Zwei Männer und eine Frau präsentieren eine Porzellanfigur.
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„Wer, wie, wo war Wackerle?“: Diese Frage haben sich (v.l.) Dr. Gisela Wackerle, Josef Kümmerle und Dr. Lorenz Wackerle 2009 bei der großen Sonderausstellung im Museum Werdenfels gestellt.

Ein Bildhauer im Zeichen der Zeit

„Er hat in der NS-Zeit gelebt und gearbeitet“: Es tut sich was in puncto Aufarbeitung von Josef Wackerles Wirken

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Es tut sich was. Endlich. Ende März findet ein Treffen statt, um zu klären, unter welchen Bedingungen die Werke von Professor Josef Wackerle wieder im Museum Werdenfels gezeigt werden können. 2018 nach dem Umbau und der Erweiterung wurden sie daraus verbannt. Zunächst sollte die Rolle des Bildhauers in der NS-Zeit beleuchtet werden.

  • Bei der Machtergreifung der Nazis war Josef Wackerle bereits ein erfolgreicher, etablierter Künstler.
  • Ein Treffen mit Vertretern der nichtstaatlichen Museen soll einen Lösungsweg für die Aufarbeitung seines Wirkens bringen.
  • Der Bildhauer ist für den Landkreis und den Markt Garmisch-Partenkirchen, dessen Ehrenbürger er ist, von Bedeutung.

Garmisch-Partenkirchen – 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Professor Josef Wackerle längst ein etablierter Künstler. Einer, der schon viele bedeutende Stationen hinter sich hatte. Der Partenkirchner war schon mit 26 Jahren Künstlerischer Leiter der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, für die er zahlreiche Figuren entworfen hat, von denen etliche heute noch verkauft werden. Er unterrichtete am Kunstgewerbemuseum Berlin sowie an der Kunstgewerbeschule und der Akademie der Bildenden Künste in München. Zudem gehörte er der Preußischen Akademie der Künste Berlin an. „1933 war er 53 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere“, betont Dr. Gisela Wackerle. „Ein anerkannter, gestandener Künstler, der den Zeitgeist getroffen und versucht hat, sich zu drücken, so weit es ging.“ So sieht’s die Frau seines Enkels. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung über Wackerles Wirken im Dritten Reich steht bislang allerdings aus.

Deshalb finden sich Wackerles Arbeiten derzeit nicht im Museum Werdenfels. Seit der Erweiterung der Ausstellungsräume, die 1973 im Geburtshaus des Künstlers untergebracht wurden, liegen seine Objekte im Depot. Und das, nachdem sie über 40 Jahre fester Bestandteil des Museums waren. Bis 2018. Für den Um- und Neubau beantragte der Landkreis als Träger Fördergelder. Mit rund 112 000 Euro bezuschusst die Bayerische Landesstelle für nichtstaatliche Museen das Projekt. Unter Vorbehalt: Schau und Museum müssen „historisch korrekt und transparent mit der Geschichte seiner Künstler und Informationen“ umgehen. Heißt im Umkehrschluss: Ohne kunsthistorische Expertise zu Wackerles Vergangenheit keine Ausstellung.

Die Familie Wackerle fühlt sich von Markt und Landkreis im Stich gelassen

Der Landkreis vertritt die klare Ansicht, dass die Familie diese in Auftrag geben muss. „Sie hat das erforderliche Material“, sagt Museumsleiter Josef Kümmerle. Dr. Lorenz Wackerle, der Enkel des Bildhauers, und seine Frau fühlen sich damit allerdings etwas allein gelassen. „Wir sind ratlos.“ Denn welche Form und welchen Umfang das geforderte Werk haben soll, wissen sie nach wie vor nicht. Eine Biografie über Josef Wackerle und sein gigantisches Werk zu verfassen, „ist eine Aufgabe, die sich wohl über drei Jahre hinzieht“, meint Gisela Wackerle. Ein Doktorand hat angesichts der enormen Fülle an Material wieder hingeschmissen. Somit stehen die Wackerles wieder am Anfang und fühlen sich vom Kreis und auch von der Marktgemeinde, deren Ehrenbürger „der Sohn und große Künstler unserer Bergheimat“ seit 1924 ist, im Stich gelassen.

Bei der Machtergreifung der Nazis war der Bildhauer, hier in seinem Berliner Atelier, längst ein anerkannter Künstler.

Das soll nicht sein, darin sind sich alle Beteiligten einig. „Uns ist es ein Anliegen, diesen deutschlandweit bedeutenden Künstler wieder zu zeigen“, unterstreicht Kümmerle. Deshalb hat er sich um einen Termin mit Dr. Dirk Blübaum, dem neuen Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, Dr. Christof Flügel, der ebenfalls erst seit Kurzem für den Landkreis zuständig ist, und der Familie bemüht. Ende März findet das Treffen statt, von dem sich Kümmerle „einen gangbaren Weg“ erhofft. Einen angemessenen Raum, um Wackerles Schaffen wieder zu präsentieren, hat er bereits ausgemacht.

Der Künstler, der 1959 in seinem Heimatort gestorben ist, „hatte das Problem, dass er in der NS-Zeit gelebt und gearbeitet hat“, sagt sein Enkel. „Und dass er Staatsaufträge angenommen hat.“ Der Neptunbrunnen im Alten Botanischen Garten in München ist einer davon. Vergleicht Lorenz Wackerle den Meeresgott mit dem Heiligen Sebastian, der seit 1924 das Kriegerdenkmal in Partenkirchen ziert, entdeckt er viele Parallelen. „Die beiden könnten verwandt sein.“ Für ihn ein deutlicher Beleg dafür, dass sich sein Großvater nicht verbogen oder angebiedert hat, um den neuen Machthabern zu gefallen. Auch seine Rosseführer am Marathontor am Berliner Olympiastadion interpretiert er so. Klassizistisch nennt er den Stil, der vor allem in den kleinen Modellen deutlich hervortritt. Die monumentalen Plastiken am früheren Reichssportfeld haben viel davon eingebüßt.

Historikerin sieht den Bildhauer nicht als Nazi-Künstler

Wackerle war außerdem Sachverständiger in allen kunstsachlichen Fragen, was die Eröffnung der ersten Ausstellung im Haus der Kunst in München betraf. Beate Eckstein zufolge, die sich in ihrem 2005 erschienenen Buch mit „Architektur- und Denkmalsplastik der 1920er bis 1950er Jahre im Werk von Karl Albiker, Richard Scheibe und Josef Wackerle“ befasste, gehörte der Partenkirchner auch der Jury an, die die Vorauswahl für diese erste Große Deutsche Kunstausstellung betraf. „Die hat einmal getagt“, betont sein Enkel. Sein Großvater habe derartige Posten nach Möglichkeit abgelehnt und sich auch geweigert, Präsident der Reichskunstkammer zu werden.

Das Werk von Eckstein sehen Lorenz und Gisela Wackerle als gute Grundlage für eine weitere Aufarbeitung. Und sie bestätigen deren Schlussfolgerung: „Auch wenn Wackerles Arbeiten im Dritten Reich den monumentalen Dimensionen der künstlerischen Richtung entsprachen, gelang es ihm, inhaltlich weitgehend eindeutige ideologische Themen zu vermeiden.“ Oft hielt er sich an mythologische Stoffe und Figuren. Sicher ein Grund dafür, dass der Neptunbrunnen nicht mit „Nazi-Kunst“ in Verbindung gebracht wird. In seinem Nachruf hieß es: „Dieser bayerische Künstler gehörte nicht zu den problematischen Naturen und zu den revolutionären Bahnbrechern. Er war kraft seiner Herkunft ein fortschrittlich Konservativer, der, an Altes anknüpfend, Neues geschaffen hat. Und er ist seiner Natur treu geblieben.“

Inwieweit auf diese Veröffentlichungen aufgebaut werden kann, wird sich Ende März zeigen. Fest steht, dass sowohl der Landkreis, als auch die Marktgemeinde bereits signalisiert haben, die Familie mit einer fundierten Aufarbeitung nicht allein zu lassen. „Der Landkreis hat sich grundsätzlich offen für eine anteilige finanzielle Beteiligung an den Kosten gezeigt“, bestätigt Landratsamtssprecher Stephan Scharf. Dem kann sich Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch nur anschließen: „Der Markt muss sich auch beteiligen, schließlich ist er unser Ehrenbürger und wir haben eine Straße nach ihm benannt.“ Dass sie in dieser wohnt und ihr Urgroßvater zudem ein enger Freund des Künstlers war, macht das Thema für sie doppelt spannend. „Man muss sicher Wackerles Gesamtwerk im Zeichen der Zeit anschauen.“ Gegen ein „geschichtliches Fallbeil“, das alles verdammt, was im Dritten Reich passiert ist, wehrt sich Koch aber energisch. „Es gibt nicht nur die eine Wahrheit.“

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