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Schon das Abfahrtstraining lief gut: Die kurvige, eisige Piste kam der Technikerin Rosi Mittermaier entgegen.

Unter Polizeischutz und mit Schweinderl-Anhänger zum Olympiasieg

Vor 40 Jahren wird aus Rosi Mittermaier Gold-Rosi

Garmisch-Partenkirchen - Eine Hysterie ist vor 40 Jahren um Rosi Mittermaier ausgebrochen. Damals gewann die Skifahrerin in Innsbruck zweimal Olympia-Gold. Bis heute bekommt "Gold-Rosi" Fanpost.

Mit diesem Lächeln hat Rosi Mittermaier die Wintersport-Welt verzaubert.

Bei Schnee und Eis plagt sich der Postbote hinauf. Schwer muss er schnaufen mit den Kisten voller Karten und Briefe. 40 000 davon hat er in diesem Monat gebracht. Zahllose Heiratsanträge sind darunter. Auch Managerangebote, tausende Autogrammanfragen und Glückwünsche. Hunderte wollen die gleich persönlich überbringen. Sie pilgern auf die Winklmoos-Alm in Reit im Winkel, drücken sich die Nasen an den Fensterscheiben platt, um einen Blick zu erhaschen – auf ihre Rosi Mittermaier. Ihre Gold-Rosi.

1976 verzaubert Rosi Mittermaier die Wintersportwelt. Am 8. Februar mit ihrem Abfahrtssieg bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck, die im Ski alpin auch als Weltmeisterschaften gewertet werden. Eine Goldmedaille im Slalom am 11. Februar und eine silberne im Riesenslalom zwei Tage später folgen, zudem WM-Gold in der Kombination, damals keine olympische Disziplin. Vier Rennen, in der eine Sportlegende geboren wird. Eine, die den Trubel um sie noch nie recht verstanden hat – sie sei ja schließlich nur Ski gefahren, sagt Mittermaier.

In Wahrheit hat die Garmisch-Partenkirchnerin (65) viel mehr gemacht: Sie hat, und das tut sie bis heute, die Menschen verzaubert mit ihrer Herzlichkeit. Und der erfrischenden Tatsache, dass sie sich selbst nicht so wichtig nimmt. Erst denkt sie an andere. Auch im Februar 1976.

Zwei Kilo in dem ganzen Trubel abgenommen

Zampackeln, rein in den Bus, ab nach Hause. So hat sich das Rosi Mittermaier „bisserl naiv“ gedacht nach den erfolgreichen, aber auch anstrengenden Winterspielen. Von Interview zu Interview ist die 25-Jährige während der Wettbewerbe gejagt, hat zigtausenden Fans zugewunken. Zwei Kilo hat sie in all dem Gehetze abgenommen. Jetzt könnte doch wieder Ruhe einkehren. Tatsächlich geht der Trubel erst los.

Die Heimfahrt an diesem 16. Februar 1976 führt erst nach München zum Empfang. Von dort weiter in einer Stretch-Limousine – „das war lustig, es gab Essen und was zu trinken“ – heim nach Reit im Winkel. Nicht ohne in jedem Dorf zu halten. „Überall haben Menschen gewartet.“ Eine Frau hält ihren Hund ans Fenster, sie solle ihn doch streicheln. Auch 40 Jahre später klingt Mittermaier fassungslos. Diese Massen. Diese Hysterie. „Es war Wahnsinn. Wahnsinn. Total verrückt.“ Zum Genießen? Sie zuckt mit den Schultern. „Freilich war’s schön.“ Aber auch viel. Und für eine grundbescheidende Frau wie sie nicht nachzuvollziehen. „Ich hab’ mir vor allem gedacht: Mei, geht’s doch lieber heim. Das ist doch alles nicht so wichtig.“

Dabei gibt’s an diesem Tag doch einen wirklichen Grund zum Feiern: Ihre drei Jahre jüngere Schwester Evi, die mit im Luxusauto sitzt, wird 22. Also hat Rosi Mittermaier das ganze Spektakel einfach weitergeschenkt. „Schau Evi, das ist alles hier für Dich.“ Und wäre alles so gelaufen, wie es Sport-Experten erwartet hatten, hätte das ja auch zum Teil gestimmt. Denn als Favoritin startete damals Evi Mittermaier in der Abfahrt. Aber sie weinte zu sehr, um gescheit fahren zu können: Als sie am Start erfuhr, dass ihre Schwester führte, stiegen ihr die Tränen in die Augen, tropften in die Brille – im Blindflug schaffte sie Platz 13. Ohnehin aber kam der Technik-Spezialistin Rosi Mittermaier die kurvige und eisige Strecke mehr entgegen.

Rooosi. Rooosi. Rooosi.

Als Favoritin ging Rosi Mittermaier im Slalom an den Start. Dieser Rolle wurde sie gerecht.

Doch verließ sich die nicht allein auf ihr Können; nur ungern verzichtete sie auf ihre Glücksbringer: das Goldketterl der älteren Schwester Heidi, den Schweinderl-Anhänger ihres späteren Mannes Christian
Neureuther und die blaue Baumwollunterwäsche, die nach der Karriere x-mal geflickt war. „Bisserl abergläubisch bin ich schon“, gesteht Mittermaier. Auch wenn Konditionstrainer Heinz Mohr das nicht recht passte.

Er vertraute lieber auf Training, Taktik – und Schreien. Denn für den flachen Start bei der Abfahrt wies der Mittenwalder das Team an: „Ihr schiebt so lange, bis ihr mich nicht mehr hört.“ Vor lauter Schnaufen und Schieben – die sieben Stockschübe haben Fans gleich vor Augen – hat ihn Mittermaier eh nicht gehört, gewirkt aber hat’s. Genau wie die Hansaplast-Kur von Therapeutin Traudl Münch.

Damit nichts flatterte, pappte sie Startnummer und Beinabschlüsse am Rennanzug mit riesigen Pflastern fest. So zugeklebt, jubelte Mittermaier auf dem Siegerpodest, zigmal fotografiert. „Das hat verboten ausgeschaut“, sagt sie und lacht. Den Fans war’s wurscht. Sie hatten sich verliebt in die Frau mit dem alles überstrahlenden Lächeln. Und wollten sie feiern.

Rooosi. Rooosi. Rooosi. Immer wieder riefen sie am Abend vor dem Hotel ihren Namen, bis sie samt Team – allein wollte Mittermaier nicht hinausgehen – am Balkon erschien. 100 Rosen, ein Geschenk zum Sieg, flogen Stück für Stück in die Menge. Es sollten nicht die einzigen Blumen bleiben, die Mittermaier verschenkte.

Badewannen und Zimmer voller Blumensträuße

Gänge, Zimmer, Badewannen haben die Sträuße gefüllt, die Gratulanten in die Unterkünfte der deutschen Skifahrerinnen schickten. „Wir wussten nicht mehr, wohin damit.“ Bis Mittermaier eine wunderbare Verwendung fand: Sie gab die Blumen an Krankenhäuser weiter.

Nichts sollte flattern: Sprichwörtlich zugepflastert jubelte und lachte Rosi Mittermaier darum nach ihrem Abfahrtssieg in die zahllosen Kameras.

Die Geschenke-Flut aber hat die junge Frau nur am Rande mitbekommen. „Ich war ja nur unterwegs.“ Ihren Freund Neureuther, der im Slalom trotz Sturz Platz fünf belegte, traf sie gar nicht. Sie musste sich auf den Slalom und Riesenslalom vorbereiten. Hinzu kamen zahllose Termine. Und ein eigener Fahrdienst statt Mannschaftsbus – auf den sie gerne verzichtet hätte.

Mittermaier hatte Morddrohungen erhalten, stand unter Polizeischutz. Nachdem sie das nicht ändern konnte, machte sie das Beste daraus: Sie freute sich über die zwei „netten Grazer Polizisten“, die sie im VW-Käfer von Pressekonferenz zu Pressekonferenz kutschierten – und sich rührend um die Skiheldin kümmerten. „Mei Madl, jetzt hast ja noch nichts gegessen“ – schon hatte sie eine LeberkasSemmel in der Hand.

Den Stress steckte Mittermaier weg. Im Slalom startete sie als Favoritin. Nur kurz empfand sie so etwas wie Anspannung: als sie die vielen Reit im Winkler entdeckte. „Ja servus, was macht Ihr denn alle da?“, rief sie ihnen vom Sessellift aus zu. Und dachte: „Jetzt darf ich mich nicht blamieren.“ Hat sie nicht getan, mit dem 1,97-Meter-Ski kurvte sie als Schnellste durch die Stangen, hinein in die singende Menge: „Rosi, Rosi, mach’ es noch einmal.“ Jeder erwartete das dritte Gold im Riesenslalom. Es wurde Silber. „Und ich war so zufrieden.“

Überraschendes Karriere-Ende am Höhepunkt

Ihre überragende Saison krönte Mittermaier mit dem Sieg im Gesamtweltcup. Sie hatte alles erreicht. Und folgte dem Prinzip: Man muss gehen, wenn’s am schönsten ist.

Am 12. März 1976 beendete Rosi Mittermaier ihre Karriere. Zum einen wegen der Gold-Rosi-Hysterie. „Ich hätte gar nicht mehr in Ruhe trainieren können.“ Zum anderen „war man mit 25 alt“. Hinzu kamen wirtschaftliche Gründe: Als Amateure durften Athleten keine Werbeverträge abschließen. Wild wurden Name und Konterfei von Rosi Mittermaier vermarktet. „Uhren, Bierkrüge, Schnapsgläser, Kopfkissen: Alles gab’s mit meinem Gesicht.“

Eine Agentur brachte Ordnung ins Vermarktungs-Wirrwarr. Für Werbepartner reiste die Garmisch-Partenkirchnerin um die Welt, war als Ski-Kommentatorin und in der „Tele-Ski-Gymnastik“ zu sehen. Mit Ehemann Neureuther tritt sie heute in TV-Shows auf, sie veranstalten Nordic-Walking-Kurse und nutzen ihre Prominenz für soziales Engagement, besonders für die Kinder-Rheuma-Stiftung.

Gesundheit und Familie wichtiger als Erfolg

Mittermaier weiß, wie viele Türen Erfolg öffnet. Doch betont sie oft: „Viel wichtiger sind Familie, Freunde, Gesundheit.“ Wie platt würde der Satz bei anderen klingen. Bei ihr kommt er von Herzen.

Nie haben sie und ihr Mann ihre Skikarriere daheim thematisiert. Nirgends stehen Pokale oder hängen Medaillen. Lange wussten die Kinder, Skifahrer Felix und Modedesignerin Amelie Neureuther, nicht, welch’ berühmte Eltern sie haben. Mittermaier winkt ab. „Das ist doch alles vorbei.“

Nicht für Fans. Bis heute wollen sie sich mit ihr fotografieren lassen, mit ihr reden. Nach wie vor bringt der Postbote Fanbriefe. Nur nicht mehr kistenweise. Mittermaier lacht. „Und Heiratsanträge sind auch keine mehr dabei."

Katharina Bromberger

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