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Kleiner Boom beim Kleinen Waffenschein: Im November und Dezember werden im Landkreis 21 Genehmigungen ausgestellt. Damit dürfen etwa Schreckschusswaffen öffentlich getragen werden.

Nach den Übergriffen an Silvester

Menschen in Angst: Pfefferspray boomt

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Landkreis - Der Bürger rüstet auf: Nach den Übergriffen in Köln und anderen Großstädten ist die Nachfrage nach Pfeffersprays im Landkreis in die Höhe geschossen. Auch der Kleine Waffenschein hat Konjunktur. Die Polizei bemerkt Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung

Viele werden von blanker Hysterie, Stimmungsmache und unverantwortlicher Vorverurteilung sprechen. Rolf Wollenweber nennt es schlicht „Angst“.

Der 74-Jährige lebt mit seiner Frau am Seehauser Seewaldweg, in der Nachbarschaft sollen künftig bis zu 140 Flüchtlinge vorübergehend unterkommen: im bisherigen BRK-Seniorenheim Seehaus. Seit Wochen wird über die Pläne diskutiert. Dann kam die Silvesternacht, in der unter anderem in Köln Männergruppen vor allem Frauen umzingelten, begrapschten und bestahlen. Offenbar stammen die mutmaßlichen Täter überwiegend aus Nordafrika; unter den Verdächtigen sind auch Asylbewerber. Vorfälle, die Wollenweber „entsetzen“ – und die ihn veranlassen, sein Haus zum Bollwerk zu machen: mit Alarmanlagen, Bewegungsmelder, neuen Türen und Pfefferspray in allen Räumen. „Schon aufgrund unseres Alters werden wir körperlichen Attacken nicht gewachsen sein“, sagt der Senior. „Wir wollen aber nicht ganz wehrlos sein.“ Er beklagt: „Unser Vertrauen in die Polizei ist nach Köln total verschwunden.“ Der 74-Jährige verspürt „Unsicherheit“, und die seiner Meinung nach in Relation zu den „40, 45 ständigen Anwohnern“ hohe Zahl an Asylbewerbern, die in der Nachbarschaft einziehen sollen, macht ihm „Angst“: „Bei 30, 35 sagt kein Mensch etwas“, betont er. So aber werde das Seehaus zum Ghetto.

Drastische Worte – doch mit seiner pauschalen Panik steht Wollenweber nicht allein. Die Silvesternacht markiert eine tiefe Zäsur im allgemeinen Sicherheitsempfinden. Das bekam Murnaus Polizei-Chef Joachim Loy vor einigen Tagen beim Neujahrsempfang der Gemeinde zu spüren: „Die Leute haben seit Silvester große Angst.“ Etliche Bürger sprachen ihn an, und auch im Bekannten- und Familienkreis erlebt er tiefe Verunsicherung. Dabei zeigt Loy sich überzeugt davon, dass sich die Großstadt-Exzesse nicht auf die Region übertragen lassen: „Wir sind nicht Köln.“ Zum einen gebe es gar nicht die Menge an Menschen, zum anderen gehe die Bevölkerung anders mit Flüchtlingen um und kümmere sich um die Menschen, speziell in Helferkreisen.

Und Prävention à la Wollenweber, mit Alarmanlagen, neuen Türen, Pfefferspray? Loy findet es allgemein sinnvoll, sein Haus gegen Einbruch zu sichern – „das hat aber nichts mit der Asylthematik zu tun“. Man müsse Ängste ernst nehmen und versuchen zu beruhigen. Aber Pfefferspray in allen Räumen? „Das ist unnötig.“

Und doch kaufen sich Menschen derzeit in Massen das Spray oder Gel, das ihnen (gefühlte) Sicherheit vermittelt. Die Nachfrage schoss speziell nach Silvester auch bei Manuel Nonn in derart astronomische Höhen, dass ihm der Hersteller die Produkte in der geforderten Menge vorübergehend gar nicht mehr nachliefern konnte. Mancher startete nach den Übergriffen richtige Hamsterkäufe. „Pro Woche gehen 200 bis 300 Pfeffersprays über den Tisch“, sagt der Geschäftsführer der Firma MTD Oberland aus Mittenwald, der vor Ort sowie übers Internet verkauft und schwerpunktmäßig Rettungsdienste, Feuerwehren und Polizei mit Ausstattung beliefert. Vor allem zwei Kundengruppen fielen Nonn auf: Senioren sowie Mütter – etwa mit Töchtern in Großstädten. Sie sichern sich Pfefferspray, das in Deutschland nur als Tierabwehrmittel vertrieben und vom Bürger lediglich innerhalb gewisser Grenzen in Notwehr/Nothilfe gegen Menschen gerichtet werden darf, in handtaschentauglicher Größe. Nonns Erfahrung: „Die Leute kommen, weil sie Angst haben.“

Beim Pfefferspray bleibt es nicht. Auch der Kleine Waffenschein, mit dem täuschend echt ausstehende Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen in der Öffentlichkeit getragen werden dürfen, wenn der Antragsteller bestimmte Eignungs-Kriterien erfüllt, erlebt im Landkreis aktuell einen kleinen Boom. Seit der Gesetzesnovelle 2003 stellte das Landratsamt nach Angaben von Sprecher Stephan Scharf 378 Exemplare aus. Waren es 2013 noch 22 und 2014 nur 10, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 31. Allein im November und Dezember gab die Behörde 21 Kleine Waffenscheine aus. Bereits 4 waren es in den ersten Tagen des neuen Jahres – nach Silvester.

Silke Jandretzki

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