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Ihre Ziele will Dr. Sigrid Meierhofer zäh weiterverfolgen.

Nach Brandbrief: Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin im Interview

Meierhofer: „Es gibt keinen Imageschaden“

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Garmisch-Partenkirchen - Überdeutlich hat Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer schwierige Situation in der Erstaufnahmeeinrichtung gegenüber der Regierung von Oberbayern geschildert. Ihr Brandbrief sorgte für Aufregung. Im Interview betont sie nun: Sie bereut nichts und sieht sich politisch auch nicht angezählt. 

Ereignisreiche zwei Wochen liegen hinter Ihnen, seit Sie den Brief an die Regierung von Oberbayern versandt haben. Sie beschreiben darin die Situation, die durch die Asylbewerber entstanden ist, die in der Erstaufnahmeeinrichtung Abrams leben. Bereuen Sie mittlerweile, den Brief geschrieben zu haben?

Dr. Sigrid Meierhofer: Nein, das bereue ich überhaupt nicht. Allerdings würde ich diesen Brief nicht mehr den Fraktionssprechern schicken. Nein, das würde ich nicht mehr machen.

Sie wollten also vermeiden, dass dieses Schreiben an die Öffentlichkeit gelangt?

Meierhofer: Ja, ich hätte ihn gerne nichtöffentlich gehabt. Zumindest so lange, bis ich eine Antwort gehabt hätte. Ich bin der Meinung, dass solche Probleme thematisiert werden müssen, weil mir eine Information der Bürger wichtig ist und ich damit vermeiden möchte, dass sie mit falschen Informationen erst recht in die Arme von Protestparteien getrieben werden. Man muss wissen, dass wir schon mal eine knifflige Situation beim G7-Gipfel hatten, da hatte ich auch die Fraktionssprecher einbezogen. Damals hatte es im Gegensatz zu jetzt funktioniert. Ich hatte nicht angenommen, dass das diesmal anders kommt.

Fühlen Sie sich hintergangen?

Meierhofer: Ach, diese Erfahrung mache ich im Gemeinderat ja laufend. Das wissen Sie besser als ich, wie viel aus den nichtöffentlichen Sitzungen rausgeht. Bei diesem Brief hatte ich allerdings ausdrücklich auf die nichtöffentliche Behandlung hingewiesen.

Ihr Brief lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Meierhofer: Er war auch deutlich gemeint. Wir haben Erfahrungen gemacht. Ich sage es an der Stelle noch einmal: Es geht nur ums Abrams und nicht um die Asylbewerber, die im Ort auf verschiedene Einrichtungen verteilt sind, dort sehr gut betreut werden – von der Caritas als Hauptkoordinatorin und ganz vielen Ehrenamtlichen, denen ich wirklich sehr dankbar bin.

Haben Sie erwartet, dass Ihr Brief diese Sprengkraft entwickelt? Es hat sich ja viel verselbstständigt. Er ist weltweit zur Kenntnis genommen worden. Man sieht Garmisch-Partenkirchen jetzt in einem ganz anderen Licht.

Meierhofer: Das hat mich erstaunt, damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet. Weil sich alles verselbstständigt hat, konnte man gar nicht mehr eingreifen. Das hätte nichts gebracht. Wenn die AfD im Vorgriff auf ihre Demonstration am vergangenen Samstag auf ihrer Homepage „Bürgerkrieg in Garmisch-Partenkirchen“ postet, dann macht sie sich lächerlich. Das hat mit den Tatsachen überhaupt nichts zu tun.

Was sind denn die Tatsachen?

Meierhofer: Es gab Probleme, und zwar erhebliche. Die haben mit zwei Faktoren zu tun. Zum einen mit der Tatsache, dass sich die Zusammensetzung dieses Flüchtlingsstroms komplett verändert hat in den letzten zwei, drei Monaten – wir haben jetzt überwiegend alleinstehende junge Männer. Zum anderen: Seit dem 1. Juli ist das Abrams eine Einrichtung, in der die Erstaufnahme bis zu sechs Monate möglich sein soll. Davor waren die Flüchtlinge stets nur ein paar Wochen da. Innerhalb von sechs Monaten bauen sich Strukturen auf, die wir nicht haben wollen. Machtstrukturen, die einfach nicht gut sind. Bis zu 330 Menschen, überwiegend junge Männer, sind sechs Monate in der Warteposition, unter schwierigen persönlichen Bedingungen, auf verhältnismäßig engem Raum, ohne jegliche Beschäftigung: Das kann nicht gut gehen.

In der vergangenen Woche gab es eine Besichtigung des Abrams für Journalisten. Dabei hat sich die Sache anders dargestellt. Es gibt laut Landrat Anton Speer zwar Probleme, bei Weitem aber nicht so schlimme, wie Sie sie beschrieben haben. Ist das mittlerweile auch Ihre Einschätzung?

Meierhofer: Landrat Anton Speer fühlt sich nicht ganz richtig wiedergegeben. Die Probleme sind da, die streitet er auch nicht ab. Jetzt muss man sich das mal vorstellen: Ein Tross von Journalisten geht ins Abrams. Dann verhält sich das ähnlich, wie in einer Schulklasse, wenn ein Direktor hinten drin sitzt. Das kriegt jeder mit. Jedenfalls sind das keine regulären Bedingungen, das wissen wir alle. Diesen Vorführeffekt kennt jeder. Ich muss nochmal darauf hinweisen: Immerhin haben wir jetzt mehr Polizei im Einsatz, es gibt mehr Security im Abrams, es wird eine Überwachungsanlage installiert, es gibt sozialpädagogische Betreuung – das spricht alles für sich, und das hätte es ohne den Brief wohl nicht gegeben.

Asylbewerber gehören derzeit nicht mehr in dem Maß zum Ortsbild wie in den warmen Monaten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach: Daran, dass es im Abrams jetzt Wlan gibt oder an der schlechteren Witterung?

Meierhofer: Das schlechtere Wetter spielt sicherlich eine Rolle. Die Aufenthaltsqualität im Kurpark ist im Sommer hoch. Im Winter wird das kein Thema sein.

Sie haben Anrufe und E-Mails von besorgten Urlaubern bekommen, die sich hier nicht mehr wohl fühlen. Ihr Brief hat diesen Eindruck bestätigt. Fürchten Sie um den Tourismusstandort Garmisch-Partenkirchen?

Meierhofer: Für den G7-Gipfel hat man uns auch Katastrophen vorhergesagt. Keine ist eingetreten. Ich glaube nicht, dass die Geschehnisse der vergangenen 14 Tage einen Imageschaden ausgelöst haben.

FDP-Mann Martin Schröter hat in der Mittwochssitzung des Gemeinderats davon gesprochen, es gebe eine Reisewarnung der US-Behörden für Garmisch-Partenkirchen. Trifft das zu?

Meierhofer: Aktuell gibt es meines Wissens keine.

Es kursieren Gerüchte, die Bürgermeisterin habe durch ihr Handeln Schaden genommen. Fühlen Sie sich politisch angezählt?

Meierhofer: Nein.

Weiter wird spekuliert, Sie würden die sechs Jahre Amtszeit nicht durchstehen.

Meierhofer: Diese Frage haben Sie mir schon einmal gestellt, kaum dass ich ein halbes Jahr im Amt war. Wir sind nicht in den USA, ich werde keinen Gesundheitstest vorlegen.

Sie sind also nicht amtsmüde und denken nicht daran, das Handtuch zu werfen?

Meierhofer: Ich bin zäh, und ich habe Ziele. Und diese Ziele verfolge ich hartnäckig.

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