Verkäufer der Werdenfelser Werkstätte in Garmisch-Partenkirchen.
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Sicherheit hat Vorrang im Laden der Werdenfelser Werkstätte. Mitarbeitern Cornelia Stahr (l.) und Leiter Peter Pfeiffer präsentieren die selbstgefertigten Produkte.

Ein Restrisiko bleibt immer

Werdenfelser Werkstätten: Adventsbasar abgesagt – Betrieb kann trotz Corona weiterlaufen 

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Der Betrieb in den Werdenfelser Werkstätten kann trotz Corona weiterlaufen. Dafür hat Leiter Peter Pfeiffer ein hochkomplexes Hygienekonzept erstellt.

Es ist 16 Uhr – und mucksmäuschenstill. Peter Pfeiffer steht inmitten von Werkbänken, Kisten mit Holzteilen und silbernen Maschinen. Er geht ein paar Schritte. Stets den gelben Pfeilen entlang, die er mit Tape auf den Boden geklebt hat. Ein Einbahnsystem, das durch die Werkstatt, die Verwaltungsräume und die Besucherbereiche führt. Auf den Arbeitstischen stehen mannshohe Trennwände. Holzrahmen mit Frischhaltefolie bespannt. Überall ist Desinfektionsmittel zu finden. Große Plakate erklären ein hochkomplexes Hygienekonzept und warum all diese Vorrichtungen nötig sind. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass die Einrichtung in Garmisch-Partenkirchen nicht wieder zu erkennen sind. Doch für Pfeiffer als Werkstattleiter ist das Wichtigste: Der Betrieb läuft.

200 Angestellte arbeiten in den Werdenfelser Werkstätten

Die Zeit nach Feierabend nutzt Pfeiffer täglich für einen Inspektionsgang. Wenn die rund 200 Angestellten – allesamt Menschen mit Behinderungen verschiedenen Grades – sowie 50 Mitarbeiter ihre Tagewerk vollbracht haben. Wenn Ruhe einkehrt. Die Corona-Krise macht vor allem den Behinderteneinrichtungen zu schaffen. Denn der Betrieb mit Menschen mit Handicap ist ein anderer als in einer „normalen“ Firma. Es gibt kein Standardwerk für die Pandemie. Keine allgemein gültige Norm. Kein vorgefertigtes Hygienekonzept.

Pfeiffer musste sich wochenlang Gedanken machen, wie er in Eigenregie ein Konzept ausarbeiten kann, das das Gesundheitsamt letztlich absegnet. Schließlich gehen bei ihm Menschen mit teilweise schweren multiplen Behinderungen ein und aus. Manche von ihnen sind Risiko-Fälle. Die meisten aber nicht. Pfeiffer hat es geschafft. Der Betrieb läuft. Seine Angestellten produzieren Grill- und Ofenanzünder, Holzanfertigungen, Dekorationen, Kunststoffteile – teilweise in millionenfacher Ausführung. Die hauseigene Wäscherei zählt zu den größten in der Region und reinigt Textilien von Privatpersonen, Hotellerie, Bundeswehr und viele mehr. In der Weberei werden Teppiche, Tischläufer oder Sitzbezüge geknüpft. In den vergangenen 40 Jahren – seit 2002 ist der Hauptstandort an der Dompfaffstraße – hat sich die Einrichtung zu einem festen Bestandteil im Landkreis entwickelt. Sogar Kardinal Reinhard Marx oder Sportgrößen wie Madgalena Neuner haben die Räume schon besucht.

Laut Allgemeinverfügung aus dem bayerischen Gesundheitsministerium dürfen, beziehungsweise sollen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ihren Betrieb trotz zweitem Corona-Lockdown aufrechterhalten. Alles andere als einfach, weiß Pfeiffer. Denn ein Restrisiko bleibt immer, auch wenn die vielen Mitarbeiter streng voneinander getrennt sind. Jeder muss sich eintragen, darf nur bestimmte Laufrichtungen gehen. Gegessen wird in aufgeteilten Gruppen. Alles muss schriftlich festgehalten werden und nachverfolgbar sein. „So können wir verhindern, dass wir auf einen Schlag den kompletten Betrieb einstellen müssen, wenn wir einen Positiv-Fall hätten.“ Noch ist die Werkstätte verschont geblieben. Vereinzelt gibt es einen Verdacht. Im schlimmsten Fall muss eine Gruppe in Quarantäne. Doch wie gesagt, „der Betrieb läuft“.

Wir hoffen, dass uns die Gäste, die heuer zum Adventbasar gekommen wären, treu bleiben

Peter Pfeiffer

Das freut nicht nur ihn, sondern vor allem seine Mitarbeiter. Menschen mit Behinderungen nehmen Urlaub anders wahr. Für sie ist nicht arbeiten zu können, keine Erholung, im Gegenteil: „Sie sind furchtbar traurig, wenn sie nicht in die Werkstatt dürfen.“ Auch für Angehörige ist das eine Belastung.

Die Werkstätte muss heuer eine ihrer beliebtesten Veranstaltungen und wichtigsten Einnahmequellen, den Adventsbasar, absagen. Umso wichtiger ist für Pfeiffer, dass der Werkstattladen nach wie vor geöffnet hat. Dort können die Produkte gekauft werden, die die Behinderten herstellen. „Wir hoffen, dass uns die Gäste, die heuer zum Adventbasar gekommen wären, uns treu bleiben“, sagt Pfeiffer. Das hofft auch Ronald Kühn, Vorsitzender der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhilfe.

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