Täter ist medikamentensüchtig

Mann überfällt mit Beil und Messer einen Juwelier 

Garmisch-Partenkirchen - Er saß schon hinter Schloss und Riegel: Jetzt musste der 29-Jährige sich vor dem Amtgericht verantworten. 

Bewaffneter Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft mitten in Garmisch-Partenkirchen – diese Meldung hatte am 12. November 2014 um 12 Uhr die Polizei in hektische Aktivität versetzt. Die Tat klärte sich jedoch schnell auf: Kaum eine Stunde nachdem der 29-Jährige mit Beil und Messern bewaffnet den Schmuckhändler heimgesucht hatte, saß er schon hinter Schloss und Riegel. Jetzt musste er sich vor dem Amtsgericht verantworten. Die Verhandlung endete für ihn mit einem zweischneidigen Urteil: Einerseits nämlich wurde die einjährige Gefängnisstrafe, die Richter Paul Georg Pfluger verhängte, zur Bewährung ausgesetzt, andererseits muss sich der medikamentensüchtige Mann, der aus einer Gemeinde im Loisachtal stammt, in eine mehrmonatige stationäre Drogentherapie begeben.

Tut er dies nicht, wird er in eine Entziehungsanstalt eingewiesen, die einen möglicherweise viel längeren Aufenthalt mit sich bringt. Darüber hinaus hat er 120 Stunden Sozialarbeit abzuleisten. „So seltsam es klingt“, sagte Richter Pfluger in der Urteilsbegründung, „der Täter hat es seinem Opfer, dem Goldschmied zu verdanken, dass er noch verhältnismäßig gut davon kam.“ Der Überfallene habe sich so heftig gewehrt, „dass weder Tötungsvorsatz noch Raub nachweisbar waren, sondern nur noch vorsätzliche Körperverletzung und Hausfriedensbruch“.

Staatsanwältin Dr. Martina Reiser hatte schon eingangs den Hergang des Überfalls geschildert: Der 29-jährige aus einem Ort im nördlichen Landkreis habe, getarnt mit Mütze und Sonnenbrille, einen Juwelierladen in der Garmischer Fußgängerzone betreten. Mit einem kleinen Hammerbeil in Händen und zwei Messern im Rucksack sei er zur Kellertreppe gegangen, denn dort unten arbeitete der Goldschmied. Der 64-Jährige sei dann sofort heraufgekommen und habe den Möchtegern-Räuber, der drohend das Beil erhob und schrie „ich leg’ dich um“, erst beiseite geschoben und sodann wütend kämpfend bis zur Ladentür verfolgt. Infolge der Rangelei erlitte auch er Schmerzen an Knie und Schulter, dem Täter aber haute er die Faust derart an den Kopf, dass dessen Nase blutete, und er die Flucht ergriff. Seine Waffen und auch den Autoschlüssel vergaß er dabei im Laden.

In seiner Verteidigung war dann der gebremste Räuber, der rundum geständig war, denkbar unklug: „Einen Überfall hatte ich eigentlich gar nicht vor, als ich in den Laden ging“, teilte er mit. Daraufhin konterte Pfluger sofort: „Niemand gerät zufällig in ein Juweliergeschäft.“ Dennoch versuchte der Angeklagte es nochmal: Mit dem Hammer habe er nicht den Goldschmied bedrohen, sondern nur Vitrinenscheiben einschlagen wollen, „um Gold herauszunehmen“.

Sein Anwalt Hans Reisberger konnte dann die merkwürdige Geschichte erklären. Sein Mandant sei stark unter Drogen gestanden, seit Jahren konsumiere er im Übermaß das Psychopharmakon Diazepam. Nun sei er, nachdem er Cannabis rauche und früher zudem Heroin genommen habe, mithilfe von Methadon auf Entwöhnung. Jede Woche gehe er darum auch zu Condrobs. Auch Therapien habe er bereits versucht – bisher ohne Erfolg. Allein vor dem Überfall in Garmisch-Partenkirchen hatte der junge Mann 25 Milliliter Diazepam samt Methadon zu sich genommen. Auch sein dummes Verhalten auf der Flucht nach dem Überfall in der Fußgängerzone untermauerte den Medikamentenrausch: Zu einem der Kriminalpolizisten, die nach dem Täter suchten, sagte er gegen 13 Uhr „ich habe meinen Autoschlüssel verloren“. Der Beamte vermutete in ihm, „weil er teilnahmslos und desorientiert wirkte“, sofort den Gesuchten und nahm ihn fest.

Nachdem eine Sachverständige eine stationäre geschlossene Langzeittherapie empfohlen hatte, schloss sich der Richter dem an. Somit muss der 29-Jährige binnen sechs Monaten eine Entziehungskur antreten und sich bis dahin jede Woche einem Drogentest unterziehen. Ergänzend muss er 120 Stunden Sozialarbeit ableisten.

Wolfgang Kaiser

Rubriklistenbild: © dpa

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