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Nazi-Kunst: Dieses Relief befindet sich an einem Wasser-Hochbehälter im Kramer-Gebiet.

Gemeindewerke beseitigen NS-Relief  

Wirbel um hitlergrüßende Nazi-Figur an Hochbehälter

  • Andreas Seiler
    vonAndreas Seiler
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Bislang fand es offenbar keine Beachtung, doch jetzt sorgt in Garmisch-Partenkirchen ein Relikt aus der NS-Zeit für Kritik – und bringt die Gemeindewerke in die Bredouille. An einem Wasser-Hochbehälter im Kramer-Gebiet prangt ein monströses Relief, das an das dunkle Kapitel der deutschen Geschichte erinnert. Jetzt soll die Nazi-Propaganda komplett verschwinden.

Garmisch-Partenkirchen – Christine Wedler traute ihren Augen nicht, als sie vor einiger Zeit nach einem Hinweis einer Bekannten den Hochbehälter der Gemeindewerke an den Kramerhängen aufsuchte. „Es hat mich gegruselt. Da wurden schreckliche Erinnerungen wach“, berichtet die Garmisch-Partenkirchnerin, die bei den Grünen aktiv ist. Was sie so aufwühlte, ist ein wandhohes Relief an der kleinen Versorgungsstation, das in der typischen NS-Ästhetik gestaltet wurde und offenkundig der Propaganda des „Dritten Reichs“ entsprang. Eine Tafel verweist auf die Entstehungsjahre 1933 und 1934 – also zu oder kurz nach Hitlers Machtergreifung.

Dargestellt ist ein muskelbepackter Mann, übergroß und halbnackt, in strammer Haltung samt Hitlergruß. Am linken Gelenk ist eine gesprengte Kette zu sehen. Wedler spricht von einer „arischen Figur“. Was dabei verwundert: Bislang störte sich anscheinend niemand an der heroischen Wandzierde. Dies mag vielleicht daran liegen, dass das Gebäude zur Wasserversorgung weit entlegen im Wald liegt – abseits der bekannten Wanderwege.

So ganz unter dem Radar konnte jedoch die aus Zement modellierte Vorstellung von einem Herrenmenschen nicht gewesen sein. Denn ein Hakenkreuz, das sich direkt daneben befand, wurde bereits fein säuberlich ausgeschlagen.

Wie dem auch sei: Wedler informierte denSPD-Gemeinderat Alois Schwarzmüller über ihre verstörende Entdeckung. Und der Lokalhistoriker, der sich wie kein Zweiter mit der braunen Vergangenheit des weltberühmten Olympia-Ortes auskennt, wandte sich direkt an den Chef der Gemeindewerke, Wodan Lichtmeß. Schwarzmüller, der im Verwaltungsrat des Eigenbetriebs des Marktes sitzt, kannte nach eigenen Angaben bis dahin auch nicht die Nazi-Werbung an dem Wasserspeicher. Der Schock war daher umso größer: „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, berichtet der pensionierte Lehrer. Für Schwarzmüller stand sofort fest: „Man muss sich von solch einer Figur distanzieren.“ Und weiter: „Das ist eine Schande.“ Was ihm besonders missfällt: Die gebrochene Kette könnte man auch als Absage an die junge Demokratie der Weimarer Republik interpretieren – zumal in einem Schriftzug über dem Ganzen steht: „Gefahr erkannt, Not gebannt“. Schwarzmüller regte daher an, die braune Symbolik hinter einer Holzverschalung verschwinden zu lassen.

Die Gemeindewerke reagierten auf die Empörung prompt – allerdings mit einer Aktion, die die Wogen keinesfalls glättete. Sie montierten vor den zum Hitlergruß weit ausgestreckten Arm einfach eine Metallplatte – als eine Art Sichtschutz. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: „Ich finde das fragwürdig und hätte mir eine komplette Entfernung der Figur gewünscht“, kommentierte Wedler in einer ersten Reaktion. Bei Schwarzmüller klang es nicht anders: „Ich bin nicht zufrieden mit dieser Lösung“, befand der Kommunalpolitiker.

Gestern schlugen dann die Gemeindewerke – kurz nach einer Anfrage des Tagblatts – einen neuen Kurs ein. Lichtmeß teilte mit, dass das umstrittene Bildwerk nun unverzüglich und komplett entfernt und der besagte Spruch unkenntlich gemacht werde. Die Arbeiten hätten bereits begonnen. „Am besten ist alles weg“, lautet die Devise des Vorstands. Eine Abtragung und ein Erhalt der NS-Kunst sei aus technischen Gründen nicht möglich. „Es muss kaputt gemacht werden.“ Und woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Bei dem Hochbehälter handle es sich um eine sensible Infrastruktur, argumentiert Lichtmeß. Das Risiko sei zu hoch, dass möglicherweise Leute aus dem extremistischen Spektrum dorthin pilgern.

Wedler ist jedenfalls mit dem Ausgang zufrieden: „Super“, sagt sie. „Für mich ist es ein No-Go, dort eine Figur zu haben, die den Hitlergruß zeigt. Das geht gar nicht.“

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