Hände tippen auf einer Computertastatur.
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Hacker haben tausende Firmen auf der ganzen Welt lahmgelegt. Betroffen war auch die Gemeinde Grainau.

Kämmerer entdeckt Attacke - und verhindert Stillstand

Computer tot, Daten weg: Gemeinde in Oberbayern wird Opfer von weltweitem Hackerangriff

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Tausende Unternehmen weltweit sind betroffen. Die Cyberattacke auf die Kaseya-Software gehört wohl zu den größten Hackerangriffen. Ein Opfer: die oberbayerische Gemeinde Grainau.

Grainau – Anton Pfanzelter muss noch etwas erledigen. Deshalb fährt der Geschäftsleiter und Kämmerer am Freitag, später Nachmittag, noch einmal ins Rathaus. Dort schaltet er den Rechner ein. Doch nichts passiert. Gar nichts. Alles tot. Später wird sich herausstellen: Auch alle Daten auf den lokalen Rechnern sind weg. So wie bei Tausende Firmen auf der ganzen Welt in diesem Moment.

Cyberangriff auf Kaseya-Software: Auch Grainau betroffen - Kämmerer entdeckt Cyberattacke

Sie alle wurden Opfer eines massiven Hackerangriffs. Betroffen sind Kunden des US-Software-Dienstleisters Kaseya, über den die Schadsoftware wohl verbreitet wurde. Sie verschlüsselt Daten und macht sie unbrauchbar. In mindestens 17 Ländern war bis Sonntag Erpressungssoftware aufgetaucht. Gegen Lösegeld, hieß es, werden die Rechner freigegeben.

Hackerangriff auf Grainau: IT-Experte arbeitet ganzes Wochenende, um Daten wiederherzustellen

Solche Forderungen hat Grainau nicht erhalten. Erst einmal funktionierte schlicht nichts mehr. Pfanzelter informierte sofort den IT-Experten. Das ganze Wochenende arbeitete er, um die Systeme zum Laufen zu bringen, Dateien, E-Mails, Terminkalender und alles, was auf lokalen Servern gespeichert ist, wiederherzustellen. Am Sonntag war nicht abzusehen, ob das bis zum Wochenstart klappen würde. Pfanzelter informierte Kollegen und Chef in einer WhatsApp-Gruppe.

Bürgermeister Stephan Märkl hat am Sonntag von den Problemen erfahren.

Per Handy-Nachricht erfuhr auch der Bürgermeister, was im Rathaus vor sich ging. Bald kam der Vorschlag: Wer Lust hat, solle am Montag Urlaub nehmen, nachdem kein PC funktioniert. Jetzt lacht Märkl. Denn spät abends gab Pfanzelter Entwarnung. Alle können uneingeschränkt arbeiten, die etwa 30 Computer laufen. Bis Montag hatte der Fachmann fast alle Dateien wiederhergestellt, nur der Freitag fehlte.

„Das wird noch eine Weile so bleiben“, vermutet Märkl. „Aber auch den bekommen wir zurück.“ Alles halb so wild, es hätte viel schlimmer kommen können: Wäre der Virus erst am Montag entdeckt worden, hätten Verwaltung und Tourist-Info ihren digitalen Betrieb frühestens am Donnerstag gestartet. Mindestens drei Tage Fast-Stillstand. Vielleicht länger. Denn wer weiß, ob der Experte gleich Zeit gehabt hätte für die Gemeinde.

Auch Zugspitzbad von Cyberattacke betroffen: Stricherlliste statt Kassenregistrierung

In einem Schreiben von Sonntag erklärt die zuständige IT-Firma die Cyberattacke und ihre Folgen, die man schnellstmöglich beseitigen wolle. Damit sind die Experten beschäftigt: Allein dieser Dienstleister betreut 36 000 Kunden in Deutschland. Laut Märkl sind alle betroffen.

Experten zufolge könnte dies die bislang größte sogenannten Ransomware-Attacke überhaupt gewesen sein. In Schweden blieben am Samstag 800 Supermärkte der Kette Coop geschlossen, weil die Kassen nicht funktionieren. „Wahnsinn, wie abhängig man von den Computern ist“, sagt Märkl. Auch im Zugspitzbad fiel das Kassensystem wegen des Hackerangriffs aus. Dort aber wussten sich die Mitarbeiter zu helfen: Sie führten am Wochenende Stricherllisten.

Der Gesundheit wegen muss Jeannette Lorenz als Wirtin der Mittenwalder Hütte aufhören. Ein Schritt, der ihr unvorstellbar schwer gefallen ist. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

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