Mediziner schlagen Alarm

Zu wenig Kinderärzte: kein Notdienst

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen fehlen Kinderärzte. Das hat massive Auswirkungen auf den Notdienst.

Landkreis – Der 15 Monate alte Moritz, mit seinen Eltern und dem älteren Bruder zu Besuch bei Oma und Opa in Garmisch-Partenkirchen, bekommt zu seiner leichten Erkältung plötzlich Fieber. Als er nach einer schlaflosen Nacht am Morgen immer noch hohe Temperatur hat, scheint der Besuch beim Kinderarzt unumgänglich. Da es Samstag ist, die Kinderarztpraxen im Landkreis geschlossen haben, informiert sich die Familie über die Telefonnummer 116117 beim Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst Bayern. Die Auskunft ist allerdings ernüchternd: Der Bub kann gerne ab 9 Uhr in der kassenärztlichen Notdienstpraxis, die es seit 2017 in den Räumlichkeiten des Klinikums an der Auenstraße gibt, dem diensthabenden Mediziner vorgestellt werden. Einen speziellen Kinderarzt-Notdienst gebe es im Landkreis aber nicht. Ungläubiges Staunen bei Eltern und Großeltern.

„Das ist schlichtweg falsch“, widerspricht Dr. Clemens Stockklausner, Chefarzt der Kinderklinik im Garmisch-Partenkirchner Klinikum. „Vor einem Jahr, seit dem Wegfall des bis dahin gut funktionierenden speziellen pädiatrischen Notfalldienstes durch die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte, sind wir – da waren wir uns mit der Klinikleitung einig – in die Bresche gesprungen.“ Das heißt für das Krankenhaus, dass außer dem medizinischen Personal auf den Stationen zusätzlich ein Kinderfacharzt für die Ambulanz nachts, feiertags und an den Wochenenden in Bereitschaft ist. Die Mehrkosten trägt das Klinikum. „Uns ist es wichtig, 365 Tage, 24 Stunden auch ambulant für unsere jüngsten Patienten da zu sein. Das Kleinkind hätte zu uns geschickt werden müssen.“

Damit so etwas und ähnliche Fälle, bei denen Mütter mit ihrem kranken Nachwuchs in andere Landkreise verwiesen wurden, nicht wieder passiert, hatte die Klinikleitung sofort den Kontakt zur Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) gesucht. Hier gab es die Auskunft, dass ein Kommunikationszentrum den Ansagedienst für den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst übernommen habe, man sich aber kümmern werde.

Die derzeitige Interimslösung für die ambulante Versorgung kranker Kinder nachts, feiertags und an den Wochenenden im Klinikum sehen alle Beteiligten nicht als Dauerzustand, denn die Klinikärzte haben eigentlich andere Aufgaben, werden bei Neugeborenen und schwerkranken Kindern gebraucht. „In den Kinder- und Jugendarzt-Praxen von Dr. Susanne und Daniela Wohlmann und in meiner Gemeinschaftspraxis sind wir derzeit zu wenig Pädiater, um neben unseren Praxis-Sprechstunden auch noch den gesamten zeitlichen Rahmen, wie ihn die KVB verlangt, abdecken zu können“, erklärt Dr. Gerhard Steinberg.

Für einem vollen kassenärztlichen Notdienst, wie es ihn in den Landkreisen Rosenheim oder Weilheim-Schongau gibt, fehlen die Kinderärzte aus Murnau, die aus der Zeit vor der Gebietsreform in Weilheim eingegliedert sind. „Deshalb hatten wir ja unser eigenes mit Hilfe des Klinikums gut funktionierendes Teilmodell im Landkreis. Das fiel aber der Bürokratie zum Opfer“, bedauert Dr. Daniela Wohlmann. Stattdessen sind die hiesigen niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte in das turnusmäßige Bereitschaftssystem des KVB eingebunden. „Hier behandle ich dann Erwachsene, aber bei den Kindern würden meine Fachkenntnisse viel eher gebraucht“, sagt sie.

Gemeinsam mit ihren Kollegen will sie aber nicht aufgeben. „Unser Antrag ist bei der KVB in der Warteposition, soll mit den Berufsverbänden nochmals geprüft werden“, erklärt Steinberg. Bis alles klar ist, sollte es für Eltern kranker Kinder, die die Nummer 116117 wählen, die richtigen Informationen geben. Schließlich geht es um eine kindgerechte Versorgung.

Dem kleinen Moritz geht’s wieder besser. „Wir haben’s mit Hausmitteln hingekriegt“, sagt die 34-jährige Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will und sich weigerte, einen normalen Mediziner aufzusuchen.

Margot Schäfer

Rubriklistenbild: © fkn

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