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Lässt die Ratsche ab Karfreitag rattern:  Ministrant Toni Neff im Glockenturm der St. Martin-Pfarrkirche in Garmisch.

Die Ratschen sind teilweise über 100 Jahre alt

Uralte Tradition: Wenn die Glocken fliegen, wird in Garmisch geratscht

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Sie wird heuer 100 Jahre alt, ist aber immer noch aktiv im Einsatz: Die Ratsche aus dem Hause Ostler rattert am Karfreitag ab 6 Uhr im Ortsteil Garmisch. Hinter dem Instrument steckt eine rührende Familiengeschichte.

Garmisch-Partenkirchen – Der Wecker klingelt früh. An diesem Karfreitag treffen sich um 5.30 Uhr morgens 13 junge Burschen und Mädls vor der Pfarrkirche St. Martin im Ortsteil Garmisch. Die Ministranten machen sich dann auf den Weg hinauf zum Glockenturm. Einer von ihnen ist Toni Neff, 17 Jahre alt – der Älteste unter den Messdienern, die an diesem Tag in aller Früh ein ganz besonderes Brauchtum pflegen: das Osterratschen.

Schon am Mittwoch zuvor putzten sie den Glockenturm und trafen die letzten Vorbereitungen. 13 alte Ratschen aus Holz haben sie fixiert. „Das sind alles Erbstücke von Garmischer Familien“, sagt Neff. Nur die große Turmratsche in der Mitte, die das Zentrum bildet, bleibt das ganze Jahr über in der Kirche. Sie wird ab Karfreitag von fünf Ministranten im Wechsel betrieben. Neff überprüfte mehrmals alle Befestigungen, schließlich feiert eines der guten Stücke in seiner Obhut heuer seinen 100. Geburtstag: die Ratsche der Familie Ostler aus dem Ortsteil Garmisch.

Ein Job für Frühaufsteher: Geratscht wird ab 6 Uhr morgens

Die Ministranten an den Fenstern sichern sich mit Klettergurten. Um Punkt sechs Uhr am Karfreitag drehen Neff und seine Begleiter an den Handkurbeln der Ratschen. Kleine Hämmer rotieren und schlagen auf Latten. Bis zum Gloria in der Osternacht auf Ostersonntag sind sie in Garmisch zu hören. Statt dem üblichen Glockenklang knattert es für zwei Tage laut in Garmisch. Nur noch die Uhrzeit verkünden die Glocken. Insgesamt ratschen die Ministranten 14-mal. Um 6 Uhr morgens, bei allen Messen und zur Mittagszeit um 12 Uhr wird sogar ganze 14 Minuten lang Lärm gemacht. Die Messdiener wechseln sich ab mit dem Ratschen. „Der Drehplan ist streng durchgetaktet“, sagt Neff. In den Pausen gehen die Ministranten von Haus zu Haus und sammeln Ratschengeld für diese beschwerliche Arbeit.

„An Karfreitag fliegen die Glocken nach Rom“

Belesen und geschickt war Kaspar Ostler (r.), Altbürgermeister und Ehrenbürger von Garmisch. Er baute die 100 Jahre alte Ratsche.

Seit wann es diese Tradition im Ortsteil Garmisch gibt, ist nicht bekannt. Der Brauch geht auf ein altes Märchen zurück: „An Karfreitag fliegen die Glocken nach Rom“, sagt Karl Ostler. Er ist der Besitzer einer der ältesten Ratschen in Garmisch-Partenkirchen. Sein Großvater Kaspar Ostler hat sie für seinen Papa gebaut. Heuer ist dieses Familienerbstück seit 100 Jahren im Einsatz. Die Handarbeit ist robust. „Wir mussten nur die Handkurbel erneuern“, sagt Ostler. Ansonsten sind alle Holzteile noch Originale von 1919. Vor und nach Ostern steht es im Wohnzimmer im Haus der Ostlers am Marienplatz. Gleich neben einem Bild von Ostler, das den Altbürgermeister und Ehrenbürger mit seiner Bürgermeisterkette von Garmisch zeigt. Von 1929 bis 1933 leitete er die Geschicke des damals noch autarken Ortes. „Dann haben ihn die Nationalsozialisten abgesetzt“, erklärt sein Enkel Karl Ostler. Der Familie hinterließ sein Opa neben dem Wohn- und Geschäftshaus am Marienplatz, das dieser 1932 mit den beiden Geschäftsmännern Josef Schnitzer und Josef Grassl errichtet hat, auch die alte Ratsche. „K 1919 O“ ist auf ihr eingeritzt.

Der „Mola Kaspar“, wie ihn die Einheimischen kannten, wurde 1880 in Garmisch geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Wagnerlehre bei Anton Tiefenbrunner in Mittenwald. Seine Begabung war bemerkenswert. Einmal wettete er, ein Rad anzufertigen und am gleichen Tag noch nach Garmisch zu treiben. Die Abmachung gewann er. So lernte er das filigrane Bearbeiten von Holz, ehe er 1914 als Infanterist und Sanitäter im Alpenkorps an verschiedenen Fronten während des Ersten Weltkriegs kämpfen musste. Nach einer schweren Ruhr-Erkrankung kam er nach Garmisch und fertigte als Dank für seine Rückkehr 1919 für seinen Sohn Karl Ostler senior eine Karfreitagsratsche. Dieser führte als Ministrant diese alte Garmischer Tradition fort. Ein Geschenk, das heute noch laut durch seinen Heimatort zu hören ist.

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