Impfzentrum
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Das Impfzentrum in Garmisch-Partenkirchen – das Bild entstand am 27. Dezember 2020, kurz vor der Eröffnung – soll vorerst bestehen bleiben. Über Herbst und Winter will man breit aufgestellt sein.

Ein Corona-Lagebericht

Vierte Corona-Welle rollt durch Bayern: Experten sicher - „Ungeimpfte werden sich anstecken“

  • Christian Fellner
    VonChristian Fellner
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Die vierte Corona-Welle in Bayern rollt. Viele Mediziner befürchten einen schwierigen Winter. Grund vor allem: Viele Menschen, die sich einfach nicht impfen lassen wollen.

Garmisch-Partenkirchen - Die vierte Welle läuft über Deutschland hinweg, sie hat Bayern im Griff – und auch den Landkreis Garmisch-Partenkirchen erreicht. Lange Zeit lag die Region noch unter der kritischen Inzidenzmarke von 35, ab der speziell für die Innenbereiche die 3G-Regel gilt. Seit 7. September, nun 14 Tage, liegt der Landkreis darüber. Wie sich die Corona-Lage derzeit darstellt, wie es um das Impfen bestellt ist, das hat das Tagblatt mit den Experten vom Gesundheitsamt und aus dem Impfzentrum besprochen.

Als Fazit steht eines fest: Die Mediziner wollen nicht schwarzmalen, dennoch befürchten sie einen schwierigen Herbst und Winter. Der Tenor: Durch den Impffortschritt von nur knapp über 60 Prozent sind bei Weitem nicht genug Leute vor einem harten Verlauf einer Corona-Infektion geschützt. Zudem sind die Beschränkungen aktuell bereits auf ein Minimalmaß heruntergefahren worden. „Nach diesem Winter werden wir endgültig sehen, in welchem Maße die Impfung geholfen hat und welche Auswirkungen das Virus tatsächlich hat“, betont Hansjörg Wiesböck, organisatorischer Einsatzleiter des Gesundheitsamtes in der Pandemie.
Ein Überblick über die Situation:

Corona-Infektionslage in Bayern schwankend - Altersdurchschnitt niedriger

Der Beginn der Rückreisewelle hat die Zahlen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen steigen lassen. Eine Inzidenz unter 35 war somit nicht mehr zu halten. „Viele Infektionen gingen von Rückkehrer aus den osteuropäischen Ländern aus“, sagt Wiesböck. Wobei die Zahlen aktuell sogar wieder leicht rückläufig sind. Entscheidend für ihn: „Der Altersschnitt der Infizierten ist deutlich niedriger.“ Er liegt derzeit bei 34,2 Jahren. „In den ersten Wellen war er stets bei 50 oder knapp drunter.“

Corona-Inzidenz nicht mehr der einzige Maßstab - Vollständig Geimpfte lassen sich nicht testen

Die Corona-Inzidenz ist mittlerweile eine schwierige Größe. Daraus macht Dr. Karin Kübler, die Leiterin des Gesundheitsamtes, keinen Hehl. „Intern für uns im Landkreis ist das schon ein wichtiger Wert, aber wie aussagekräftig er noch ist, das kann ich auch nicht sagen.“ Denn eines ist klar: So gut die Impfungen gegen schwere Verläufe einer Covid-19-Infektion helfen, so sehr verleiten sie den Menschen, der vollständig geimpft ist, sich nicht mehr testen zu lassen. „Die Dunkelziffer kennen wir einfach nicht“, sagt Kübler. „Die Geimpften, die sich anstecken, haben wir womöglich nicht mehr auf dem Schirm.“ Denn, und das zeigt die Erfahrung aus den vergangenen Monaten: „Die Verläufe sind deutlich schwächer.“ Die Betroffenen hätten einen Schnupfen oder andere Erkältungssymptome, „aber deswegen gehen sie nicht mehr zum Testen“. Oder sie greifen zum Schnelltest aus dem Discounter, der nicht die Sicherheit eins PCR-Nachweises biete. „Testen bleibt unser wichtigstes Instrument“, betont Wiesböck.

Corona-Impfdurchbrüche auch in Bayern - Gefahr bei Ungeimpften jedoch deutlich höher

Die gibt es im Landkreis sehr wohl. 219 Positivfälle hat das Gesundheitsamt in Garmisch-Partenkirchen bisher registriert, die zuvor vollständig geimpft waren. „Bei weit über 50 000“, merkt Wiesböck an. Macht rechnerisch zirka 0,44 Prozent. „Und es war von vorne herein klar, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Ansteckung schützt, sondern eben nur vor einem schweren Verlauf.“ Die meisten dieser Infizierten seien auch nur durch Routine- oder Reihentests erkannt worden. „Weil sie eben so gut wie keine Beeinträchtigungen haben“, betont der Corona-Einsatzleiter. Tatsächlich hat es zu Beginn, im März, noch vereinzelte Ausbrüche in Pflegeheimen gegeben. „Da haben wir wirklich gedacht, das könnte ja spannend werden“, räumt er ein. Doch die Experten machten sich selbst vor Ort ein Bild in einer Garmisch-Partenkirchner Einrichtung. Das Ergebnis: „Es ist nichts passiert, wir waren wirklich beeindruckt“, betont Kübler. „Nur ein Bewohner war in einer Klinik, und genau dieser war nicht geimpft. Allen anderen ging es trotz der Infektion gut.“

Zeigt sich beeindruckt von der Impfwirkung bei neuerlichen Positivfällen in Altenheimen: Hansjörg Wiesböck.

Impffortschritt in Bayern verläuft schleppend - Mediziner hoffen auf mehr Einsicht

Ernüchterung herrscht bei den Impfexperten in der Region. Der Landkreis steht offiziell bei knapp über 60 Prozent an Erst- und Zweitimpfungen. Die Zahlen an sich sind es gar nicht. Auch die Medizinier wissen, dass sie sicher nicht den absoluten Stand abbilden, da sich zahlreiche Urlauber in die Region haben die Spitze versetzen lassen, andererseits aber auch über Betriebe Landkreisbewohner in anderen Regionen geimpft worden sind. Eines aber dokumentiert der Wert, den das Tagblatt täglich veröffentlicht, allerdings schon: Es gibt kaum mehr Fortschritt. „Es ist frustrierend“, sagt Dr. Alexandru Munteanu. „Wenn sich die Leute nicht impfen lassen, gibt es am Ende doch wieder Kontaktbeschränkungen“, vermutet der leitende Impfarzt des Landkreises. Dr. Kristina Ott, die Koordinatorin der Hausärzte in der Pandemie, hat festgestellt, dass es „kaum nicht Menschen gibt, die in der Frage unentschlossen sind. Entweder sagen sie Ja oder Nein“. Das Impfen in den Praxen der niedergelassenen Ärzte ist stark zurückgegangen. Hatten ihre Kollegen und sie in Garmisch-Partenkirchen in der Hochzeit vor einigen Monaten noch 50 bis 100 Spritzen pro Woche gesetzt, so seien es aktuell vier oder fünf Erstimpfungen.

Zumindest die Infrastruktur bleibt dem Landkreis vorerst erhalten – fürs Testen wie für das Impfen. „Auf jeden Fall bis 30. April 2022“, betont Marcel Hoffmann, der organisatorische Leiter des Impfzentrums. Beim Vorgehen der Staatsregierung muss auch ein wenig schmunzeln. „Eigentlich sollen die Zentren um 75 Prozent heruntergefahren werden, dann heißt es aber auch, dass wir in der Lage sein sollen, binnen vier Wochen wieder auf 100 Prozent zu kommen.“ Also bleibt die Einrichtung am Alpspitz-Wellenbad in Garmisch-Partenkirchen vorerst so stehen, wie sie ist. Das Zentrum gehört in Bayern sowieso zu den kleinsten. „In München haben sie welche am Flughafen, am Bahnhof, in Shopping-Zentren, dagegen sind wir wie ein Dorf“, sagt er. Die Frage nach Kosten und Nutzen stelle sich im Fall des Landkreises nicht wirklich.

Ist im Landratsamt für das Impfzentrum verantwortlich: Marcel Hoffmann.

No läuft das Impfen ja auch. Wenn auch zaghaft. „Wir haben immer mehr Jugendlichen zwischen 12 und 18, die zu uns kommen“, betont Hoffmann. Zudem werden die Open-House-Zeiten ohne Termin gerne angenommen. In den vergangenen zwei Wochen waren es einmal mehr als 400 Impfungen sowie einmal sogar mehr als 500 Spritzen, die gesetzt wurden. Ob die 3G-Regel tatsächlich die Menschen nochmals motiviert, sich schützen zu lassen, dazu kann Hoffmann noch nichts sagen: „Dafür ist es zu früh, das werden wir sehen.“

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Drittimpfungen in Bayern: Nicht alle Landkreise verfahren gleich

Ein großes Thema derzeit. Bisher aber nicht im Landkreis. Erst neun Drittimpfungen hat es bisher im Impfzentrum gegeben. Das bestätigt Stephan Scharf, der Pressesprecher des Landratsamtes. Warum die deutschlandweit propagierte „Booster-Impfung“ noch auf sich warten lässt, erklärt dagegen Munteanu: „Es gibt zwar viele Expertenmeinungen dazu, aber bisher noch keine klare Anweisung durch die Stiko (Ständige Impfkommission, Anm.d.Red.).“ Die müssten und werden die Verantwortlichen im Kreis abwarten. Die wenigen Drittimpfungen, die bisher verabreicht wurden, waren medizinische Ausnahmen. „Wenn Menschen beispielsweise keine oder nur wenige Antikörper entwickeln“, klärt Munteanu auf.

Klar ist: Der Landkreis verfährt wie bei den Erst- und Zweitimpfungen nach seinem bewährten Fahrplan: Ü80 zuerst, vor allem Menschen in stationärer Pflege. „Wir gehen davon aus, dass wir Anfang Oktober beginnen können“, sagt Hoffmann. „Im Impfzentrum wie auch bei den Hausärzten.“ Erste Abfragen bei den Altenheimen habe es von Landkreis-Seite bereits gegeben. Die Rückmeldungen fielen positiv aus. Das Interesse ist da.

Allgemeinmedizinerin Ott geht grundsätzlich nicht von einem Hauen und Stechen um die dritte Spitze aus. „Der große Unterschied zu den ersten Wochen und Monaten ist ja, dass wir jetzt den Impfstoff vorrätig haben.“ Nun müsse nur die Impfkommission den Startschuss geben.

Blick nach vorne bei Corona-Situation in Bayern

Die nahe Zukunft bereitet den Verantwortlichen im Gesundheitsamt durchaus Sorgen. „Wir werden mit Corona leben müssen“, sagt Kübler nicht zum ersten Mal in dieser Pandemie. Und doch: Ihre Worte klingen deutlich ernster als noch vor einigen Monaten. „Wir haben keine Glaskugel“, betont die Amtsärztin, „aber die Ungeimpften werden sich in nächster Zeit wohl anstecken.“ Wiesböck pflichtet seiner Chefin bei. „Das wird der erste Winter, in dem das Virus quasi frei zirkulieren kann.“ Weil eben die Restriktionen durch die Politik weit zurückgefahren wurde. Auch Geimpfte werden sich anstecken. Dass die Corona-Krise nicht vorbei ist, sollte jedem Bürger klar sein. „Aus historischer Historie liegt ein Pandemie-Zyklus eben nicht bei einem bis zwei Jahren, sondern bei drei bis fünf.“ Könne man dann über Covid-19 sagen, dass es sich wie bei der Gruppe, der Influenza, verhält, dann müsse man im Endeffekt froh sein. Denn mit dieser Infektionen könne die Menschheit dank der Impfmöglichkeiten gut leben. Wobei Wiesböck auf ein Detail verweist: „Egal, wie wir die Corona-Zahlen betrachten, die Fallsterblichkeit liegt sicher um das Zehnfache höher aus bei der Influenza.“

Hilfe biete die Corona-Impfung. Doch eine Quote von mehr als 80 Prozent wie in Dänemark, ist laut Kübler in Deutschland nicht zu erwarten. „Auf freiwilliger Basis schaffen wir das nicht.“

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