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Spricht Klartext: Experte Dr. Uwe Erfurth.

In der Geigenbauschule stinkt's gewaltig

"Das ist ein Behörden-Skandal"

Mittenwald - Die Aussagen des Kreisbaumeisters zum Geruchsproblem in der Mittenwalder Geigenbauschule erzürnt Dr. Uwe Erfurth. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen das Landratsamt.

„Ich will wirklich niemandem etwas Böses.“ Das betont Dr. Frederik Habel immer wieder. Es geht dem Rektor der Mittenwalder Geigenbauschule um nichts anderes als um einen konstruktiven Lösungsweg. Darum mit dem Landratsamt das Geruchsproblem im Verwaltungstrakt des ehemaligen Forstamts in den Griff zu bekommen. Doch die letzte Kreisausschuss-Sitzung hat diese Hoffnung zerstört. Statt Zuversicht herrscht bei Habel nun Unverständnis vor. Die Behörde „geht den einfachen Weg“. Und somit definitiv den falschen, wie der Schulleiter findet.

Zu diesem Urteil haben Habel vor allem die Äußerungen von Alkmar Zenger bewegt. Wie berichtet, zog der Kreisbaumeister bereits im Januar im Schul- und nun im Kreisausschuss ordentlich vom Leder. Es existiere keine Geruchsbelastung. Außerdem verstehe er nicht, warum Habel und seine Mitarbeiter die neuen Büros nicht beziehen.

Grundlage für seine Auffassung sind diverse Gutachten, die das Landratsamt in Auftrag gegeben hatte. Deren Ergebnis: Die Grenzwerte wurden eingehalten, die Nutzung der Räume ist also unbedenklich. Somit ist die Sache anscheinend abgehakt. Denn der Etat 2016 beinhaltet zwar 350 000 Euro, die in die Einrichtung fließen, doch das Geld ist hauptsächlich für den Brandschutz vorgesehen.

Habel ist ratlos. Mehrfach hat er der Behörde klar gemacht, dass nicht die Gerüche das Problem sind. „Die haben sich inzwischen deutlich verringert“, sagt er. Gleichzeitig weist er nochmal auf einen grundlegenden Fehler hin. Im September 2013 wurden die sanierten Räume freigegeben. „Das war zu früh“, betont er. „Man hätte sie erst später beziehen sollen.“

Das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Ebenso wenig wie gesundheitlichen Beschwerden der Angestellten – und die haben laut Habel eine andere Ursache als nur den wahrzunehmenden Geruch. Schuld haben die ausdünstenden Stoffe. „Die riecht man nicht“, betont der Rektor. Aber diesen Substanzen, die sich „ungünstig verbunden haben“, waren die Mitarbeiter nach dem Einzug massiv ausgesetzt. Die Folge: „Das führt zur erhöhten Chemikaliensensibilität“, erklärt er, „und setzt sich fort in einer vielfachen Chemikalienunverträglichkeit (MCS).“ Dafür reichen schon niedrige Konzentrationen der Stoffe. In der Praxis hat das klare Konsequenzen. „Das nimmt chronische Dimensionen an.“ Gehen Habel und seine Sekretärinnen ihrer Arbeit wieder in den Räumen nach, treten auch die Beschwerden wieder auf. Und was macht das Landratsamt? „Das beruft sich immer auf Werte, die unter den Grenzwerten liegen.“

Während Habel nach wie vor das Landratsamt mit harscher Kritik verschont, nimmt Dr. Uwe Erfurth kein Blatt vor den Mund. Der Diplom-Chemiker aus Bad Kohlgrub ist mit dem Fall vertraut. Die Stellungnahme seiner eigenen Untersuchungen liegt dem Landratsamt vor. Deshalb findet er Zengers Aussagen nur „lächerlich“. Erfurth spricht von Alibi-Gutachten, die „alle viel zu spät gemacht wurden“. Noch dazu beschäftigte man sich nur mit Einzelstoffen und nicht mit Gemischen, wie sie im Forstamt schlummern würden.

Seinen Vorschlag für ein weiteres Vorgehen kennt Zenger seit vergangenen August. Demnach sollte zum Beispiel in einem betroffenen Raum der Boden ausgebaut, abgeschliffen und mit geeigenten Reaktionsharzen versiegelt werden. Doch warum reagiert das Landratsamt nicht, fragt sich auch Habel. „Dieser Test wäre relativ günstig.“ Und er erwartet, dass das Landratsamt als Verursacher die notwendigen Maßnahmen ergreift. Laut Stephan Scharf, Sprecher der Behörde, ist der Vorschlag nicht nachvollziehbar. Sogar kontraproduktiv. „Durch das Versiegeln und luftdichte Verschließen der Böden würden erneut Lösungsmittel in die Räume eingebracht.“

Experte Erfurth hegt dagegen einen anderen Verdacht: Dass sich das Amt als Sachaufwandsträger vor der Verantwortung drückt. „Das ist ein Behörden-Skandal“, sagt er. „Das Kreisbauamt will den Fehler nicht zugeben.“ Klare Worte. Und er geht sogar weiter. Denn mit den Aussagen Zengers lässt er sich nicht abspeisen – vor allem nicht angesichts der gesundheitlichen Auswirkungen der Sache. „Das ist Körperverletzung“, unterstellt Erfurth. Das Kreisbauamt würde noch „sein blaues Wunder“ erleben. Was er damit meint, lässt er offen.

Deutlicher wird Scharf. „Das Landratsamt empfiehlt, betriebs- beziehungsweise amstärztliche, medizinische Untersuchungen der betroffenen Person durchzuführen.“ Dafür sei aber das Kultusministerium zuständig. Falls Habels Personal weiterhin Probleme beklagt – „obwohl sich deren Vermutungen in keiner Weise bestätigt haben“ – wird der Landkreis die Räume anders nutzen und dem Schulleiter und seinem Sekretariat einen anderen Raum zuweisen. Manuela Schauer

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