+

„Es ging innerhalb von Minuten“

Suche nach der Hochwasser-Ursache: Experten gehen von Flutwelle aus 

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
    schließen

Der Pegel stieg rapide an, und fiel ebenso schnell wieder ab: Nach dem Hochwasser in Grainau gehen die Experten auf Ursachenforschung. Bislang gibt‘s aber nur Mutmaßungen.

Grainau – Ein bisschen Glück braucht es immer in der dunkelsten Stunde. Das der Hammersbacher bestand Samstagnacht in der Tatsache, dass am gleichnamigen Bach exakt zu jener Zeit, als er besorgniserregend anschwoll, ein Bagger in der Nähe der Brücke stand. Es waren in diesen Tagen Uferinstandsetzungsarbeiten im Gange. „Ein echter Glücksfall“, betont Horst Hofmann, Experte für Wasserbau beim Wasserwirtschaftsamt in Weilheim. „So waren wir sofort in der Lage, etwas zur Sicherung der Brücke zu tun.“ Die Hilfskräfte richteten Betonblöcke entlang des Ufers auf, um den Hammersbach einigermaßen im Zaum zu halten. Und um reagieren zu können, falls Treibholz aus der Klamm die Brücke verklausen, also verstopfen sollte. „Da reicht ein Baum, dann springt der Bach raus“, macht Hofmann deutlich. Der Bagger wurde dementsprechend auf der Brücke platziert, um sofort einsatzbereit zu sein.

Es waren Szenen, wie sie der kleine Grainauer Ortsteil Hammersbach lange nicht erlebt hat. Ältere Einheimische berichteten Bürgermeister Stephan Märkl von einem Hochwasser im Jahre 1974. „Damals war’s wohl knapp, da hätten fünf Zentimeter gefehlt“, sagt er nach Gesprächen mit Betroffenen in der Nacht der Evakuierung von mehr als 250 Personen.

Lesen Sie auch: Unwetter: Urlaubsgäste per Helikopter evakuiert - K-Fall gilt vier Stunden - Region noch lange unpassierbar

Experten machen sich ein Bild vor Ort

Sonst bereitete der Wildbach kaum Schwierigkeiten. Im Grunde ist er sogar für ein HW100, ein hundertjährliches Hochwasser, ausgebaut. Das bestätigt Hofmann: „So ist er berechnet.“ Nur lässt sich die Natur eben nicht berechnen. Ein Wetterereignis wie der Starkregen über dem Höllental in der Nacht auf Sonntag sei schließlich nicht vermeidbar, betont Roland Kriegsch, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes. Mit seinen Fachleuten machte er sich Dienstagfrüh selbst zu einer Stippvisite auf den Weg nach Hammersbach. Er wollte sich einen Eindruck von der Situation verschaffen. „Solche Regenfälle werden wir immer mal wieder haben“, stellt der Behördenchef klar. „Wir können versuchen, einen Wildbach in den Griff zu kriegen, aber versprechen können wir es nicht.“

Mehr zum Thema: Nach Unwetter: Wege zur Höllentalangerhütte gesperrt – Klamm ab Samstag wieder offen

Die Flutwelle als Grafik: Der sprunghafte Anstieg ist aus dem Kurvenverlauf deutlich abzulesen. 

Vor allem nicht, wenn sich das Hochwasser so schnell aufbaut wie Samstagnacht. „Es ging innerhalb von Minuten“, betont Kriegsch. Das ließ sich an den Daten des Pegels an der Hammersbacher Brücke ablesen. Alle fünf Minuten wird ein Wert registriert. Jeweils aus drei Datensätzen errechnet sich ein Mittel, das dann für die Computergrafik ausgegeben wird. „Zwischen 22 und 23 Uhr stieg der Pegel von 25 auf 120 Zentimeter.“ Sank aber auch rasch wieder. „So schnell das Wasser da war, war es wieder weg.“ Da der Pegel nur die Werte von jeweils 15 Minuten ausspuckt, „war ein genaues Bild dieses Ereignissen gar nicht abzubilden“, bedauert Kriegsch. Hinweise auf die tatsächliche Pegelhöhe fanden Flussmeister Andreas Funk und sein Team aber am Ufer anhand der Schwemmholzansammlungen. „Wir konnten sogar 1,95 Meter messen“, betont Funk. Die Experten gehen davon aus, dass es sich um eine Art Flutwelle handelte, die aus dem Höllental in Richtung Dorf schwappte. „Vielleicht hat sich eine Verklausung gelöst“, sagt Kriegsch. Mutmaßungen bis dato. Ob sich die Frage wirklich klären lässt, ist derzeit offen.

Geröll liegt mehr als halben Meter hoch im Bachbett

Das Ausmaß der Schäden kam erst am Sonn- und Montag richtig ans Tageslicht. Enorme Kiesmengen brachte der Hammersbach mit sich. Teilweise liegt das Geröll mehr als einen halben Meter hoch im Bachbett. „Das muss jetzt alles raus“, stellt Funk klar. Denn der Kies stellt eine neue Gefahr für die Bewohner Hammersbachs und die Anlieger im Unterdorf an der Degernau dar. „Die Sohle liegt damit höher, der Pegel steigt automatisch stark an.“ Am Montagabend sei der Bach bereits wieder bedrohlich angewachsen. Daher handelten die Hilfskräfte vor Ort, bauten Betonabsperrungen rund um den Bach auf, um die Wohnsiedlungen vor einer neuen Welle zu schützen. „Eine Vorsichtsmaßnahme“, stellt Feuerwehrkommandant Josef Keller klar. Bis die Auskiesungen erfolgt sind, bleibt das wohl so.

Einen großen Umbau am Hammersbach wird es nach diesem Hochwasser nicht geben. Das können die Experten schon abschätzen, auch wenn die Daten nicht komplett analysiert sind. Sehr wohl aber gehört der Bach an einigen Stellen saniert. „Wir müssen an ein paar Punkten nachbessern“, sagt Hofmann. Vor einigen Jahren wurde über einen Treibholzrückhalt oberhalb des Dorfs nachgedacht. Hofmann spricht Klartext: „Ich denke, der ist zwingend notwendig.“ Denn auf Glück angewiesen zu sein, dass nicht ein Baum den Bach aufstaut, das wollen die Wasserbauer ganz sicher nicht.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Kurioser Anruf: Student will mit Taxi von Bergstation geholt werden - „Bin auf der Terrasse...“
Ethem Genc war baff, als der Taxifahrer mitten in der Nacht einen Burschen an einem denkbar ungünstigen Ort abholen soll: der Alpspitz-Bergstation. Genc rettet ihm …
Kurioser Anruf: Student will mit Taxi von Bergstation geholt werden - „Bin auf der Terrasse...“
Erst die Passion, jetzt das Heimatsound: Festival wird verschoben
Der Sommer in Oberammergau wird heuer kulturell ruhig. Keine Passion, kein Theater - und auch kein Heimatsound-Festival. Die Veranstaltung ist für dieses Jahr abgesagt …
Erst die Passion, jetzt das Heimatsound: Festival wird verschoben
Frontal in den Gegenverkehr: Beteiligte in Klinik eingeliefert
Am Mittwochnachmittag gegen 17.15 Uhr ist es auf der Staatsstraße 2038 zu einem Frontalunfall gekommen.
Frontal in den Gegenverkehr: Beteiligte in Klinik eingeliefert
Mega-Bauwerk auf der Zielgeraden
Das Projekt Seehauser Bahnunterführung befindet sich auf der Zielgeraden. Ende September soll der Bau fertig sein.
Mega-Bauwerk auf der Zielgeraden

Kommentare