+
Höher als der Gipfel: Um neun Meter überragt der Turm der Wetterwarte den höchsten Punkt der Zugspitze mit 2962 Metern. Das verschafft den Mitarbeitern der Wetterwarte noch exklusivere Ausblicke .

Orkane und eisige Kälte gehören zu seiner Arbeit

Zu Besuch bei Robert Schardt, dem Wetterbeobachter der Zugspitze

Orkane und extreme Minusgrade gehören zu Robert Schardts Arbeit. Seit 35 Jahren arbeitet er als Wetterwart auf der Zugspitze – und gehört damit zu einem der letzten seiner Art. Denn der Beruf stirbt aus.

Glücklich auf der Zugspitze, nur das Schlafen will Robert Schardt in dieser Höhe nicht recht gelingen . 

Grainau – Er hat den höchstgelegenen Arbeitsplatz Deutschlands. Auf 2962 Meter über dem Meeresspiegel arbeitet Robert Schardt, Wetterwart auf der Zugspitze. Genauer gesagt überragt die Aussichtsplattform des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf dem mit Holzschindeln verkleideten Turm den Gipfel noch einmal um etwa neun Meter. Definitiv ganz oben also. Von dort beobachtet, misst und bewertet Schardt die Geschehnisse am Himmel und in der Atmosphäre – und das bereits seit 35 Jahren.

24 Stunden dauert eine Schicht. Siebeneinhalb Stunden davon ist Bettruhe. „Ich schlafe hier oben maximal fünf“, schildert Schardt. Das Luftvolumen auf fast 3000 Metern ist stark reduziert und folglich der Sauerstoff knapp. Am frühen Nachmittag beginnt seine Schicht. Zur Zeit muss Schardt die Zahnradbahn nehmen, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen. Die neue Seilbahn ist noch nicht fertiggestellt. Fast eineinhalb Stunden ist er bis ganz oben unterwegs. Doch der Murnauer, der bis vor einigen Jahren die Anreise zur Talstation am Eibsee mit dem Fahrrad zurücklegte, nimmt das gerne in Kauf. Wetterwart zu sein, ist sein Traumjob und die Station hoch über Garmisch-Partenkirchen die schönste Deutschlands. „Ich habe das große Los gezogen.“ 

Nachwuchs wird kaum noch ausgebildet

Schon als Zwölfjähriger hatte er seine eigene Messstation im Garten. Daten zu Temperatur und Niederschlag trug er feinsäuberlich in ein Millimeterpapier ein, „jeden Tag“. Später kam die Ausbildung im Wetteramt in Essen und eine kurze Anstellung vor Ort dazu, bis der Murnauer endgültig auf 2962 Meter musste, um den Dienst antreten zu können.

Das Prüfen der Messgeräte ist tägliche Routine für Robert Schardt. Die Daten gibt er an den Wetterdienst weiter.

In seinem Beruf zählt er in Deutschland zu einem der letzten seiner Art. Die Automatisierung schreitet voran. „Nachwuchs wird in diesem Beruf kaum noch ausgebildet.“ Vom Gipfel aus betrachtet Schardt alle halbe Stunde das Wetter. Dazu steigt er auf die Aussichtsplattform über ein extrem schmales Treppenhaus, kaum breiter als er selbst. Überhaupt ist alles im Turm recht überschaubar – bis zum Bett, das Schardt abends aus dem Schrank klappen muss.

Vom Dach aus besticht den Betrachter ein atemberaubendes Alpenpanorama. Für seine „Augenbeobachtung“, wie es in der Fachsprache heißt, orientiert sich der Wetterbeobachter an sogenannten Sichtmarken. „Bis zu den Viertausendern der Berninagruppe reicht der Blick.“ Auch nach so vielen Jahren, kann er es nicht lassen, kurz inne zu halten. Einen Augenblick genießen. „Ich habe über tausend Fotos auf dem Computer.“ Das Schauspiel des Lichts am Himmel liebt er besonders. „Von dunkel-lila bis ocker-gelb hab ich schon alles gesehen.“

Zehn verschiedene Schlüsselziffern allein für Nebeltreiben

Zurück in dem vier Quadratmeter großen Raum mit all den Messgeräten tippt er seine Beobachtungen in den Computer: die Sichtweite in Meter oder die Wolkenarten am Himmel. Für alles gibt es Codes. Geradezu eine eigene Sprache. „Im Moment ist alles bedeckt, also trage ich ein Achtel ein.“ Zehn verschiedene Schlüsselziffern kennt er allein für Nebeltreiben am Himmel. Schardt misst außerdem Luftdruck, Temperatur, Windgeschwindigkeit, Niederschlag und Sonnenstrahlung. Die Ergebnisse sendet er regelmäßig an die Zentrale des DWD in Offenbach.

„Früher wurden nur dreimal am Tag Wetterbeobachtungen telefonisch übermittelt“, sagt Schardt. Mit früher meint er zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Seit 19. Juli 1900 gibt es die Messstation. Der Bergsteiger und Meteorologe Josef Enzensberger war der Erste, der von dort das Wetter in Augenschein nahm.

Ohrenbetäubender Knall: Der Blitz schlug im Turm ein

Mit Messinstrumenten, ähnlich denen von damals, muss sich der heutige Wart immer noch auskennen. Wenn der Strom ausfällt, werden alle Werte händisch gemessen. „Wie vergangenes Jahr im Juli“, erinnert sich Schardt. Während seines Diensts schlug der Blitz direkt im Turm ein. „Der Knall ist ohrenbetäubend.“ Abseits der Bergidylle kann es auf dem Gipfel auch richtig ungemütlich werden. Orkanböen bis zu 335 Stundenkilometer, Temperaturen bis minus 35,6 Grad Celsius.

Plötzlich wird es hektisch in der Messstation. Auf dem Radarbild sind wenig südlich der Zugspitze Gewitterwolken zu erkennen. Schardts Hauptaufgabe seit einigen Wochen ist die Vorhersage von lokalen Unwettern. Die Arbeiten an den Stahlträgern für die neue Seilbahn sind in vollem Gange. Ein Blitzeinschlag direkt am Gipfel wäre lebensbedrohlich für alle auf der Baustelle. Er deutet auf eine dunkel hervorgehobene Linie auf dem Bildschirm. „Das ist das Inntal, das Unwetter ist keine 20 Kilometer weg.“ Der sonst so besonnen wirkende Wetterwart wird etwas unruhig. Rasch wählt er die Nummer des Betriebsleiters der Zugspitzbahn. Ein Gewitter kann jetzt innerhalb von wenigen Minuten aufziehen.

Doch unversehens reißt der Himmel doch wieder auf. Die Wolken am Gipfel verziehen sich. „Ich ruf wieder an, falls sich etwas ändert“, gibt er nach unten an die Arbeiter durch. 

Martina Baumeister

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Urlauber stürzt bei Bergtour am Waxenstein in den Tod
Ein 74-Jähriger ist bei einer Bergtour durch die Alpen ums Leben gekommen. Der Urlauber soll 50 Meter in die Tiefe gestürzt sein. Erst nach mehreren Tagen wird er …
Urlauber stürzt bei Bergtour am Waxenstein in den Tod
Reifen geplatzt: Schwerer Unfall auf der A95
Auf der A95 bei Penzberg hat sich ein schwerer Unfall ereignet. Weil ein Reifen platzte, schleuderte ein Auto die Böschung herunter. Vier Personen wurden schwer …
Reifen geplatzt: Schwerer Unfall auf der A95
CD mit Kultpotential
Das bayerische Oberland, südlich von München bis nach Mittenwald, zwischen Schongau und Bad Tölz, hat eine ebenso reiche, wie vielfältige Musikszene. Nicht nur …
CD mit Kultpotential
Murnauer äußerst sich rassistisch gegenüber Polizisten
Wenn der Ton nicht passt und nationalsozialistisches Gedankengut auch noch mit dem Hitlergruß verbunden wird, dann greift die Polizei durch. So geschehen zumindest …
Murnauer äußerst sich rassistisch gegenüber Polizisten

Kommentare