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Der Berg ruft nicht mehr, er kommt: Heute ist die Ausbruchnische in der Zugspitz-Nordwand im abendlichen Gegenlicht von der Elmaustraße aus gut zu erkennen. 

Naturkatastrophe zu keltischen Zeiten

„Wie eine Atombombe“ - Forscher macht erstaunliche Entdeckung über die Zugspitze

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In Grainau hat sich vor 3750 Jahren eine beispiellose Naturkatastrophe ereignet. Sie hatte Auswirkungen auf den Eibsee und die Zugspitze.

Grainau – Es ist das Jahr 1732 vor Christus. Keltische Siedler treiben regen Handel mit den Rätern aus dem Süden. Gefeilscht wird hauptsächlich um Kupfer aus dem Tiroler Schwaz für die Bronze-Herstellung. Transportiert wird das wertvolle Material über die wichtigste Handelsroute zwischen Nord und Süd, vorbei am heutigen Grainau.

Wie eine Atombombe

Hier am Fuße der Zugspitze geschieht plötzlich eine Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Am sogenannten Schneekar lösen sich über 200 Millionen Kubikmeter Gestein und donnern zehn Kilometer weit ins Tal. „Wie eine Atombombe“ muss die Wirkung gewesen sein, wie Diplom-Geologe Roland Eichhorn sagt. Für die Bronzezeit-Werdenfelser dürfte es einem Weltuntergang geglichen haben. Der Eibsee – damals größer als heute – wurde durchstürzt. Erst beim heutigen Grainauer Gewerbegebiet kurz vor Garmisch kam die 50 Meter hohe, ein Kilometer breite und fünf Kilometer lange Wulst aus Gestein, Bäumen und Schlamm zum Erliegen.

Zugspitze war wohl ein Dreitausender

Welche Größe der höchste Berg Deutschlands damals hatte, kann nicht mehr genau bestimmt werden. „Wahrscheinlich hatten wir einen Dreitausender“, mutmaßt Eichhorn. Der Leiter des geologischen Dienstes am Landesamt für Umwelt (LfU) ist extra nach Grainau gereist, um dem dortigen Bürgermeister Stephan Märkl (CSU) und Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer (SPD) medienwirksam die neuen Geologischen Karten der Zugspitz-Region zu übergeben. Für Märkl war es ein Augenöffner. Sein Rathaus steht inmitten der gewaltigen Felsblöcke, die bei der damaligen Katastrophe ins Tal geschleudert wurden. In seiner Ortschaft sind noch überall Spuren des prähistorischen Unglücks zu finden,wie die kleinen markanten Inselchen im Eibsee.

Die geologischen Karten feierlich übergeben. Roland Eichhorn (l.) und Ulrich Hass (r.) übergeben die Karten an die Bürgermeister Stephan Märkl und Sigrid Meierhofer.

Steinschläge nehmen zu

Eichhorn darf aber Entwarnung geben. Eine solche Katastrophe wird zumindest „in naher Zukunft“ nicht eintreten. Die LfU habe die Gegend um die Zugspitze herum mit modernen Gerätschaften „sehr gründlich erkundet“. Denn Bergstürze verraten sich rechtzeitig durch unheilvolle Vorboten wie Risse und Spalten. Ungefährlich ist es in den Bergen trotzdem nicht. „Aufgrund der Klimaerwärmung nimmt die Gefahr von Geo-Risiken wie Steinschläge zu.“ Im Gegensatz zu anderen Gebirgsketten wachsen die Alpen nämlich nach wie vor um einige Millimeter jährlich. So kam es im Landkreis 1991 in der Partnachklamm und 2003 an der Dreitorspitze zu Felsstürzen.

Arbeiten mit Kompass und Hammer

Entwarnung vor gigantischen Katastrophen kann aber Geologe Ulrich Haas geben. Er hat die fast 140 Quadratkilometer große Fläche in der neuen geologischen Karte mit der Überschrift „Zugspitze“ mit einem modernen Gelände-Computer untersucht. Im krassen Gegensatz dazu arbeitet er zusätzlich mit zwei Werkzeuge, die bereits in der Antike zum Einsatz kamen: Kompass und Hammer. Jahrelang war er im unwegsamen Fels unterwegs, hat jede noch so kleine Gesteinsschicht analysiert. Seine Ergebnisse digitalisiert er in Echtzeit und speist sie in eine Online-Karte ein. Dadurch ergibt sich für künftige Hausbauer ganz neue Möglichkeiten: Per Mausklick kann auf einer digitalen Karte nachgeschaut werden, mit welchen geologischen Schwierigkeiten auf einem potenziellen Bau-Grundstück gerechnet werden muss. Beispielsweise ob eine Steinschlag-Gefährdung vorliegt oder ob Erdwärme statt Öl verwendet werden kann.

Neue Erkenntnisse zu Ferchenbach

Eine neue Gefahrenhinweis-Karte zeigt zudem, wie instabil und rutschfällig zum Beispiel der Ferchenbach ist. Diese Erkenntnis will Bürgermeisterin Meierhofer in der Marktgemeinderatssitzung am 3. Juli mit einbringen. Da ist der Ferchenbach, der bei Starkregen aufs Neue zur Gefahrenstelle werden könnte, Thema. Die Kosten für den Hochwasserschutz dürften sich aufgrund der neuen Erkenntnisse nun vervielfachen.

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