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Kämpfen für eine schonende Kennzeichnung: Christine und Ingo Sigl aus Grainau mit ihren Zwergziegen.

Halter wollen Tiere kein Leid zufügen

Keine Ohrmarken:  Ziegen unter Polizeischutz abgeführt

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Seit über fünf Jahren liegen Christine und Ingo Sigl im Clinch mit dem Veterinäramt in Garmisch-Partenkirchen. Sie wollen ihre zehn Ziegen aus Tierschutzgründen nicht mit Ohrmarken versehen. Jetzt eskalierte der Streit. Die Polizei musste anrücken, um die Tiere in Gewahrsam zu nehmen und kennzeichnen zu lassen.

Grainau– Donnerstagmorgen, 8.15 Uhr in Grainau. Fünf Mitarbeiter des Veterinäramtes und zwei Tierärzte werden von einer Schar Polizeibeamte mit mehreren Fahrzeugen flankiert. Sie rücken zu einem Stall im Ortsteil Hammersbach vor. Es ist der Hof von Ingo Sigl. Der Tross ist wegen der zehn Ziegen im Stall des 47-Jährigen gekommen. Das Ziel: Den Tieren Ohrmarken zu verpassen. Nachdem sich Ingo und Christine Sigl lautstark über diese Maßnahme beschwert hatten, nahmen die Mitarbeiter des Veterinäramts unter Polizeiaufsicht die zehn Tiere in einem Viehanhänger mit. Dieser Showdown war das Finale eines seit fünf Jahren schwellenden Streits zwischen der Grainauer Familie und dem Veterinäramt Garmisch-Partenkirchen. Der Grund: Sigl weigerte sich, seine Tiere mit Ohrmarken zu versehen. Aus Tierschutzgründen, erklärt er.

Jetzt haben die Ziegen welche. Sie wurden an einen den Haltern unbekannten Ort gebracht. „Dort sind ihnen die Ohrmarken unter tierärztlicher Aufsicht angebracht worden“, sagt Landratsamt-Sprecher Stephan Scharf.

Sigl treibt die Vorgehensweise die Zornesröte ins Gesicht. Der Abtransport sei illegal gewesen. Die Beamten hätten zwar aufgrund einer Duldungsanordnung das Gelände betreten, die Zwergziegen allerdings nicht mitnehmen dürfen, behauptet er. Die sogenannte „Ersatzvornahme“ sei „ohne den dafür notwendigen Beschlagnahmebeschluss“ passiert.

Kennzeichnung war im Stall nicht möglich

Laut dem Landratsamt ist die mögliche Mitnahme der Tiere allerdings angekündigt und rechtens gewesen. „Unter den Umständen war eine Kennzeichnung vor Ort nicht möglich“, sagt Scharf. Die Mitarbeiter seien wüst beschimpft worden. „Es war halt sehr emotional für uns“, rechtfertigt sich Sigl. Deshalb seien eben manche unschöne Worte gefallen. „Wir waren unter Schock.“ Vorab seien aber schon Drohungen ausgesprochen worden, sagt Scharf. Deshalb sei der Polizeischutz nötig gewesen. Für die Familie aus Grainau war die Aktion „einfach nur überzogen und eine Verschwendung von Steuergelder“. Die Fronten sind verhärtet. Derweil ist es ursprünglich rein um das Tierwohl gegangen. Begonnen hat der Zank mit dem Amt im Jahr 2014. Wenige Jahre zuvor hatte der Gesetzgeber beschlossen, dass Ziegen ab einem Alter von neun Monaten mit zwei Kennzeichen, die die selbe individuelle Nummer haben, versehen sein müssen. Eines davon ist die Ohrmarke. Für die Sigls „ein unnötiges Tierleid“. Deshalb weigerten sie sich seither, solche ihre Tiere durch das Ohr zu stechen. „Wir kämpfen für eine schonende Kennzeichnung.“ Sie berichten von Ziegen anderer Halter. Die Tiere hätten Entzündungen und Vereiterungen, bei manchen seien die Ohrmarken sogar ausgerissen. „Das gibt Riesenlöcher, das kann nicht sein“, sagte Sigl schon damals. Er ignorierte somit sämtliche Aufforderungen des Landratsamtes, seine Tiere mit den gelben Kennzeichen zu versehen.

Tierschützer kämpfen seit Jahren gegen das Gesetz

Das Landratsamt beruft sich allerdings auf den Gesetzgeber, der eine solche Markierung vorschreibt. „Wir haben schon viel Druck auf die Politik gemacht, passiert ist leider bis heute nichts auf Bundesebene“, erklärt Pressesprecherin Ursula Bauer von „Aktion Tier“. Der Verein hat 2014 versucht, im Bundestag die Gesetze zu ändern. Vergebens.

So führte auch Sigl fortan über Jahre hinweg einen Rechtsstreit mit dem Veterinäramt Garmisch-Partenkirchen. Dieses drohte den Haltern mit Geldstrafen bis hin zur Erzwingungshaft. 2015 urteilte das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen, das Sigl fünf Tage in Haft muss, da er das Bußgeld von 273,45 Euro nicht bezahlte. Auch die nächst höhere Instanz, das Landesgericht München II, bestätigte im März 2016 das Urteil. 2017 kam eine zivile Einsatzgruppe der Operativen Ergänzungsdienste der Polizei mit einem Haftbefehl vorbei. Die Familie zahlte 250 Euro, die Beamten zogen ab.

Vorbei ist das Thema aber noch lange nicht. Denn es stehen nach wie vor Bußgelder aus. Mittlerweile müssten es mehrere tausende Euro sein. Höhepunkt war nun die Beschlagnahmung der Tiere. Von einer geheimen Stallung aus werden sie in Kürze wieder nach Hammersbach zurückkehren, versichert Scharf. Die Mitarbeiter des Veterinäramts sollen auch dann wieder Polizeischutz erhalten.

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