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Dieses Haus in Bad Bayersoien hat Franz Degele von einer alten Dame, die mittlerweile verstorben ist, überlassen bekommen. Es ist vermietet. 

Skandal im Rathaus 

Vorteilsnahme: VR-Bank feuert Bad Kohlgrubs Bürgermeister

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    Ludwig Hutter
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Die Karten im Bürgermeister-Wahlkampf in Bad Kohlgrub werden wohl völlig neu gemischt. Franz Degele, der derzeit im Rathaus die Geschäfte führt, ist von seinem Arbeitgeber, der VR-Bank Werdenfels, fristlos entlassen worden. Ob Degele dagegen vorgeht, ist nicht bekannt. Der Vorwurf, der gegen ihn erhoben wird, wiegt schwer.

Franz Degele

Garmisch-Partenkirchen/Bad Kohlgrub -Theaterspielen ist eine große Leidenschaft von Franz Degele (54). Natürlich ist er auch heuer wieder dabei beim Einheimischen-Bauerntheater Bad Kohlgrub. In dem Schwank „Psychostress und Leberwurst“ spielt er den Vilsbauern Vinzenz. Nächste Vorstellung: 18. Juli. Vier Tage vor der Bürgermeisterwahl in seiner Heimatgemeinde. Ob dieses Datum für den Immobilienfachmann, der für die Freien Wähler antritt, indes noch relevant ist, scheint mehr als fraglich.

Dunkle Wolken sind aufgezogen über der Kandidatur des derzeitigen Zweiten Bürgermeisters, der nach dem Rückzug von Karl-Heinz Reichert aktuell die Geschäfte der Gemeinde führt und als aussichtsreicher Anwärter auf den Posten des Rathaus-Chefs galt. Sein Arbeitgeber, die VR-Bank Werdenfels, hat ihm am Mittwoch fristlos gekündigt. Vorstand Martin Sperl, selbst in Bad Kohlgrub zu Hause, überreichte ihm das Schreiben und nahm ihm gleichzeitig die Schlüssel für die Geschäftsräume ab. Der Grund: Degele soll Walter Beller, Vorstands-Vorsitzender des Geldhauses, zufolge „gegen die Compliance-Regeln der Bank verstoßen“ haben. Geldgeschenke und Ähnliches ab einer Größenordnung von 40 Euro müssen angemeldet werden. Alles andere ist Vorteilsnahme. Bei Degele soll es sich, je nach Sichtweise, um ein Haus im Wert zwischen 250 000 Euro und einer halben Million gehandelt haben. „Wir können und werden bei Verstößen eines Mitarbeiters gegen vertragliche oder gesetzliche Bestimmungen im Rahmen seines Arbeitsverhältnisses keine Toleranz walten lassen und in Kauf nehmen, dass unser Ruf oder unser Ansehen hierunter leidet und Schaden nimmt“, sagt Beller. Er macht deutlich, „dass der ganze Vorstand die Entlassung mitträgt.“ Im Gegensatz zum Betriebsrat, der sich dagegen aussprach.

Angelegenheit liegt acht Jahre zurück

Die Angelegenheit, die Degele den Job gekostet hat und die ihn als Bürgermeisterkandidat und derzeit amtierendes Gemeindeoberhaupt enorm beschädigt, liegt bereits acht Jahre zurück, kam aber erst jetzt über Gerüchte, die in Bad Kohlgrub kursieren, ans Licht. Gegenüber dem Tagblatt bestätigt Degele, dass er 2010 von einer älteren Frau, die er im Rahmen seiner Tätigkeit als Berater der VR-Bank Werdenfels als Kundin betreute, ein Haus geschenkt bekommen habe – gegen Verpflichtungen (Nießbrauch/lebenslanges Wohnrecht und Pflege). Dabei handelt es sich, wie Recherchen der Tagblatt-Redaktion ergaben, um ein Anwesen an der Ludwigstraße in Bad Bayersoien – Panoramalage mit Blick auf die Berge und den alten Soier See. Degele in einer Erklärung: „Ich wollte die Schenkung ursprünglich nicht annehmen, sie drängte mich jedoch dazu und wollte das unbedingt.“ Die Frau war 2015 im Alter von 85 Jahren gestorben und besaß neben dem Haus ein ansehnliches Geldvermögen im niederen siebenstelligen Bereich. Da ohne Verwandte, vermachte sie es zum größten Teil kirchlichen und caritativen Einrichtungen.

Degele räumt schweren Fehler ein 

Den „Schenkungsakt“, versichert Degele, habe er dem Compliance-Beauftragten der VR-Bank, in etwa gleichzusetzen mit einem Controller, gemeldet. Allerdings nicht wie vorgeschrieben schriftlich, wie es auch in der Arbeitsanweisung der Bankmitarbeiter steht, sondern, so Franz Degele, „nur telefonisch“. Das sei „ein schwerer Fehler“ gewesen. Nach dem Telefonat mit der Kontrollstelle habe er „dann nichts mehr gehört“. Derartige Anfragen mündlich und nicht schriftlich zu stellen, ist für Beller ein Ding der Unmöglichkeit. „So etwas hat es bei uns noch nie gegeben.“ Der damalige Compliance-Mitarbeiter hat die VR-Bank mittlerweile verlassen. „Wir können ihn nicht mehr befragen“, sagt Beller. Rein rechtlich, meint Degele, sei die Überlassung des Hauses nicht zu beanstanden: „Da war alles in Ordnung.“

Im Gespräch mit der Redaktion versicherte der Mann, seit 1990 in Diensten der VR-Bank, dass er sich bei seinem Arbeitgeber für sein Verhalten entschuldigt habe. Weiter erklärte er, dass er „aufgrund dieses Fehlers“ am 9. Juni sein Arbeitsverhältnis zum 30. September gekündigt hat. Er habe jetzt erst einmal zwei Wochen Urlaub. Dass die Geschäftsleitung der VR-Bank ihm bereits fristlos gekündigt hatte, darüber verlor er kein Wort.

Der zweifache Familienvater ist davon überzeugt, dass „die Geschichte mit dem Haus mit meiner Kandidatur zum Bürgermeister zusammenhängt“. Es sei ihm ein Anliegen, die Wähler rechtzeitig vor dem Wahltag darüber zu informieren. Ob er das Gespräch mit der Tagblatt-Redaktion aus eigenem Antrieb heraus führte oder ob er von anderer, dritter Seite dazu gedrängt wurde, ist nicht bekannt.

VR-Bank spielt mit offenen Karten

Die VR-Bank spielt in diesem Fall mit offenen Karten. Beller machte deutlich, dass man dem Mitarbeiter Lösungen aufgezeigt habe, die eine Kündigung verhindern könnten. Eine Rückabwicklung der Schenkung sei im Gespräch gewesen. Eine Möglichkeit, die für Degele kein Thema war. „Er hat diesen Weg abgelehnt“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Sind weitere Maßnahmen außer der Kündigung geplant? „Wir haben uns derzeit nur mit dem arbeitsrechtlichen Aspekt beschäftigt. Eine Entscheidung, ob wir eine Anzeige stellen, haben wir noch nicht getroffen.“

Walter Beller 

Die Aussagen des Bank-Chefs lassen keinen Raum für Deutungen. Aussagen, die schwer zu glauben sind, gibt es von Degele hingegen mehrere. Wie seine Erklärung, warum er Mitte April mit gebrochener Nase und einem grün-blauen Gesicht die Gemeinderatssitzung leiten musste. Schuld an seinen Verletzungen soll ein unbekannter Schläger gewesen sein. Degele behauptete, dass er nach einer Tagung, die ebenfalls in Zusammenhang mit der VR-Bank steht, in München spätabends unterwegs war. Plötzlich sei er von einem Fremden angegriffen worden und habe eine Faust ins Gesicht bekommen. Warum oder von wem wisse er nicht. Auch nicht, wie er ins Krankenhaus gekommen ist, wo er erst wieder das Bewusstsein zurückerlangt haben will.

Polizei widerlegt Aussagen des Bürgermeisters  

„Man kann wohl froh sein, dass niemand ein Messer dabei hatte“, sagte der 54-Jährige. Und fügte vor den Gemeinderäten und rund 20 Zuhörern an, dass „die Polizei in München bei so etwas ja schon gar nicht mehr kommt“. Eine Behauptung, die im Polizeipräsidium München– gelinde gesagt – für großes Unverständnis sorgt. „Wenn eine bewusstlose und verletzte Person auf der Straße gefunden wird und der Rettungsdienst auch nur geringste Anzeichen für eine Straftat sieht, wird automatisch die Polizei verständigt“, betont ein Sprecher des Präsidiums mit Nachdruck. In so einem Fall sei es „selbstverständlich, dass die Polizei an den Tatort beziehungsweise in das Krankenhaus kommt und entsprechende Ermittlungen einleitet“. Aber: In der Nacht auf den 14. April, in der Degele auf offener Straße bewusstlos geschlagen worden sein will, wurde die Polizei in München „nicht alarmiert“. Die Geschichte Degeles passt offenkundig nicht zu dieser offiziellen Stellungnahme der Polizei. Seltsam ist zudem, dass er, das Opfer roher Gewalt, erst viele Tage nach der Tat Anzeige erstattete. Das bestätigte Degele auf Tagblatt-Anfrage.

Inzwischen will er sich aber nicht mehr zu diesem Punkt äußern. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft haben die Ermittlungen abgeschlossen. Weder wurde ein Täter gefunden, noch gibt es offenbar Versäumnisse des Rettungsdienstes in puncto Alarmierung. Was bleibt, sind viele Fragezeichen und ein Bürgermeister-Wahlkampf in Bad Kohlgrub, in dem die Karten wohl völlig neu gemischt werden.

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