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Schwerstarbeit für die Rettungskräfte: Feuerwehrmänner bergen Verletzte am 12. Dezember 1995 durch Fenster. Regionalexpress und Gläserner Zug stoßen am Ende von Bahnsteig eins in Garmisch-Partenkirchen zusammen.

Erinnerung an Unglück 1995 in Garmisch-Partenkirchen

Zugkatastrophe: "Die Szenen kenne ich"

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Garmisch-Partenkirchen  - Nach dem Zugunglück bei Bad Aidling herrscht in Garmisch-Partenkirchen besondere Betroffenheit. Bei vielen kommen schreckliche Bilder hoch – Erinnerungen an den Tag im Dezember 1995, als eine Zugkollision mit einem Toten und 57 Verletzten den Ort schwer erschüttert.

Zwei Wochen vor Weihnachten bricht unvermittelt das Unglück über Garmisch-Partenkirchen herein. Andreas Rieger sieht die Katastrophe von einem Fenster aus: die große Lok, die sich wie in Zeitlupe nach oben hebt und langsam wieder senkt. „Das ganze Bahnhofsgelände vibrierte“, erzählt er damals. „Und dann war Totenstille.“

Am 12. Dezember 1995, kurz nach halb zehn Uhr morgens, stehen die Kräfte vor einem der größten und schwierigsten Rettungseinsätze der Ortsgeschichte. Ein Münchner (58) stirbt, 57 Menschen erleiden mitunter schwerste Verletzungen, als der Regionalexpress RE 3612 Innsbruck-München und der Gläserne Zug, eine Panoramabahn aus den 1930ern, am Bahnhof zusammenstoßen. Mehr als 20 Jahre sind seit dem Unglück vergangen – doch die Bilder sind sofort präsent, als am Dienstag die Nachricht von der Zugkatastrophe bei Bad Aibling die Nachrichten diktiert: 10 Tote, 80 Verletzte, ein Wahnsinn.

„Ich habe sofort wieder daran gedacht, das hat mich natürlich beschäftigt“, sagt Franz Schamberger (72). „Deshalb habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen.“ 1995 leitet Schamberger die Garmisch-Partenkirchner Polizei – und ist deshalb sofort am Ort des furchtbaren Geschehens. Auch wenn die Dimensionen in Bad Aibling andere sind: „Das ist eine außergewöhnliche Sache gewesen“, sagt Schamberger.

Szenen, die bleiben: der 58-jährige Münchner, den Ärzte und Sanitäter auf dem Bahnsteig verzweifelt zu reanimieren versuchen – und der später im Krankenhaus stirbt. Zig Feuerwehrkräfte, die Eingeklemmte befreien und Verletzte auf Bahren durch Fenster aus der Bahn reichen. Menschen, die über das viele Blut im Gläsernen Zug berichten, über die Schreie der Opfer und über Knäuel von Körpern und herausgerissenen Bänken. Die Wartehalle des Bahnhofs, die für zwei Stunden zum Notlazarett wird.

Michael Luister trägt das Trauma von 1995 wohl noch mit sich herum. Er hatte seinem Vater die Erlebnistour, die zum Albtraum wird, zum 70. Geburtstag geschenkt, sitzt mit seinen Eltern und über zwei Dutzend weiteren Fahrgästen im Gläsernen Zug. Er schaut aus dem Fenster, sieht plötzlich die Lok. „Ich habe nur noch gedacht: Oh Gott, was macht die denn da? Dann gab es einen Knall, wie einen Prügel auf den Hinterkopf.“ Luister verliert das Bewusstsein. „Als ich wach wurde, habe ich nicht gewusst, wo ich bin. Aber so viel Blut wie in diesem Zug habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“ Der Unterschleißheimer bleibt fast unversehrt, die Eltern werden verletzt. Doch wirklich befreien vom Erlebten kann sich der 68-Jährige bis heute nicht. Er sieht ein Video von Bad Aibling, sein erster Gedanke: „Die Szenen kenne ich.“ Jedes Mal, wenn er in den Medien von einem Zugunglück hört, „bekomme ich Gänsehaut. Das kriegt man nicht raus, das ist für immer drin“. Er erzählt oft von seinem Trauma, das hilft ihm. Und Luister fährt Zug. Sehr selten, aber gerne, sagt er.

Im Kreiskrankenhaus steht Luister damals Verletzten zur Seite. Dort, erinnert sich Wolfgang Türk (71), einst Verwaltungsdirektor, herrscht „Ausnahmezustand“. Rettungskräfte bringen 35 Verletzte in die Klinik, die praktisch aus dem Stand die Katastrophe bewältigt und alles verfügbare Personal einsetzt, 19 Opfer behandeln die Mediziner stationär. Chirurgen stehen in mehreren Sälen bis spät nachts an den OP-Tischen. „Das war ein absolut prägendes Ereignis“, sagt Türk, seit 2013 als Geschäftsführer im Ruhestand. Daneben gilt es, das riesige Medieninteresse zu kanalisieren. Unzählige Reporter und Fernsehteams wollen zu Ärzten, Verletzten und Angehörigen, die ihrerseits anrufen, nachfragen. „Gottseidank hatten wir nicht so viele Opfer wie jetzt in Bad Aibling“, sagt Türk. „Natürlich“ denkt auch er sofort an 1995, als er von dieser Katastrophe hört – und an die Kollegen im Klinikum Rosenheim. Er weiß, was sich dort abspielt in diesen Tagen.

Es greifen die gleichen Mechanismen. Wie jetzt in Bad Aibling setzt auch in Garmisch-Partenkirchen sofort die polizeiliche Aufarbeitung der Unglücksursache ein – eine Aufgabe für Bernd Hoffmann, damals Vize-Chef der Kripo, und sein Team. Für den 63-Jährigen ist klar: Die Umstände hätten viel ungünstiger sein können. „Der eine Zug war am Ausfahren, der andere am Einfahren, beide mit relativ geringer Geschwindigkeit.“ Auf freier Strecke wäre vom Gläsernen Zug „wenig übriggeblieben. Bei dessen Bauweise – darin saß man praktisch ungeschützt – hätte es sicher mehr Tote gegeben“.

Ermittlungen zeigen, dass menschliches Versagen zu dem Unglück führte. Ein Gericht spricht Lokführer (zehn Monate Haft auf Bewährung) und Zugbegleiter (Geldstrafe) des Regionalexpresses wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung schuldig: Sie übersahen ein Signal.

Der Gläserne Zug steht heute als Museumsstück im Bahnpark Augsburg. Die Restaurierung läuft noch immer.

Bilder: Das Zugunglück 1995 in Garmisch-Partenkirchen

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