Reges Medieninteresse: Immer wieder muss Wilhelm Kraus nach Einsätzen Erklärungen abgeben – kann dabei aber auch an die Vernunft der Menschen appellieren.
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Reges Medieninteresse: Immer wieder muss Wilhelm Kraus nach Einsätzen Erklärungen abgeben – kann dabei aber auch an die Vernunft der Menschen appellieren.

Nach Unfällen

„Umdrehen!“: Bergwacht-Chef warnt vor aktuell winterlichen Verhältnissen bei Wanderungen

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Auf den Bergen herrschen zum Teil noch winterliche Verhältnisse. Das bringt Gefahren mit sich - die manch Wanderer unterschätzen.

Grainau – Unterhalb der Riffelscharte steht die Familie im Schnee. Sie kommt nicht weiter. Am Ende ihrer Kräfte ruft sie am vergangenen Freitagabend um 21 Uhr die Bergwacht. Im Höllentalanger gerät am Samstag eine Frau in unwegsames, steiles Gelände. Sie stürzt ab. Erst am Sonntag finden sie Einsatzkräfte der Bergwacht. Jede Hilfe kommt für sie zu spät. Vermutlich hat sie im Schnee den Weg verloren. Zwischen Knorrhütte und Sonn-Alpin stecken am Montagnachmittag zwei Wanderer im Schnee fest. Gegen 15 Uhr geht ihr Notruf bei der Bergwacht ein. Der Hubschrauber bringt sie sicher ins Tal. Drei Tage, drei Einsätze. Die zeigen, wie gefährlich die aktuellen Verhältnisse am Berg sein können. Im Interview sensibilisiert Wilhelm Kraus, Leiter der Bergwachtbereitschaft Grainau, für das Risiko und appelliert an Wanderer, auch einfach mal umzudrehen.

Herr Kraus, überrascht es Sie selbst manchmal, wie viel Schnee am Berg noch liegt?

Überraschen nicht. Aber es ist schon beeindruckend. Ich habe ein paar Tage auf der Zugspitze gearbeitet. Da droben ist tiefster Winter. Und so weit muss man nicht einmal raufgehen.

Wo hört denn der Sommer auf?

Das ist natürlich je nach Hanglage unterschiedlich. Südseitig ist der Kramer in Garmisch-Partenkirchen zum Beispiel praktisch schneefrei – und der Gipfel liegt auf knapp 2000 Meter. Nordseitig aber liegt noch richtig viel Schnee. Und oft reichen ja schon kleine Schneefelder.

Für Unfälle, meinen Sie?

Die Gefahr, auszurutschen, ist wirklich nicht zu unterschätzen. Wenn fünf Meter des Weges mit Schnee bedeckt sind, der am Morgen noch hart ist – da zieht es einem schnell mal die Füße weg. Das muss ja nicht gleich so tragisch enden wie bei der Frau, die am Samstag tödlich abgestürzt ist. Aber man kann sich schwer verletzen.

Unterschätzen das viele?

Die Anzahl kann ich nicht beurteilen. Nicht jedes unvernünftige Verhalten endet ja gleich in einem Bergwachteinsatz. Aber wenn ich mir überlege, welche Anfragen ich per E-Mail so bekomme. . .

... dann?

Sagen wir es mal so: Daraus geht schon hervor, dass viele die winterlichen Verhältnisse nicht auf dem Schirm haben.

Warum? Was schreiben Ihnen die Leute?

Naja, wenn ich lese, dass die Leute jetzt „auf die Zugspitze wandern“ wollen – da weiß ich schon, was los ist. Oder neulich wollte jemand wissen, wie es gerade am Jubiläumsgrat ausschaut.

Was antworten Sie?

Nicht viel, ich bin nicht die alpine Auskunft. Aber ich schreib’ schon kurz, dass da oben, wie gesagt, tiefster Winter herrscht. Dem einen hab’ ich den Link zur Webcam geschickt. Am Jubiläumsgrat hängen Wechten von vier Metern, die sieht man sogar vom Tal aus.

Schrecken diese Verhältnisse nicht ab?

Doch natürlich. Im Grunde ist es ja trotz einiger zum Teil schwerer Einsätze relativ ruhig. Freilich war das Wetter oft nicht ideal. Daran liegt es bestimmt auch, dass es den großen Ansturm auf die Berge noch nicht gegeben hat – aber ich glaube, die Verhältnisse spielen schon auch eine Rolle. Viele warten noch ab.

Was ja Sinn macht, oder etwa nicht?

Generell muss man sagen: Es ist nicht das Problem, dass die Leute in die Berge gehen. Das Problem ist, dass sie einfach blind und unbedarft drauflosmarschieren.

An welchen Einsatz denken Sie?

Zweimal haben wir zuletzt jemanden an der Riffelscharte geholt. Einmal eine Familie, einmal eine junge Frau und ihre Freundin. Die Kollegen in Garmisch-Partenkirchen haben am Montag zwei Männer ins Tal geflogen. Bis zur Hüfte sind sie im Schnee gesteckt. Anstatt abzubrechen, marschieren sie alle fröhlich weiter. Die junge Frau an der Riffel hat gar nicht verstanden, was sie falsch gemacht hat, hat gemeint: „Der Weg war doch nicht gesperrt.“ Viele meinen, wenn nichts verriegelt und verrammelt ist, kann man einen Weg gehen. Aber wir sind halt immer noch in der Natur, am Berg. Wo Eigenverantwortung gefragt ist.

Was würden Sie sich von den Wanderern wünschen?

Was ich mir immer wünsche: Dass sie sich informieren, die Touren auf ihr Können hin anpassen. Aktuell appelliere ich an die Wanderer, dass sie einfach umdrehen, sobald der Schnee kommt. Erfahrungsgemäß wird er nicht weniger, wenn man weiter nach oben geht. Das scheinen manche aber zu glauben.

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