+
Die ganze Familie hat Viktoria (3) fest im Griff, auch ihren Bruder Martin (7). Sie muss nur einmal lieb schauen und ihn rufen – schon kommt er zum Spielen.

Weihnachtsaktion für die Harlekin-Nachsorge

Die kleine Viktoria: Ein Mädchen, das verzaubert

  • schließen

Grainau – Victoria (3) kommt mit Herzfehler und Down-Syndrom zur Welt. Die Harlekin-Nachsorge half, den Alltag nach der Klinik zu meistern.

Was passiert, wenn. . . sie das Mädchen abtreiben lässt? Wenn sie später einfach noch einmal

schwanger wird mit einem Kind ohne Down-Syndrom? Wenn sie den beiden Söhnen dann ein gesundes Geschwisterchen schenkt? Wenn sie einem Menschen das Recht auf Leben nimmt? Könnte sie diese seelische Last ertragen?

Was passiert, wenn. . . sie ihre Tochter zur Welt bringt? Wenn sie einem behinderten Kind das Leben schenkt, das für alle Zeit Betreuung benötigt? Das immer anders sein wird. Könnte sie selbst diese Last tragen? Würde ihre Familie das aushalten?

Marion Karl stand vor dieser Entscheidung über Leben und Tod. Zwei Tage blieben ihr dafür Zeit. Heute ist Tochter Viktoria drei Jahre alt.

Das Mädchen sitzt auf dem Fußboden vor seiner Kiste mit Spielzeug-Figuren. Mit der linken, flachen Hand schlägt Viktoria neben sich auf den Boden. Bruder Martin (7) weiß, was das heißt: Er soll kommen und mit ihr spielen. Macht er gerne. Und übt gleich ein bisschen mit ihr.

Aus der Kiste zieht er einen Hund heraus und streckt ihn Viktoria hin. Was ist das?, will er wissen. Sie tätschelt ihren Oberschenkel. Martin zeigt ihr die Kuh-Figur – Viktoria formt mit ihren Händen Hörner und ruft „awa“ – das heißt Bruder. „Mama“ und „nein“ sagt Viktoria schon perfekt.

Ärzte und Therapeuten glauben, dass sie Sprechen lernen wird - nur halt etwas später

Mit immer mehr Gebärden und Gesten für Tiere und Gegenstände, für Hunger, Durst und Danke verständigt sich Viktoria. Ärzte und Therapeuten sagen: Sie wird Sprechen lernen. Nur halt ein wenig später als andere Kinder – spielt für Marion Karl keine Rolle. Hauptsache, Viktoria ist da. Ein Mädchen mit angeborenem Herzfehler und Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Vor allem ein Mädchen, das verzaubert. Mit seinem Lachen und seiner Nähe.

Irgendwann entdeckt Viktoria die türkisfarbenen Sportschuhe des Gastes und schlurft mit den zwei Booten an ihren Füßchen durchs Wohnzimmer in Grainau, direkt auf die Fremde zu, die sich da mit ihrer Mama über sie und ihre Geschichte unterhält. Sie lacht, hüpft und quietscht, legt ihren Kopf auf den Schoß der fremden Frau. Ganz leise wird das Mädchen. Und ist einfach nur da.

In diesem Moment weiß man, was Marion Karl meint, wenn sie sagt: „Sie ist wundervoll.“ Das war sie vom ersten Tag an.

Als Viktoria am 10. März 2013 zur Welt kommt, ist sie zu schwach, um selbst zu trinken. Das Atmen fällt ihr schwer. Ihr kleines Herz arbeitet nicht so, wie es das bei Babys tun sollte; eine Herzklappe schließt nicht ganz – ein Herzfehler, der häufig bei einer Trisomie 21 auftritt.

Wirklich schwach war Viktoria trotzdem nie. Ein Arzt sagte einmal zu Marion Karl (45) und ihrem Partner Hannes Dengg (48): „Viktoria, die Siegreiche, das passt.“ Niemals hätte sie sich unterkriegen lassen. Sie lachte viel und schrie selten – nur, wenn ihr etwas nicht gepasst hat.

Es gab Monate, in denen die Sorgen überwogen

Drei Wochen haben die Ärzte Viktoria nach ihrer Geburt im Klinikum Garmisch-Partenkirchen auf der Intensivstation beobachtet, eine weitere Woche blieb das Baby auf der Kinderstation. Dann durfte Viktoria nach Hause nach Grainau zu Mama, Papa und den beiden Brüdern Martin und Joseph (17). Seitdem „hat sie uns alle im Griff“, sagt Marion Karl und lacht. Doch es gab Monate, in denen überwog die Sorge.

Unbedingt musste Viktoria zunehmen, brauchte die Kraft für die Operation am offenen Herzen, bei der die Kammer geschlossen werden sollte. Über eine Magensonde wurde das Baby vier Monate lang ernährt. Doch wie legt man eine solche an? Wie wechselt man sie? Worauf muss man bei dem Mädchen achten, das bei jedem Atemzug röchelt? Marion Karl fand Antworten bei Harlekin.

Ehrenamtliche Helfer wie Krankenschwester Christine Steinmetz besuchten sie gleich in den ersten Tagen nach der Klinik und zeigten ihr jeden Handgriff, Physiotherapeutin Regina Kofler und Heilpädagogin Brigitte Schalla arbeiteten mit Viktoria, damit sie sich körperlich, muskulär und motorisch bestmöglich entwickelte. Die Frauen von Harlekin aber besuchten die Familie nicht nur als Fachpersonal, sondern auch als Freunde und Seelentröster.

Ehrenamtliche Helfer von Harlekin halfen den Alltag nach der Klinik zu erleichtern

Bekannt ist die Organisation dafür, dass sie Eltern mit einem Frühchen bei der Nachsorge zu Hause begleitet. „Bei uns ist das anders“, sagt Marion Karl. „Wir haben kein Frühchen, das in die Welt entlassen wird. Bei uns geht die Betreuung ewig weiter.“ Ihr Beispiel zeigt: Harlekin lässt sich nicht auf einen Fall festlegen. Die Ehrenamtlichen unterstützen Familien, die sie brauchen. Um ihnen den Alltag nach der Klinik mit ihrem Baby zu erleichtern, das eine spezielle Betreuung benötigt. Um ihnen zu helfen, damit sie diesen Alltag überhaupt überstehen.

Das Gefühl, das alles nicht durchzustehen, überkam Marion Karl nie. Weil sie wusste: Es ist jemand da, 24 Stunden am Tag kann sie das Harlekin-Team anrufen und um Hilfe bitten. Allein diese Gewissheit hat sie getragen. Hätte ihr diese Sicherheit gefehlt – vielleicht wäre sie verzweifelt. „Ich weiß nicht, ob ich es dann so geschafft hätte.“

Längst hat Viktoria ihre Herz-Operation gut überstanden, tobt durchs Zimmer und bekämpft Bruder Martin mit dem Ritterschwert. Mittlerweile besucht sie den Integrationskindergarten der Kinder- Jugend- und Erwachsenenhilfe. Was wäre gewesen…, wenn sich Marion Karl vor vier Jahren anders entschieden hätte? Die Frage hat sie sich nie gestellt. „Viktoria ist wundervoll.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Frontal-Zusammenstoß auf der B2
Drei Mittelschwerverletzte und ein kilometerlanger Stau – das ist die Bilanz eines Unfalls, der gestern am frühen Abend auf der Bundesstraße 2 am südlichen Ortseingang …
Frontal-Zusammenstoß auf der B2
Mobile Schilder gegen den Stau
Traumwetter und beschneite Pisten locken gerade jetzt in den Faschingsferien zahlreiche Wintersportler auf die Garmisch-Partenkirchner Pisten. Um unnötige Staus zu …
Mobile Schilder gegen den Stau
Vorwürfe der schlechten Informationspolitik zurückgewiesen
Die Freien Wähler haben kräftig ausgeteilt: Vorwürfe, die Oberammergaus Bürgermeister Arno Nunn und Werkleiter Walter Rutz nicht stehen lassen können. 
Vorwürfe der schlechten Informationspolitik zurückgewiesen
Saftige Erhöhung der Sitzungsgelder?
Wenn Politiker ihre Diäten erhöhen, hat das oftmals ein Gschmäckle. Als es im Kreisausschuss um einen deutlichen Anstieg der Sitzungsgelder für die Lokalpolitiker ging, …
Saftige Erhöhung der Sitzungsgelder?

Kommentare