„Ein irrsinniges Vorhaben“: Bürger wehren sich gegen 130 Meter hohe Windräder am Eibsee
Eine Windpark-Initiative in Tirol direkt an der Grenze stößt auf Kritik. Angedacht sind 130 Meter hohe Windräder in guter Sichtweite zum Touristenmagnet Eibsee. Bald soll ein Bürgerentscheid in Ehrwald kommen.
Ehrwald/Grainau – Zuerst hörte sich das Ganze für Andreas Augscheller nach einem April-Scherz an. „Aber für solch’ eine Meldung ist es im Januar zu früh.“ Also mussten diese Plänen für Windräder hoch über dem Eibsee ernst gemeint sein, die in der abgelaufenen Woche die Runde machten. „Ein irrsinniges Vorhaben“, urteilt der Grainauer. Was nicht nur den Grainauer PWG-Gemeinderat so entsetzt: Tatsächlich hat das Unternehmen „Im Wind“ aus St. Pölten in Niederösterreich ein solches Windpark-Projekt direkt an der Landesgrenze im Sinn.
Rund 250 Menschen haben sich vergangene Montag bei einer Informationsveranstaltung im Tiroler Nachbarort Ehrwald ein Bild von dem geplanten Projekt gemacht. Elf Windräder mit einer Nabenhöhe von ungefähr 130 Metern sollen demnach im Naherholungsgebiet „Auf den Thörlen“ entstehen. Jener Höhenrücken, auf dessen Nordseite das Gelände steil zum Eibsee abfällt. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 110 Millionen Euro. Eine Fläche von 80 000 Quadratmetern müsste dafür abgeholzt werden, schreibt die Ehrwalder Gemeinderatsfraktion „Zukunft Ehrwald“ in einer Stellungnahme.
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Erster Windpark in Tirol in direkter Sichtweite zum Eibsee geplant
In Tirol steht bisher noch kein einziges Windrad. Politisch wird diese Art der Energienutzung allerdings forciert. Trotz aller Bedenken mit Blick auf die Natur waren beim Infotermin laut einer Schätzung der Gemeindeverwaltung offenbar rund 40 Prozent für die Umsetzung des Vorhabens. Als nächsten Schritt will Ehrwalds Bürgermeister Markus Köck (Ehrwald Eins-Eins) eine Bürgerbefragung starten. Im Dorf soll es freilich schon Widerstände gegen das Projekt geben. Den offenen Umgang damit verteidigte Köck aber gegenüber dem Portal meinbezirk.at: „Hätte ich es abgewürgt, hätte man mir den Vorwurf gemacht, nicht über neue Technologien diskutieren zu wollen“. Er spricht von einem Teufelskreis. Daher soll im nächsten Gemeinderat ein Termin besprochen werden.

Augscheller hofft auf die Vernunft bei den Nachbarn. „Wir können nur hoffen, das die Ehrwalder Bürger mit Verstand abstimmen und solch einen Wahnsinn in dieser einmaligen exponierten Lage verhindern.“ Fast sprachlos ist auch Bürgermeister Stephan Märkl (CSU). Er selbst habe erst vergangene Woche durch einen besorgten Ehrwalder Bürger am Telefon von dem Vorhaben erfahren. „Ich persönlich bin dagegen“, sagt er klar. Er verstehe sowieso nicht, weshalb ausgerechnet dieser Standort in Frage kommen soll. „Ich bin hier aufgewachsen und kann versichern, dass dort viel zu wenig Wind geht.“ Wieso diese Tatsache nur wenige Kilometer weiter über der Landesgrenze anders sein soll, leuchtet Märkl nicht ein. Benötigt wird – nach deutschen Richtlinien – grundsätzlich eine mittlere Windgeschwindigkeit von mindestens fünf Metern pro Sekunde, das entspricht 18 Stundenkilometern, in 130 Metern Höhe.
Landkreis Garmisch-Partenkirchen bislang Ausschlussregion für Windkraftprojekte
Bekanntlich ist der Landkreis Garmisch-Partenkirchen bisher Ausschlussregion für Windkraftprojekte. Noch zeigt der Energie-Atlas der Bayerischen Staatsregierung fast ausschließlich rote Markierungen in den höheren Lagen. Einige wenige Flecke sind in Gelb gehalten. Das bedeutet per Definition, dass diese Areale theoretisch für „die Windenergienutzung im Einzelfall eventuell geeignet“ wären, aber „sensibel zu behandeln sind“. Doch fügt die Regierung in den Erläuterungen auch an: „Hier stehen eventuell natur- und immissionsschutzrechtliche Belange entgegen.“ Erstaunlich: Auf österreichischer Seite existiert eine Untersuchung aus dem Jahre 2011, die aufzeigt, dass gerade die Grenzregion zu Deutschland im Bereich Ehrwald-Zugspitze eine von wenigen Möglichkeiten in Tirol darstelle. Aktuell sollen zudem in Tirol Windmessungen forciert werden.
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Wie die Sache weitergeht? Stephan Scharf, Pressesprecher im Garmisch-Partenkirchner Landratsamt, gibt zu bedenken: „Der politische Wind dreht sich.“ Bedeutet: Auch in Deutschland will die Regierung die Windkraft-Gebiete ausbauen, verpflichtet die Regionen, Gebiete auszuweisen. Landrat Anton Speer, gleichzeitig zweiter Vorsitzender der zuständigen Planungsregion 17, betonte gegenüber dem Tagblatt zuletzt aber, dass in nächster Zeit am Status als Ausschlussgebiet wohl kaum zu rütteln sei. Die ersten denkbaren Gebiete seien westlich von Schongau – außerhalb des Landkreises – verortet.
Sollte er genehmigt werden, würde Windpark in etwa zehn Jahren entstehen
Darauf bauen die Grainauer, die sich einen solchen Anblick über ihrem Eibsee gerne ersparen würden. Zumindest bekräftigt Christoph Bruny, Projektleiter des Unternehmens „ImWind“, dass man noch ganz am Anfang stehe. In Betrieb würde der Windpark erst in zehn Jahren gehen – sofern die Gemeinde Ehrwald zustimmt.
Ob die bayerische Seite im Ernstfall ein Mitspracherecht hätte, darf bezweifelt werden. „Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht“, sagt Märkl. Zuerst möchte er den Ehrwalder Bürgerentscheid abwarten. Genau wie Augscheller: „Die Gemeinde Grainau wird sicherlich einen Beitrag als Nachbar leisten, um so etwas nicht entstehen zu lassen.“ Auch Märkl ist überzeugt: „Ich glaube nicht, dass das was wird.“
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