Zwei Drittel schlafen.

Die Tragseile kamen um 4.50 Uhr morgens an - 40 Minuten früher als erwartet

Zu den übrigen 50 gehört die Bayerische Zugspitzbahn (BZB). Sie hat ihre Tragseile für die neue Seilbahn schon vor Jahren angefordert. 2011 verhandelte man erstmals. Am Dienstag kamen die ersten 4900 Meter Seil am Eibsee an. Exakt um 4.50 Uhr – 40 Minuten früher als erwartet. Es lag auch an Ronni.

Die Straßeninspektion hatte ihn geschickt, um den Transport zu überprüfen. Nur der Kontrolleur wusste gar nicht, wie er das Monstrum durchleuchten soll. Um den Koloss zu bewegen, koppelte man zwei Schwertransporter, verteilte das Seil auf zwei Trommeln. Gewicht: 250 Tonnen. Züst zeigte dem Fahrzeugprüfer die Konstruktion. Er machte Fotos, fuhr zurück ins Büro und genehmigte die Fahrt. Es ging erstaunlich unkompliziert. Zeit müsse man dennoch einplanen, sagt Züst.

Drei weitere Male stoppte der Transport. In Vorarlberg, Lindau und Germering schauten die Behörden nach. Zweimal sogar die gleichen Beamten. Wie so eine Kontrolle abläuft: Papiere herzeigen, viermal um die Lkw laufen, Länge messen. Nach dem Gewicht habe keiner gefragt, sagt einer der Begleiter. Dafür haben sie „siebenmal nachgemessen“. Eine Stunde kosteten die Kontrollen. Natürlich nerven sie, sagt Züst. Die Zeit drängt. Doch er versteht das. Keiner möchte für Nachrichten wie die Kollegen in Aichach sorgen. Vor einer Woche erst rutschte ein Brückenpfeiler aus 70 Tonnen Stahlbeton auf der B300 vom Transporter herunter. „Man sieht, was passieren kann“, sagt der Projektleiter. Dienstag Nacht waren parallel sieben Schwertransporte in Bayern unterwegs. Es brauche nur einen Reifenplatzer, einen Raser oder einen Falschparker, um den Transfer zu gefährden.

Tempolimit auf der Autobahn: 60 km/h. Eine Vollbremsung? Unmöglich.

Schneller als 60 Stundenkilometer dürfen die Trucks eh nicht fahren. Auf der Landstraße gilt Tempolimit 40. „Wenn sie geblitzt werden, müssen sie das selbst zahlen. Darauf habe ich die Fahrer hingewiesen“, scherzt Züst. Es wird nicht passieren bei diesem Tempo. Das Ding zu lenken, ist schwierig genug. Über Funk verständigen sich die Fahrer der beiden Lastkraftwagen. Bremsen und beschleunigen geht nur synchron. Eine Vollbremsung? „Unmöglich“, stellt Züst klar. Doch das Monster darf man nicht unterschätzen. Mit solchen Transportern fährt Züsts Team Alpenpässe und Forststraßen hoch. Oder die Eibseestraße. „Extrem gelenkig“ seien die zwei gekoppelten Fahrzeuge. „Das ist der Trick“, sagt der Schweizer.

450 Kilometer für 150 Tonnen Seil

450 Kilometer haben die Lkw seit Freitagmorgen zurückgelegt. 150 mehr als der direkte Weg vorsieht. Es lag an den Autobahnbrücken. „Davon gibt es so viele“, klagt Züst. Allein sieben zählte er zwischen Lindau und München – sieben kritische wohlgemerkt. Die meisten errichtete man in den 1960er und 70er Jahren. Saniert hat sie bislang keiner. „Dafür haben sie an Belastung eingebüßt.“ Der Tross hätte darüber fahren können. Allerdings wäre der Aufwand riesig gewesen. Die Behörden aus Baden Württemberg verlangten Berechnungen. Fatzer sollte beweisen, dass die Brücken dem 250-Tonnen-Koloss standhalten. 2000 bis 4000 Euro hätte das gekostet. Pro Brücke. Dieses Geld sparte sich der Seil-Hersteller und wich aus. Bei Starnberg noch einmal. Alles ging glatt. „Wie es gedacht war. Penibel genau zu 100 Prozent.“

Der Chef verfolgte den Transport von Grainau aus. Er überließ das den Profis der Speditionen Wipfli und Feldmann. „Das ist absolutes Teamwork. Ich hätte das Ding nicht hergekriegt. In der Seele“ verstehe er sich als Koordinator und Berater. Weniger als Verkäufer. Sein Team zeichnet, plant und fertigt die Seile. Im Vergleich zur ersten Version von 1963 haben sich die gar nicht so viel verändert. Der Projektleiter nennt die Vorgänger „gewagte Prototypen“. Die Drahtfestigkeit hat Fatzer erhöht. Jedes Tragseil besteht aus 210 einzelnen Drähten, die über Jahrzehnte Daten zwischen Berg- und Talstation übertragen sollen. Dienstag Mittag luden die Mitarbeiter der Garaventa AG – der Weltmarktführer baut die Rekord-Bahn für 50 Millionen Euro zur Zugspitze – die Trommeln ab. Drei weitere Seile liefern die Schweizer in den kommenden vier Wochen. Der Ablauf wird derselbe sein. Für 13. Juni hat Fatzer die letzte Lieferung geplant. Am selben Tag feiert Roland Züst seinen 61. Geburtstag. In Grainau. Seiner Frau daheim hat er das schon gebeichtet. „Sie hat gesagt, das muss so sein.“ Auf der Baustelle wird es ein kleines Fest geben. Für Züst – und für die ganze Mannschaft.

Hier gibt‘s die Fotos :

Die neuen Tragseile für die Zugspitz-Seilbahn

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