Seit 96 Jahren in Betrieb: das Walchenseekraftwerk.
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Seit 96 Jahren in Betrieb: das Walchenseekraftwerk.

Beteiligte haben sich Schweigegelübde auferlegt

Walchenseekraftwerk: Großer Coup für erneuerbare Energie - steigt die Region ein?

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Die Gespräche laufen unter strenger Geheimhaltung. Doch die Quintessenz sickerte durch: Mehrere Stadt- und Gemeindewerke sowie Verbünde im Landkreis und darüber hinaus loten Möglichkeiten aus, sich gemeinsam am Walchenseekraftwerk zu beteiligen. Sogar der Betrieb der Anlage gilt nicht als ausgeschlossen.

Landkreis/Kochel – Man schweigt, und das eisern. Es gibt keine Kommentare, keine Einschätzungen. „Nachrichtensperre“, sagt ein Mann, der in einem Kommunalunternehmen im Landkreis in verantwortlicher Position sitzt. Dann folgt Stille. Offenbar kann jede Silbe momentan eine zu viel sein. Beteiligte haben sich eine Art Schweigegelübde auferlegt.

Landrat Anton Speer (Freie Wähler) gilt als Mann des offenen Wortes. Er bestätigt zumindest in sehr groben Zügen Pläne, die einen wahrhaft großen Coup auf dem Feld der erneuerbaren Energien darstellen würden, sollte das Unternehmen gelingen: Mehrere Stadt- und Gemeindewerke sowie Verbünde aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen und darüber hinaus könnten versuchen, sich gemeinsam am Walchenseekraftwerk in Kochel am See zu beteiligen. „Es hat verschiedene Gespräche gegeben“, sagt Speer gegenüber dem Tagblatt. Und betont: „Wir befinden uns im Anfangsstadium.“

Die Anlage, die 1924 als Hochdruck-Speicherkraftwerk in Betrieb gegangen ist, gilt bis heute als eine der größten ihrer Art in Deutschland und als Wiege der Stromerzeugung in Bayern. Sie gehört dem internationalen Energieunternehmen Uniper und wird von diesem betrieben. Die Rechte zur Umleitung und Nutzung des Wassers für die Energieerzeugung laufen im Jahr 2030 aus und werden neu vergeben – ein Thema von politischer Dimension, das enorme Wahrnehmung erfährt.

In den Augen von Landrat Speer bietet sich eine große Chance: „Man muss hier mitsprechen.“ Er schließe nicht aus, dass jemand anders zum Zug kommt. „Aber das ist wichtig für die gesamte Region, dafür muss man sich interessieren.“ Die Wasserkraft könne Bedarfsspitzen abdecken. „Sie ist mir sehr wichtig“, untermauert Speer. Er gehört zum Kreis derer, die den Anstoß für die Interessengemeinschaft gaben. Der Landrat spricht von „mehreren Personen, die die Wasserkraft vorantreiben. Wir möchten schauen, dass die Region die Möglichkeit sucht, hier etwas auf den Weg zu bringen“.

Nach Speers Einschätzung könnte „ein gemeinsamer Betrieb möglich sein“. Er weist wiederholt darauf hin, dass die Beteiligten, deren Namen er nicht öffentlich nennt, am Beginn eines langen Prozesses stehen, viele Fragen noch offenbleiben. Zum Beispiel die nach den naturschutzrechtlichen Vorgaben. Umweltverbände kritisieren bekanntlich den Zustand umliegender Gewässer und fordern, dass bei der Neuausschreibung ökologische Aspekte mehr Gewicht erhalten. Die sogenannte wasserrechtliche Gestattung, wie es in korrektem Beamtendeutsch heißt, erteilt am Ende das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen. Die Behörde hatte nach Angaben von Pressesprecherin Marlis Peischer gegenüber Uniper im Frühjahr angekündigt, dass die Befristung 2030 ausläuft. Damit wird ein neuer Antrag nötig.

Bislang sitzt Uniper an den Hebeln – und möchte diesen Status über 2030 hinaus behalten. „Wir haben unser Interesse an einer Fortsetzung und am In-die-Zukunft-Führen dieses Kraftwerksystems bereits kundgetan“, sagt Theodoros Reumschüssel, der Pressesprecher Wasserkraft. Noch wagte sich offiziell keine Konkurrenz aus der Deckung. Im Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen lag bis Dienstag „kein anderweitiger Antrag vor“, erklärt Peischer.

Reumschüssel geht selbstbewusst davon aus, dass Uniper das Kraftwerk über 2030 hinaus betreiben wird. Deshalb setze sich das Unternehmen auch nicht mit der Frage einer Entschädigung beziehungsweise eines Kaufpreises auseinander. Die Konzession sieht seinen Worten nach vor, dass deren Geber die Anlage in gutem baulichen Zustand zurückerhält. Von einer Entschädigung, etwa für Investitionen, sei nicht die Rede.

Reumschüssel nennt keine Summen, macht aber kein Geheimnis daraus, dass Uniper mit dem Walchenseekraftwerk schwarze Zahlen schreibt. Er outet sich als „Fan“ der Anlage, die das natürliche Gefälle zwischen Walchen- und Kochelsee zur Erzeugung sauberen, praktisch emissionsfreien Stroms nutzt. Über sechs 400 Meter lange Druckrohrleitungen stürzt das Wasser zu den Turbinen im etwa 200 Meter tiefer gelegenen Maschinenhaus. Jährlich rund 300 Millionen Kilowattstunden werden auf diese Weise produziert. „Die Menge reicht für 100 000 Haushalte“, sagt Reumschüssel. Dafür wird der Isar – vor allem am Wehr bei Krün – und Bächen Wasser entnommen, was nicht ohne Folgen bleibt.

Die Anlage wird als schnellstartendes Spitzenlastkraftwerk betrieben. Sie leistet treue Dienste, wenn etwa nicht genügend Strom aus Sonnen- und Windenergie ins Netz eingespeist wird oder eine erhöhte Nachfrage besteht. Reumschüssel spricht respektvoll von einer „alten Dame mit hochaktueller Aufgabenstellung“, von einem „wunderbaren Beispiel dafür, was Nachhaltigkeit darstellt“. Auch mit ihrer Effizienz kann die robuste und auf Langlebigkeit angelegte 96-Jährige offenbar punkten. Diese beschreibt der „Erntefaktor“. In dem Punkt, sagt Reumschüssel, stehe die Anlage „fantastisch da“. Er schwärmt: „Wir lieben dieses Kraftwerk.“ Andere haben zumindest ein Auge darauf geworfen. Klammheimlich. Die alte Dame ist (noch) gebunden.

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