Großer Waxenstein und die Zugspitze
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Der Berg, unter dem Hans Ettl in Grainau aufgewachsen ist: der Große Waxenstein (l.) im Morgenrot. Daneben der Berg, auf dem er seine Kindheit verbracht hat: die Zugspitze (r.).

„Man lernt mit dem Tod am Berg umzugehen“

200 Jahre Zugspitz-Besteigung: Bergführer (81) über Rettungseinsätze und wie er am Berg seinen Freund verliert

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Vor genau 200 Jahren, am 27. August 1820 um 11.45 Uhr, stand offiziell der erste Mensch auf der Zugspitze. Ein Berg mit besonderer Anziehungskraft. Hans Ettl (81) hat zu ihm einen besonderen Bezug.

  • Zum Jubiläum der Zugspitz-Erstbesteigung sprechen wir mit jemandem, der den Berg so gut kennt, wie kaum ein anderer.
  • Bergführer Hans Ettl (81) erzählt von Glücksmomenten und dramtischen Rettungseinsätzen auf der Zugspitze.
  • Und er berichtet vom schlimmsten Moment, als sein Freund vor seinen Augen abstürzt.

Grainau/Garmisch-Partenkirchen – Hershey-Schokolade, jede Sorte so schön bunt verpackt. Zudem Bananen, Äpfel – und Obst, das der Bub noch nie gesehen hat. Bei den Eltern unten im Tal in Grainau gibt es das nicht. Hier oben im Schneefernerhaus, da essen Hans und seine Freunde so viel US-Schokolade und Obst, wie sie wollen und können. Für sie, die Kinder der Zugspitzbahnmitarbeiter, haben die amerikanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg auf 2656 Metern Höhe extra eine Weihnachtsfeier organisiert. Umsonst Skifahren dürfen die Mädchen und Buben auch an den beiden Skikuli, den kleinen Seilliften am Platt, die die Amerikaner gebaut haben. Auf seinen kurzen Skiern rauscht auch Hans Ettl über die Buckel, Pistenraupen gibt es ja keine. Um die sechs Jahre ist er alt.

Sein Papa ist einer der Bahnmitarbeiter. In der Früh fährt der Bub oft mit ihm von Grainau in der Zahnradbahn auf den Berg. Stundenlang zigeunert er im Sommer allein oder mit einem Spezl im Stollen am Schneefernerhaus herum. Oder, mit die beste Beschäftigung: Möglichst große Trümmer Steine lostreten „und die Richtung Platt obikugeln lassen – so schee“. Da unten stand ja nichts.

Stundenlang könnte man Hans Ettl (hier mit Hund Jaggl) zuhören, wenn er über seine Zeit als Bergführer und bei der Bergwacht erzählt.

Ettl sieht die Zugspitze mit anderen Augen

„Ich mag die Zugspitze“, sagt Hans Ettl heute, mit 81 Jahren. Während andere Bergsteiger der Massentourismus abschreckt, sieht der gebürtige Grainauer – seit 27 Jahren lebt er in Garmisch-Partenkirchen – den Berg mit anderen Augen. Er hat dort seine Kindheit verbracht. Zudem viele Stunden als Bergführer.

Wie oft er schon auf die Zugspitze gegangen sei, wollten Gäste einmal auf dem Weg übers Reintal von ihm wissen. Ettl wusste keine Antwort, dokumentiert hat er seine Touren nicht. An diesem Tag überschlug er die Zahl. Um die 400 werden es seit seiner Prüfung zum Berg- und Skiführer 1967 gewesen sein, rechnete er aus. Mindestens. Das war vor etwa zehn Jahren, ein paar kamen noch dazu. Denn bis 2015 etwa führte Ettl noch hier und da. Bis die Knie endgültig durchgelaufen waren. „Blechig sind sie geworden“, der Knorpel fehlte. Ettl bekam zwei neue Gelenke. Geht wieder einwandfrei, sagt er. Auf die Zugspitze sollen jetzt trotzdem die Jüngeren marschieren.

In den Bergen zu Hause: Hans Ettl, um die 30 Jahre alt, auf dem Schafsteig Richtung Waxenstein, seinem Hausberg, im Hintergrund die Zugspitze.

Zugspitze, der höchste Berg Deutschlands. Das Prädikat zieht, manche wollen nur deshalb hinauf. Andere Gipfel interessieren sie nicht. Ettl verurteilt das nicht, er versteht’s sogar. „Das hat schon eine Faszination.“ Dachten sich auch die acht Männer vor etwa fünf Jahren.

Bis zur Wiener-Neustädter-Hütte kommt die Gruppe einigermaßen gut voran. Freilich atmen die acht Männer schwer, gehen langsam, aber sie gehen. Über die Hälfte des Weges haben sie geschafft. Auf der Hütte stärken sie sich für den Stopselzieher-Klettersteig. Kaum sind sie nach der Pause wieder unterwegs, kapituliert der Erste. Ettls Kollege nimmt seinen Rucksack. Wenige Meter später – der Zweite gibt auf. Ettl, damals Mitte 70, nimmt seinen Rucksack. Bis sie am Gipfel ankommen, tragen die beiden Bergführer jeweils drei Rucksäcke. Sonst hätten es die Männer nicht auf den Gipfel geschafft. Auf ihren ersten.

 Da haben wir die Toten auf dem Buckel rausgetragen.

Hans Ettl über seine Anfänge bei der Bergwacht

Nur einer war vorher schon mal in den Bergen unterwegs gewesen. Er machte den Vorschlag für das Geschenk zum 50. Geburtstag des Freundes. Alle andere fanden: gute Idee, sind sie dabei. „Wir sind doch joggen gegangen“, haben sie Ettl erzählt. „Und was bringt euch das?“, hat er sie gefragt. Er lieferte die Antwort selbst. „Nix.“ Bei jedem Schritt muss man beim Bergsteigen das Gewicht seines Körpers und des Rucksacks nach oben drücken, mit nur einem Bein. Das erklärt er immer wieder. Auch wenn sich Kunden erkundigten, wie sie sich vorbereiten sollen auf die gebuchte Tour – ohne Berge vor der Haustür. Ettls Tipp: den Rucksack mit zehn Kilogramm Gewicht füllen und damit in den zehnten Stock marschieren. „Ihr werdet sehen, am Anfang schafft ihr das gar nicht.“

Mit einem jungen Amerikaner musste er vor 40, 50 Jahren mal umdrehen. Dreiviertel der Strecke über das Höllental hatten sie hinter sich, bergauf kam der Mann nicht weiter. Nur noch bergab, in „vielen kleinen Schritterl“. Um 5 Uhr waren sie in Hammersbach gestartet, um 22 Uhr kamen sie zurück. Die meisten Kunden aber hat Ettl bis ganz nach oben gebracht in seinen über 55 Jahren als Bergführer. Nie sind schwere Unfälle passiert. Die erlebte er mit der Bergwacht Grainau. „Laufend“, sagt er, rückten die Mitglieder ins Höllental aus. Früher noch ohne Hubschrauber-Hilfe. „Da haben wir die Toten auf dem Buckel rausgetragen.“

Die Toten, er hat sie nicht gezählt. Verarbeitet hat er sie alle, sagt er. Vergessen nicht.

An einem Samstag – es muss vor mindestens 30 Jahren gewesen sein – werkelt er in seinem Garten in Grainau. Ein Gewitter zieht auf. Dann – „nur ein Kracher“. Ein Donner, ein Blitz, der drei Menschen am Klettersteig im Zugspitzanstieg erschlägt. Zwei liegen am Weg, der Dritte fehlt. Etwa vier Wochen lang gilt er als vermisst.

Man lernt mit dem Tod am Berg umzugehen

Ettl und Kameraden finden ihn in der Randspalte. Etwa 20 Meter tief entdecken sie etwas Rotes, das Halstuch des Vermissten. Der Blitz hat ihn aus dem Klettersteig katapultiert, er ist bis auf den Gletscher und genau in die Randspalte gefallen, die nicht einmal einen Meter weit geöffnet war. Dort liegt der Mann, „total zerschmettert“.

Im Laufe der Jahre, sagt Ettl, lernt man, mit dem Tod am Berg umzugehen. Nur bei Menschen, die man kennt, „da dauert es länger, bis man das überwunden hat“..

Ettl verliert einen Freund auf der Zugspitze - er rutschte lautlos ab, „wie in einem Aufzug“

Ein Vormittag im Februar. 1990er Jahre. Es stürmt, schneit, ist saukalt, neblig. Zwei Bergsteiger am Jubiläumsgrat rufen um Hilfe. Ein Einsatz, zu dem man nur Top-Alpinisten schickt. Werner Lärcher, Werner Lindauer, Wolfgang Henke und Hans Ettl. Mit der Bahn fahren sie auf die Zugspitze. Der Grat ist mit Schnee bedeckt, das Gelände aber gerade auf den ersten Metern technisch leicht für die vier. Lärcher geht voraus in eine Scharte. Ein Schritt – die Wechte bricht ab. Auf ihr fährt Lärcher nach unten, 10, 20 Meter weit. „Wie in einem Aufzug“, sagt Ettl. Dann zerbricht die Wechte, sein Freund stürzt in die Tiefe. Lautlos. Kein Schrei, kein Grollen von Schnee, kein Donnern der Lawine. Nichts. Der Nebel schluckt jedes Geräusch. Die Stille hört Ettl heute noch, das Bild seines Freundes auf der Wechte sieht er vor sich. „Das verlierst du nicht.“ Mit dem Seil lassen Lindauer und Henke Ettl etwa 80 Meter Richtung Höllental ab. Keine Spur von ihrem Freund. Sie rufen Verstärkung. Die beiden Bergsteiger am Jubiläumsgrat, derentwegen die vier Grainauer eigentlich losgezogen sind, werden am nächsten Tag unverletzt in einem kurzen Schön-Wetter-Fenster per Helikopter gerettet. Lärcher bleibt vermisst. „Wir suchen keinen Lebenden mehr“, sagt Ettl, Einsatzleiter, zu seinen Kameraden am Abend. Ihr Freund ist 450 Meter weit bis auf den Gletscher gefallen. Dort finden sie ihn vier Tage später unter den Schneemassen der Lawine.

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Ettl mag die Zugspitze. Daran hat kein Unglück etwas geändert. Den Klettersteig über das Höllental hält er für einen der schönsten – und er hat Varianten auf der ganzen Welt gesehen. Der Weg steckt landschaftlich voller Vielfalt. Seine Lieblingsberge aber sind andere: die Waxensteine. Auf jedem Weg oder Nicht-Weg hat er sie schon bestiegen, ist mit der Bergwacht ausgerückt, um von dort oben Menschen zu retten. An ihrem Fuß ist er aufgewachsen. „Entweder Du liebst sie oder Du kannst sie nicht leiden.“ Er liebt sie.

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