Ein hohes Risiko sind die Kräfte der Wasserwacht eingegangen, um im Hammersbach nach den Vermissten zu suchen. Etwas entspannt hatte sich die Lage am Dienstag (Foto). 
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Ein hohes Risiko sind die Kräfte der Wasserwacht eingegangen, um im Hammersbach nach den Vermissten zu suchen. Etwas entspannt hatte sich die Lage am Dienstag (Foto). 

Einsatz für Wasserretter geschildert

Nach Unglück in Höllentalklamm: „Jungs, das ist saugefährlich“

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Nach Unglück nahe der Höllentalklamm: Sandro Leitner schildert Einsatz für die Wasserretter

Grainau – Die Zeit drängt. Jede Minute zählt. Doch ohne das Risiko zu beurteilen, geht niemand ins Wasser. Ein Prozedere nach festen Kriterien. Das Ergebnis: 80 bis 85 Prozent – eine „sehr hohe Gefährdungslage“ ergibt die Bewertungsskala. Sandro Leitner sagt es so: „Jungs, das ist saugefährlich.“ Die Männer starten dennoch. Denn noch sehen sie eine Chance, die Vermissten lebend zu finden. Gegen 16 Uhr steigen sie in die Höllentalklamm.

Oberhalb der Schlucht sind am Montag, 16. August, zwei Menschen von einem Unwetter überrascht und vom Bach mitgerissen wurden. So stellt sich die Situation derzeit dar. „Routine ist so ein Einsatz nicht. Auf keinen Fall“, sagt Leitner, der vor Ort die Einsatzleitung für die Wasserrettung übernahm, gut eine Woche nach dem Unglück.

Hammersbach normalerweise ein unspektakuläres „Rinnsal“

Den Hammersbach bezeichnet der 33-Jährige als unspektakulär, „ein Rinnsal“ – normalerweise. Doch wissen Wasserretter wie Leitner, der auch Vorsitzender der Wasserwacht Grainau und Technischer Leiter bei der Kreiswasserwacht ist: Jeder noch so reißende Fluss wird zahm und leicht bei niedrigem Pegelstand, gefahrlos marschieren die Retter darin herum. „Aber jeder noch so kleine Bach kann bei Starkregen unbegehbar werden.“ Genau das erlebte das Team in Grainau.

Kräfte weiteten Suche bis zur Farchanter Anlage aus

In einem ersten Schritt zählt es bei einem Einsatz in fließendem Gewässer, so schnell wie möglich von oben bis unten die Strecke abzugehen, auf der sich ein Unglück ereignet hat und auf der sich die vermissten Personen befinden. Zugleich wird ein sogenannter Maximalbereich definiert, mit Kräften besetzt und nach und nach abgesucht. Den Start dieses Korridors markiert entweder die frühestmögliche Unfallstelle oder, wie in diesem Fall, der „Point of last seen“, der Punkt, an dem die Personen zuletzt gesehen wurden. Das Ende bildet eine unüberwindbare Stelle, oft ein Wehr. „Da kommt niemand vorbei.“ Außer es ist überspült, wie am Montag vor einer Woche das Garmischer Wehr. Deshalb weiteten die Kräfte die Suchstrecke bis zur Farchanter Anlage aus. Auch dort postierte man eine Gruppe der Wasserwacht. Eine weitere dazwischen: in dem Bereich, in dem sich die Personen am wahrscheinlichsten gerade befinden. Dieser wird aus der Zeit des Unglücks und der Fließgeschwindigkeit erechnet. Am Hammersbach aber hilft die Mathematik wenig: Felsen, Unterspülungen, Treibholz – man muss damit rechnen, dass die Natur die Menschen nicht freigibt. So wie die Frau.

Übernahm die Einsatzleitung: Sandro Leitner, hier beim Hochwasser am Hammersbach im vergangenen Jahr. 

Am Dienstagmorgen, 17. August, fanden Retter sie gegen 8.30 Uhr rund 200 Meter nach dem Ausgang der Klamm. Zufällig war die Bergwacht Grainau während der Lagebesprechung der Einsatzkräfte zu einem medizinischen Notfall im Höllental gerufen worden. Die Männer rückten aus – und entdeckten die Frau im Wasser. „Total eingeklemmt zwischen Felsen“, sagt Leitner. Was die enorme Kraft des Wassers zeigt. Es wirbelte die Steinbrocken durcheinander.

Dabei hatten die Kräfte die Stelle nicht etwa ignoriert, an der die Leiche geborgen wurde. „Da waren wir, nicht nur einmal.“ Doch kann sich die Situation schnell ändern. Auch deshalb sprechen die Experten von einer „ortsveränderlichen Einsatzstelle“. Sinkt der Pegel, sinkt der Druck, Walzen verlieren ihre Kraft, um Körper festzuhalten. Sie werden weitergespült.

„Das ist oft ein Thema: Du siehst nicht, was kommt, du siehst nicht, wohin du trittst.“

Sandro Leitner, Einsatzleiter der Wasserwacht

Vor diesem Hintergrund wurde die Suche am vergangenen Mittwoch zunächst eingestellt und am Montag dieser Woche nicht wieder aufgenommen. Dies hatte die Polizei – sie ist mittlerweile für den Einsatz verantwortlich – ursprünglich geplant. Doch war der Wasserpegel durch neue Regenfälle nicht zurückgegangen, die Ausgangslage hatte sich nicht geändert. Anders als gestern. Die Suche wurde fortgesetzt, blieb aber erfolglos (siehe Kasten). Nicht ohne erneut das Risiko im Vorfeld zu bewerten. Faktoren wie der Pegel, die Temperatur, die Abflussgeschwindigkeit, Totholz, Strudel, Gewitter und Starkregen fließen ein, ebenso die Farbe des Wassers. „Das ist oft ein Thema: Du siehst nicht, was kommt, du siehst nicht, wohin du trittst.“

Leitner holt sein Smartphone, zeigt ein Video vom Einsatzmontag, an dem die Kreiswasserwachten mit 30 Männern und Frauen beteiligt waren. Dunkelgrau walzt der Hammersbach durch die Schlucht. Am Ufer steht ein Canyoningretter. Den letzten möglichen Punkt hat er genutzt, um aus dem Wasser zu stegen. Danach – „keine Chance“. Er hätte es wohl nicht überlebt. Ein kleiner Wasserfall hat sich gebildet, der Fluss rauscht über Felsen, spielt mit den Steinen am Untergrund Pingpong. Leitner: „Da willst du nicht im Wasser sein.“ Von dort geht es nur auf dem Land weiter.

Retter mussten gefährliche Passagen umgehen

Viele solcher Stellen gab es am Montag vor einer Woche. Immer wieder mussten die Retter gefährliche Passagen umgehen. Im Laufe des nächsten Tages beruhigte sich die Situation etwas, fast die gesamte Strecke ließ sich abgehen beziehungsweise abschwimmen. „Der Hammersbach war der wahrscheinlich am besten durchsuchte Bach in ganz Deutschland, mindestens in Bayern.“ Wohin die Kräfte nicht selbst vordringen konnten, übernahmen Drohnen. Stundenlang werteten die Experten das Videomaterial aus. Versuchten, das Wasser zu lesen, wo es den Vermissten – nach derzeitigem Kenntnisstand der Lebensgefährte der toten Frau – festhalten könnte. Hoffnung hatte zu diesem Zeitpunkt kein Retter mehr, ihn lebendig zu finden, auch wenn das am Dienstag noch niemand offiziell ausgesprochen hatte.

Vier bis fünf Minuten, sagt die Statistik, bleiben in der Regel in einem See, um jemanden zu retten, „sobald der Kopf unter Wasser ist“. Ganz anders die Situation in fließendem Gewässer. Die Person in Not könnte immer wieder auftauchen, nach Luft schnappen, wenn sie eingeklemmt ist. Ein fester Richtwert, ab wann die Überlebenschancen gegen null gehen, existiert nicht. Dafür sind die Situationen, die Flüsse und Bäche zu unterschiedlich. Doch die Erfahrung sagt Leitner: „Etwa zwei Stunden – danach wird es sehr unwahrscheinlich.“

Für die Kräfte am Hammersbach änderte sich dadurch nichts. „Sie wollten nicht aufhören“, betont Leitner. Auch für die Angehörigen, um ihnen Gewissheit zu geben. Unbedingt wollten sie weitersuchen am Montagabend. Selbst, als es dunkel wurde. Da aber brach Leitner als Einsatzleiter ab. Es machte keinen Sinn mehr. „Leute, wir gehen.“ Die Situation wurde zu gefährlich. 85 Prozent werden einfach zu viel – wenn man davon ausgehen muss, nach Leichen zu suchen.

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