Da war die Welt noch in Ordnung: In Großweil bauten die Mitarbeiter die Masken zusammen. 
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Da war die Welt noch in Ordnung: In Großweil bauten die Mitarbeiter die Masken zusammen. 

Mitarbeitern gekündigt

Corona-Debatte um Klarsichtmasken: Ministerium ändert Einschätzung - bittere Entwicklung lässt Unternehmer zürnen

  • Roland Lory
    vonRoland Lory
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Klarsichtmasken waren heuer sehr gefragt. Einer der führenden Hersteller ist die Firma Credo.vision GmbH in Großweil. Doch die vergangenen Tage waren für sie desaströs.

  • Die Großweiler Firma Credo.vision GmbH stoppt die Produktion von Klarsichtmasken.
  • Geschaftsführer Christian Bär beklagt, dass seiner Firma die Geschäftsgrundlage entzogen worden sei.
  • Die Firma hat bereits Mitarbeitern gekündigt.

Großweil/Murnau – Wer eine Klarsichtmaske trägt, kann seinem Gegenüber ein Lächeln zeigen. Doch das Lachen ist Christian Bär mittlerweile vergangen. Der Geschäftsführer der Firma Credo.vision GmbH klagt: „Es wird gerade eine Sau durchs Dorf getrieben.“

Großweil: Unternehmen baut „Smile-by-Ego“-Masken zusammen - Rund 100 Mitarbeiter im Einsatz

Sein Unternehmen, das er zusammen mit Dominik Junold betreibt, baute heuer im Großweiler Gewerbegebiet die so genannten Smile-by-Ego-Masken zusammen. Rund 100 Mitarbeiter, teilweise Personal von Zeitarbeitsfirmen, waren damit beschäftigt. Die Geschäfte liefen gut. Bisher.

Corona-Krise: Professoren sehen Klarsichtmasken kritisch

Doch vor Kurzem veröffentlichte die Hochschule München (HM) eine Pressemitteilung zum Thema „Eignen sich Klarsichtmasken für den Infektionsschutz?“ Die Forscher testeten diese Mund-Nasen-Bedeckungen. Ergebnis: Die Wissenschaftler sehen das Design problematisch. „Ohne Zweifel sind diese Masken angenehm zu tragen, einen wirksamen Schutz vor Infektionen bieten sie allerdings nicht“, sagt Christian Schwarzbauer, Professor für Medizintechnik und Medizininformatik an der HM und wissenschaftlicher Leiter dieser Pilotstudie.

Und Prof. Dr. Christian Hanshans, Professor für medizinische Grundlagen und Medizintechnik an der HM, ergänzte: „Vor allem in geschlossenen Räumen, wie zum Beispiel in Schulen, Kitas, Büros oder öffentlichen Verkehrsmitteln, ist von der Verwendung solcher Masken dringend abzuraten.“

Corona: Kritik an Klarsichtmasken - Unternehmer zeigt kein Verständnis

Bär, der auch das Murnauer Nobelhotel Alpenhof führt, fragt sich: „Warum veröffentlicht die Pressestelle einer Hochschule so etwas?“ Die Studie sei am Laufen und noch nicht abgeschlossen. Bär betont, er hätte kein Problem damit, wenn diese „veröffentlicht und wissenschaftlich abgesegnet wäre“. Sollte sich herausstellen, dass die Studie nicht haltbar ist, „werde ich dagegen vorgehen“. Bär hat sich schon anwaltliche Hilfe geholt.

Ist die Studie tatsächlich noch nicht abgeschlossen? Wenn ja, warum wurden bereits gewisse Punkte publiziert? Warum wartete man nicht, bis die Studie fertig und veröffentlicht ist? Dies alles blieb am Freitag unklar. Schwarzbauer beziehungsweise die Pressestelle der HM ließen eine Tagblatt-Anfrage unbeantwortet. Bär betont: „Wir haben nie gesagt, dass unsere Masken vor Aerosolen schützen.“ Das prangere die Studie aber an. Auch dazu gab es von der HM keine Stellungnahme.

Großweil: Geschäftsführer wegen BR-Berichterstattung sauer

Darüber hinaus kritisiert Bär die Darstellung in diversen Medien. „Der Bayerische Rundfunk hat faktisch unzureichend recherchiert.“ Bär beklagt, vom Sender nicht befragt worden zu sein. Der BR stellt es anders dar. „Im Zuge der Recherchen wurde die Credo.vision GmbH vom BR durchaus kontaktiert“, teilt ein Sprecher mit.

Ihre Antworten seien in die Berichterstattung vom 3., 8. und 10. Dezember eingeflossen. „Da es sich um allgemeine Berichterstattung über Klarsichtmasken handelt, bei der kein einzelner Hersteller in den Vordergrund gestellt werden sollte, wurde der Name der Firma nicht explizit genannt.“

Corona-Klarsichtmasken: Ministerium revidiert Sichtweise

Im Sommer warb Bärs Firma damit, dass die PET-Maske inzwischen den Segen des Bayerischen Gesundheitsministeriums habe. Es sei aus infektionshygienischer Sicht möglich, die Klarsichtmaske „als Ersatz zur Community-Maske zu verwenden“, hieß es. Vorher hatte das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) die Sache eingehend geprüft. Heute sieht man im Bayerischen Gesundheitsministerium die Dinge etwas anders.

„Mittlerweise sind die Erkenntnisse über das Coronavirus und dessen Übertragungswege weit fortgeschritten“, sagt ein Sprecher. Es gelte als wissenschaftlich gesichert, dass neben der Übertragung durch Tröpfchen maßgeblich auch die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole erfolgen könne. „Gerade vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Infektionszahlen wurden deshalb verschiedene Mund-Nasen-Bedeckungen infektionsschutzfachlich hinsichtlich ihrer generellen Eignung neu beurteilt und bewertet.“

LGL-Analyse: Lückenhafte Abdeckung nicht ausreichend

Auf Basis auf dieser Neubewertung hat das LGL aktuell die Anforderungen an eine geeignete Mund-Nasen-Bedeckung aus infektionshygienischer Sicht präzisiert: „Neben dem direkten Schutz gegen Tröpfchen muss auch eine Reduzierung von Aerosolen gewährleistet sein“, erklärt der Ministeriumssprecher. „Aerosole werden nicht nur beim Sprechen, sondern auch schon beim Atmen freigesetzt. Da sie deutlich kleiner als Tröpfchen sind, ist es besonders wichtig, dass die Mund-Nasen-Bedeckung dicht an der Haut anliegt, um auch eine Freisetzung an der Seite oder nach unten zu minimieren.“

Deshalb sei eine Mund-Nasen-Bedeckung eine an den Seiten eng anliegende, Mund und Nase bedeckende textile Barriere, die aufgrund ihrer Beschaffenheit geeignet ist, eine Ausbreitung sowohl von übertragungsfähigen Tröpfchenpartikeln als auch von Aerosolen durch Atmen, Husten, Niesen und Aussprache zu verringern. Unabhängig von einer Kennzeichnung oder zertifizierten Schutzkategorie. Eine lückenhafte Abdeckung sei nicht ausreichend, heißt es aus dem Ministerium.

Corona: Unternehmen aus Großweil stellt Produktion von Klarsichtmasken ein

Ein behördliches Placet für die Klarsichtmaske liest sich anders. Die Credo.vision GmbH gehört laut Bär zu den führenden Herstellern. Und nun diese Nachrichten. „Das trifft uns schwer“, sagt Bär. „Wir haben mit Kündigungen angefangen und hören mit der Produktion auf.“

Am Freitag wurde er nach eigenen Angaben vom Landesgewerbeaufsichtsamt aufgefordert, den Hinweis von der Homepage zu nehmen, dass es sich bei der Smile-by-Ego-Maske um eine Mund-Nasen-Bedeckung handelt. Bär beklagt, dass seiner Firma die Geschäftsgrundlage entzogen worden sei und die Klarsichtmasken „faktisch verboten“ seien. Wann Bär wieder lachen kann, wird sich zeigen.

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