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Die unterschätzte Gefahr: Wanderer ignorieren Steinschlag-Schilder im Höllental

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Von: Tanja Brinkmann

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Wanderer rasten zwischen Felswänden an einem Bach.
Trügerische Idylle: Am oberen Ausgang der Höllentalklamm herrscht extreme Steinschlaggefahr. © Bergwacht Grainau

Wer am Berg, gerade in höheren Lagen unterwegs ist, muss mit Steinschlag rechnen. Besonders gefährdet ist der Bereich am oberen Ausgang der Höllentalklamm. Schilder und Absperrungen zeugen davon, werden aber gerne ignoriert. Auch deshalb kommt es dort immer wieder zu Unfällen.

Grainau – In der Höllentalklamm spürt man sie, die ursprüngliche Kraft des Wassers und der Natur. Ein eindrucksvolles Erlebnis. Eines, das fordert. Wer die Klamm gemeistert hat, braucht sicher eine Pause, auch um die gewaltigen Eindrücke sacken zu lassen. Der Bereich am Klammausgang lädt dazu geradezu ein. Doch die vermeintliche Idylle trügt. Gerade dort, wo der Hammersbach so friedlich zwischen den hohen Felswänden dahinplätschert, herrscht große, sogar tödliche Gefahr.

Wanderer und Bergsteiger ignorieren Schilder und Absperrung

Darauf weisen etliche Schilder hin – zweisprachig. Davon zeugt eine Absperrung. „Die Leute ignorieren das.“ Toni Vogg junior wundert sich. Immer wieder sieht der stellvertretende Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau Wanderer dort rasten, auch mit Kindern. Dass sie in einem extrem steinschlaggefährdeten Gelände befinden, blenden sie offenbar aus. Genau wie die Hinweise, dort nicht stehen zu bleiben. Spricht man sie darauf an, „haben sie angeblich das Schild nicht gesehen oder es falsch eingeschätzt“. Vogg weiß, dass das fatale Folgen haben kann. Erst am Samstag mussten seine Kameraden wieder einen Mann aus diesem Bereich retten, den ein Stein am Kopf getroffen hatte. Leicht verletzt wurde er mit dem Hubschrauber in die Unfallklinik Murnau gebracht.

Weniger Glück hatte eine Frau, die Ende Mai am Stangensteig oberhalb der Klamm nach einem Steinschlag schwere Kopfverletzungen erlitten hat. Sie liegt noch immer im Krankenhaus.

Steinschlag-Gefahr ist im Frühjahr besonders groß

Zu den Patienten will und kann Dr. Raphael Bender, ärztlicher Leiter des Rettungshubschraubers Christoph Murnau, nichts sagen. Über die alpinen Gefahren äußert sich der erfahrene Notarzt dagegen schon. Steinschlag sei gerade fürs Frühjahr typisch, erklärt er. Dann taue das gefrorene Wasser auf, das in die Spalten gelangt ist, und sprenge die Felsen weg. „Gerade das Höllental ist ein hochalpines Gelände, in dem man immer damit rechnen muss“, sagt Bender. Insbesondere am Stangensteig rät er daher dringend dazu, grundsätzlich einen Helm zu tragen. Verletzungen am Kopf seien bei Steinschlag am häufigsten. Und können je nach Schwere schlimme Folgeschäden nach sich ziehen.

Immer öfter erleben er und die Bergretter, dass Wanderer mit unzureichender Ausrüstung und ohne Erfahrung in Bereichen unterwegs sind, die selbst kundige Alpinisten fordern. „Die Leute müssen sich bewusst machen, wo sie hingehen, sich entsprechend informieren“, betont der Mediziner. Und entsprechend vorbereiten. Neben dem Helm gehört für ihn festes Schuhwerk dazu.

Noch mehr Hinweisschilder seit dem tödlichen Unfall 2014

Um die Gefahren zu minimieren, sind Kräfte der Grainauer Bergwacht vor der Saisoneröffnung immer zum „Abräumen“ an wechselnden Stellen im Bereich der Höllentalklamm aktiv. Dort entfernen sie loses Geröll, Holz, et cetera. Nach dem schweren Unwetter im vergangenen Sommer sind Bernhard Ostler, der zuständige Klammreferent der Alpenvereinssektion Garmisch-Partenkirchen, und ein Geologe außerdem eigens mit dem Hubschrauber über diesen Bereich geflogen, um mögliche Gefahrenstellen auszuloten.

Nach dem tödlichen Unfall im Juli 2014, bei dem ein Belgier (39) am Klammausgang von einem Stein getroffen worden und wohl auf der Stelle tot war, gehen Ostler und seine Mitstreiter noch sensibler mit dem Thema um. Schon damals haben sie die Anzahl der Hinweisschilder gewaltig erhöht und den Weg mit einem Stahlseil, von dem aktuell etwa ein Viertel noch von der Firma Dörfler repariert werden muss, versehen. Die Leute steigen drüber, ignorieren die Absperrung und die Hinweise. Wahrscheinlich verführen die verfallenen Mauern des ehemaligen Kanals, der das Wasser des Hammersbachs in die Turbine des früheren Kraftwerks führte, zu sehr zu einer Rast. Ostler hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Vogg. Auch er stößt häufig auf Unverständnis, wenn er Bergsteiger auf die Gefahren hinweist. Noch heute ist er geschockt, wenn er daran denkt, dass Wanderer kurz nach dem tödlichen Unfall direkt neben den vom Blut rotgefärbten Felsen Brotzeit machten. Und das mitten im extrem steinschlag-gefährdeten Gelände. Die Idylle, der sanft plätschernde Bach lassen offenbar jede Vorsicht vergessen.

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