Hätte man das Unglück verhindern können?

Höllentalklamm: Wanderer erhebt schwere Vorwürfe - Alpenverein widerspricht: „Ist kein Freizeitpark“

  • Katharina Haase
    VonKatharina Haase
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An der Höllentalklamm in Grainau hat eine Flutwelle eine Brücke weggerissen. Mindestens eine Frau starb. Nun erheben Wanderer schwere Vorwürfe gegen den Deutschen Alpenverein.

Grainau - Die Flutwelle, die am Montagnachmittag, 16. August, durch die Höllentalklamm in Grainau rauschte, muss enorme Kraft gehabt haben. Sie riss eine Brücke mit sich, acht Wanderer konnten später weitgehend unverletzt gerettet werden. Eine Frau jedoch starb, ihre Leiche wurde am Dienstag gefunden. Eine weitere Person, deren Identität bislang ungeklärt ist, gilt weiter als vermisst. „Trotz des großen Einsatzes vieler ehrenamtlicher Berg- und Wasserretter konnte die zweite vermisste Person nicht aufgefunden werden“, erläuterte der Einsatzleiter des Bayerischen Roten Kreuzes, Hans Steinbrecher. Angesichts der Wassermassen und der bereits verstrichenen Zeit seit dem Unglück sei es aber unwahrscheinlich, die Person noch lebend finden zu können.

Flutwelle in der Höllentalklamm: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Die Staatsanwaltschaft München II hat mittlerweile Vorermittlungen zu den Geschehnissen eingeleitet. Es werde geprüft, ob eine Straftat im Raum stehe, etwa fahrlässige Tötung, sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur. Gegen konkrete Personen richteten sich die Überprüfungen bisher aber nicht. Nach dem Unglück war die Frage laut geworden, warum sich trotz des Unwetters so viele Wanderer in der Klamm aufgehalten hatten und diese nicht vor dem nahenden Unwetter gewarnt worden seien.

Höllentalklamm: DAV-Sprecher verteidigt geöffneten Einlass - und verweist auf Informationspflicht

Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV) hält es für unwahrscheinlich, dass es in diesem Fall zu einer Anklage kommt. Denn das Unglück, so Bucher, habe sich nicht direkt in der Höllentalklamm ereignet, sondern auf einem frei zugänglichen Stieg, der von oben herab in die Klamm führt. Die Klamm selbst sei größtenteils unwettersicher. „Außer massiv nass zu werden, kann da eigentlich nichts passieren“, sagte Bucher am Mittwoch, 18. August.

Die DAV-Sektion Garmisch-Partenkirchen habe in der Höllentalklamm die „Verkehrssicherungspflicht“, hält Wege und Brücken instand. Sie kassiere an der Höllentaleingangshütte im Tal auch Eintritt - wenn diese besetzt ist. Ein Unwetter sei kein Grund zur Sperrung der Klamm. Letztlich, so Bucher bereits am Dienstag im Gespräch mit Merkur.de, sei es die Aufgabe der Wanderer sich vor der Tourenplanung über mögliche Unwetterlagen zu informieren. Man habe die Wanderer am Eingang der Höllentalklamm auch am Montag „mit Sicherheit“ darauf hingewiesen, dass sich ein Unwetter anbahne, so Bucher. Doch hat man das wirklich?

Schwere Anschuldigung gegen Alpenverein: Wurde an der Höllentalklamm vor Unwettern gewarnt?

Nein, lautet die einhellige Meinung mehrerer Wanderer, die sich am Montag in der Höllentalklamm aufhielten und sich nun, ob dieser Behauptung, entrüstet an unsere Redaktion gewandt haben. Eine Besucherin, die namentlich nicht genannt werden will, ist empört. Die Frau aus Norddeutschland war am Montag mit ihrem Verlobten in der Klamm unterwegs, womöglich gehörten sie am Nachmittag zu den letzten Personen, die die besagte Brücke lebend überquerten. Auch am Eingang zur Klamm habe niemand auf das anstehende Unwetter hingewiesen. Kurz bevor sich das Unglück ereignete seien sie und ihr Verlobter schließlich aus eigenem Antrieb heraus wieder zurückgegangen, da ihnen das drohende Unwetter Sorgen bereitete. Als schließlich die ersten Gerüchte aufgekommen seien, dass in der Klamm eine Brücke weggerissen wurde, habe man trotzdem noch weitere Wanderer gegen Gebühr den Eingang zur Klamm passieren lassen.

Höllentalklamm: DWD hatte Unwetter vorausgesagt - Bürgermeister weist alle Schuld von sich

Auch Andreas K. bestätigt diese Aussage. Der Urlauber aus Hessen gibt gegenüber Merkur.de an, er und seine Familie seien trotz des absehbaren Unwetters zum Eingang der Klamm gekommen. Nachdem sich die Unwetterlage verschlimmert hatte, so K., fragten die Touristen am Eingang, ob ein Betreten der Klamm denn nun überhaupt noch möglich und sinnvoll sei. Daraufhin habe man die Auskunft bekommen, dass dies kein Problem sei. Auch Familie K. brach die Wanderung durch die Klamm schließlich auf eigenes Betreiben hin ab.

Tatsächlich hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) bereits am Sonntag vor Unwettern im Alpenraum gewarnt und dabei Starkregen und schwere Gewitter angekündigt. Grainaus Bürgermeister Stephan Märkl sagte jedoch am Dienstag im Gespräch mit dem BR, eine derartige Gewitterzelle sei von niemandem vorhersagbar gewesen. „Wenn man sich im alpinen Bereich befindet, muss man mit so etwas rechnen. (...) Da kann man meiner Meinung nach keinem Menschen irgendeine Schuld geben“, so Märkl.

Nach Unglück an Höllentalklamm: „Ist kein Freizeitpark“ - DAV-Sprecher plädiert auf Eigenverantwortung

Auch Thomas Bucher betont auf Rückfrage von Merkur.de am Mittwoch noch einmal die Selbstverantwortung der Wanderer. Man habe beim DAV von dem nahenden Unwetter gewusst, jedoch sei nicht absehbar gewesen, wo genau und wie heftig dies ausfallen würde. „Kurz zuvor war noch alles sonnig, das muss alles sehr lokal passiert sein und das konnte auch am Eingang zur Klamm niemand wissen“, so Bucher. Die DAV-Sektion in Garmisch-Partenkirchen bestehe aus „kompetenten Leuten“, die den Zugang zur Klamm sicher nicht empfehlen würden, „wenn sie selbst es für gefährlich halten“. „Die Klamm ist kein Freizeitpark, sondern ein alpiner Steig“, betont Bucher; jeder Wanderer müsse selbst abwägen, was er sich zutraue und sich auch vorher ausreichend über das Wetter informieren. Einzelnen Personen die Schuld zuzuweisen für das was passiert sei, halte er für falsch. Ein Unglück dieses Ausmaßes sei am Montag in keinster Weise absehbar gewesen. (kah)

In der Höllentalklamm kommt es auch immer wieder zu Unfällen. Im Juni wurden Wanderer durch Steinschlag verletzt. Im gleichen Monat stürzte ein Wanderer ab. Unwetter haben in der Region in den vergangenen Wochen auch die sehr beliebte Partnachklamm massiv beschädigt.

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Rubriklistenbild: © Lennart Preiss/dpa/Archivbild

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