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Schöffengericht fällt Höchsturteil

Vater halb bewusstlos geschlagen: Wirt kommt hinter Gitter

Garmisch-Partenkirchen - Er ist ein brutaler Schläger und musste sich wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung verantwortet. Nun wandert ein 61-jähriger Wirt in den Knast.

Ein Schöffengericht wie jenes in Garmisch-Partenkirchen kann nur ein Höchsturteil von vier Jahren Freiheitsstrafe verhängen. Das kommt nur selten vor, doch im Fall eines 38-jährigen heimischen Nachtlokal-Wirts war es jetzt wieder einmal soweit: Wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung wurde der Mann, der unter anderen angeklagt war, seinen 61-jährigen Vater in blinder Wut mit Fäusten und Tritten halb bewusstlos geschlagen zu haben, zu dieser Höchststrafe verurteilt. Erschwerend kam hinzu, dass er auch noch mit einer einschlägigen offenen Bewährungsstrafe vorbelastet war.

Dem Gastronomen, der die vergangenen zwei Wochen in Untersuchungshaft gesessen hatte, wurde vom Vorsitzenden Richter Andreas Pfisterer überdies aufgegeben, seinen Personalausweis abzugeben und sich wöchentlich bei der Polizei zu melden, auf dass er sich bis Haftantritt nicht ins Ausland absetzt. Dem Wirt, der nicht nur seit 2005 in Garmisch-Partenkirchen sein Etablissement betreibt, sondern von seiner Lebensgefährtin auch ein Nachtlokal in Ehrwald führen ließ, wurde von Staatsanwältin Ines Wiesner an zwei Verhandlungstagen zwei Tatkomplexe zur Last gelegt, einer in Ehrwald, der andere in Garmisch-Partenkirchen. Beide soll er in angetrunkenem Zustand begangen haben. Wobei der Vorfall am 25. Februar 2014 in Ehrwald an Brutalität wohl kaum zu übertreffen ist.

Sohn schlägt Vater mit Schuhen ins Gesicht

Dort geriet er, als er des Abends mit der Freundin in der Bar aufkreuzte, sofort in Rage, als eine Kühlschrankbeleuchtung nicht funktionierte. Er machte seinen als Hausmeister tätigen Vater dafür verantwortlich. Als der dann auf seine gereizten Fragen nicht sofort antwortete, verpasste ihm der Sohn umgehend eine schmerzhafte Ohrfeige. Daraufhin gab es einen heftigen Streit, in dessen Verlauf der Angeklagte mit Hand und Faust auf den Senior eindrosch, ihn zu Boden warf, dort weiter schlug und schließlich mehrere Male mit den Schuhen auf Gesicht und Oberkörper des alten Mannes trat. „Eine lebensgefährdende Behandlung“, wie die Anklägerin anmerkte. Triumphierend stellte sich der Übeltäter schließlich auch noch breitbeinig über den 61-Jährigen und kündigte an, er werde auf ihn urinieren, was er dann doch nicht tat.

Anzeige erst zehn Monate später

 Eingehend berichtete der Vater bei der Schöffenverhandlung von seinem Leidensweg und auch davon, dass er hinterher in eine benachbarte Gaststätte geflüchtet sei. Er untersagte der Wirtin weder Polizei noch Rettungsdienst zu benachrichtigen. Wie weit sein Familiensinn reicht, geht auch aus der Tatsache hervor, dass er gegen den Sohn erst zehn Monate später Anzeige erstattete. Und das, obwohl er nicht nur eine Gehirnerschütterung, sondern auch Brillenhämatome an beiden Augen und eine Unzahl Prellungen erlitten hatte. Schon zwei Monate vorher hatte sich der 38-jährige Angeklagte in einer Bar in Garmisch-Partenkirchen jenes üble Stück erlaubt, das ihm die Anklage der versuchten räuberischen Erpressung einbrachte: Dort sei er, so die Staatsanwältin, an einem Tisch mit ein paar kroatischen Bauarbeitern gesessen, die mit ihrem Chef stritten, weil er ihnen längere Zeit keinen Lohn gezahlt habe. Prompt griff er, selbst aus der Balkanrepublik stammend, ein. Er drohte dem Mann wütend damit, er werde ihm die Ohren abschneiden, wenn er seine Schulden nicht begleiche und ihm zudem eine Niere herausschneiden und zu Geld machen, um die Arbeiter bezahlen zu können.

Noch schlimmer wurde es ein paar Stunden später, als er die in Bielefeld wohnende Freundin des Mannes anrief, ihr mitteilte, er habe ihren Gefährten, der hohe Schulden bei ihm habe, in seiner Gewalt. Sie müsse sofort mit Geld nach Bayern kommen, um ihn auszulösen, könne es jedoch auch bei ihm als Prostituierte abarbeiten.Sollte sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, werde er ihr ein Auge und ein Ohr ihres Freundes zuschicken.

Zahlreiche Zeugenaussagen

Die entsetzte Frau tat daraufhin das einzig Richtige: Sie ging zur Polizei – und die Übeltaten des Wirts flogen auf. Allerdings kaprizierte sich der Angeklagte bei der Verhandlung nur auf minimale Aussagen und wollte zu Beginn des zweiten Verhandlungstags sogar seinen Verteidiger Florian Oppenrieder kündigen, „weil das Vertrauensverhältnis erschüttert“ sei. Das lehnte Vorsitzender Richter Pfisterer freilich ab, weil der Anwalt als Pflichtverteidiger bestellt war.

Der Nachweis beider Taten gelang jedenfalls fast ausschließlich durch eine Vielzahl von Zeugen. Die Staatsanwältin beantragte schließlich angesichts der „besonderen Brutalität“ des Angeklagten vier Jahre Freiheitsstrafe. Dem schloss sich auch das Gericht an. Richter Pfisterer erklärte, dass sich der Fall „am oberen Ende“ dessen befinde, was ein Amts- oder Schöffengericht verhandeln könne. Auschlaggebend für die Höhe der Strafe sei vor allem die „besondere Brutalität“ dessen, was der 38-Jährige in Ehrwald angerichtet habe.

Wolfgang Kaiser

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