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Auf der Abschussliste stehen auch jünge Gämsen.

Bestand gefährdet?

Zu viele Abschüsse: Der Gams geht’s schlecht

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Die Gams, Sinnbild der Alpen, ist offenbar bedroht. Weil durch den strengen Winter und den heißen Sommer viele Tiere gestorben sind, fordert Tessy Lödermann eine Herabsetzung der Abschusszahlen. Sie sieht den Bestand gefährdet. Ihre Meinung ist konträr zu den Ansichten, die in Behörden und Ministerien herrschen.

Landkreis – Tessy Lödermann sorgt sich – um Tiere im Allgemeinen und im Besonderen um die Gams. Sie sieht den Bestand gefährdet und prangert die hohen Abschusszahlen der Tiere an, die als Sinnbild für die Alpen gelten. Nicht umsonst habe der Landkreis im Rahmen der Landesausstellungen „Wald, Gebirg’ und Königstraum – Mythos Bayern“ mit den Gämsen geworben. Mehr als 1000 Stück wurden jeweils in den Jahren 2015 bis 2017 geschossen. Das besagt eine Statistik, die der Tagblatt-Redaktion vorliegt und die Lödermann beim Landratsamt angefordert hatte. „Wie hoch der Bestand ist, weiß allerdings niemand“, sagt Lödermann. „Im Landkreis gibt es vermutlich bald mehr Gamsbärte als Gämsen.“

Tierschützerin Tessy Lödermann.

Dass die Verluste in den vergangenen Jahren extrem nach oben gegangen sind – nicht nur wegen der hohen Abschusszahlen – darüber glaubt sie Gewissheit zu haben. Im vergangen Winter soll es einen Ausfall durch Abstürze, Krankheit, zu wenig Nahrung und so weiter von 187 Tieren gegeben haben. Das sind Lödermann zufolge fast dreimal mehr als 2016/17 und siebenmal mehr als 2015/16. Bei einem runden Tisch in Eschenlohe im Juni erklärte Regierungsjagdberater Hubert Reichseder, „dass höchstens ein Drittel des Fallwildes gefunden wird“. Auch Lödermann (62) glaubt, dass die Zahlen weit höher liegen. „Es ist uns allen bekannt, dass die Hornsucher“, – damit meint sie Trophäensammler – „keine Fallwildmeldungen machen.“ Im Landratsamt, dort ist die Untere Jagdbehörde angesiedelt ist, zieht man ihre Erkenntnisse in Zweifel. Ihr sei gesagt worden, sie solle Beweise bringen. „Ich habe wenig Zeit, um draußen unterwegs zu sein. Aber ich bin losgezogen und habe acht verendete Tiere gefunden. Dies alles in einem Radius von fünf Kilometern im Bereich der oberen Loisach.“

In den deutschen Alpen ist die Gams vor allen in Oberbayern und teilweise im Allgäu beheimatet. Kleine Bestände gibt es auch im Schwarzwald. Lödermann zufolge wird im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ungefähr ein Viertel der bayerischen Gamsabschüsse vorgenommen. „Wir haben eine ganz besondere Verantwortung für das Charaktertier Gams“, sagt die Leiterin des Tierheims und Vizepräsidentin des Landesverbands Bayern im Deutschen Tierschutzbund. Und der kommen ihrer Meinung nach nicht immer alle nach. Ein Anhang einer FFH (Fauna, Flora, Habitat)-Richtlinie besagt, dass die Gams nur bejagt werden darf, wenn sie sich in einem günstigen Erhaltungszustand befindet. Und das ist heuer nicht der Fall gewesen. „Der vergangene Winter war zu streng, der Sommer hingegen zu heiß und zu trocken“, sagt sie. Die Tiere fanden zu wenig Nahrung und Wasser. „Schon allein aus diesem Grund wäre eine Anpassung des Abschussplans erforderlich gewesen“, sagt Lödermann. Dem widerspricht das Landratsamt. Die klimatischen Verhältnisse zeigten keine dramatische Abweichung vom Mittelwert der Jahre 1981 bis 2010. „Es zeichnet sich allerdings ab“, sagt Landratsamtssprecher Stephan Scharf, „dass die Zahl der Kitze deutlich niedriger liegt als in den Vorjahren.“ Die Folge: Die Behörde will keine Bußgelder verlangen, wenn der Abschussplan für das Jagdjahr 2018/19 nicht erfüllt wird.

Dass die Tiere notleidend sind und Hilfe in jeder Form benötigen, bestätigen mittlerweile viele Experten. Deren Urteil, das sie auf zahlreichen Symposien fällten: „Es ist fünf vor zwölf für die Gams.“ Die Uhr scheint abzulaufen. Auch, und das wirft Lödermann der Unteren Jagdbehörde vor, weil man sich dort nicht an Vorgaben halte. So sollen die Abschusspläne für die Tiere erst ab Juni aufgestellt werden. Der Jagdbeirat legte die Abschusszahlen allerdings schon im Rahmen seiner Sitzung am 24. Mai fest. „Ohne die Winterverluste zu kennen“, moniert Lödermann. Auch diesen Vorwurf will das Landratsamt nicht auf sich sitzen lassen. Zeitlich Verzögerungen beim Abschussplan würden zu Rechtsunsicherheit führen „und keinem Beteiligten helfen“. Den Gämsen womöglich schon.

Die Prognosen für die Gams in unserer Region dürften sich in Zukunft weiter verschlechtern. Diesen Schluss lässt das „Forstlichen Gutachten zur Situation der Waldverjüngung 2018“ zu, das Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) gestern im Landtag vorstellte. Danach ist der Anteil der von Rehen, Hirschen und Gämsen abgebissenen Leittriebe bei Nadelbäumen von drei auf vier Prozent gestiegen, bei Laubbäumen von 18 auf 19 Prozent. Sorge bereitet der Ministerin vor allem der Bergwald, wo der Verbiss bei der für die Stabilität so wichtigen Tanne von 13 auf 21 Prozent nach oben geschnellt ist. „Das ist zu viel“, sagt Kaniber. Im Bergwald sowie in einigen anderen Regionen müsse die Bejagung deshalb verstärkt werden. Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist besonders davon betroffen. Die Empfehlung aus dem Gutachten: Die Abschüsse müssen „deutlich erhöht“ werden, weil der Verbiss in der Region „deutlich zu hoch“ liegt.

Das Urteil macht Lödermann „fassungslos“. Das Motto „Abschuss rauf“ ist für sie zu kurz gegriffen. Man könne nicht nur dem Wild die Schuld in die Schuhe schieben.

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