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Historiker und Volkskundler: Jan Borgmann ist Mitarbeiter des Freilichtmuseums Glentleiten.

Die scheinbare Idylle

Glentleiten: Ausstellung über NS-Zeit auf dem Land zu sehen

„Volk. Heimat.Dorf.“ - So heißt die Ausstellung über die NS-Zeit im Freilichtmuseum Glentleiten, die ab dem 19. März 2017 gezeigt wird. Die Schau widmet sich der Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern. 

Großweil – Es ist ein Gegenstand, der nur scheinbar harmlos ist. Denn auf dem Handkurbelrad der Honigschleuder ist der Spruch „Sieg Heil“ zu lesen. Das Gerät, das aus einem Haushalt in Murnau stammt, befindet sich im Besitz des Freilichtmuseums Glentleiten. Bald wird es der Öffentlichkeit gezeigt – und zwar ab 19. März im Rahmen der Sonderausstellung „Volk. Heimat.Dorf.“ Die Schau widmet sich der Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre.

Aufbauarbeiten: Elektriker Ralf Denner ist in der Zollinger Halle zugange.

    Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Arbeitsgemeinschaft Süddeutscher Freilichtmuseen (ARGE). Dieser gehören elf Häuser an. Jan Borgmann, Leiter der volkskundlichen Sammlung auf der Glentleiten, war an der Erarbeitung der Ausstellung beteiligt. Ihm gefällt, dass die ARGE einen „Blick über den Tellerrand“ ermöglicht. „Man kriegt Input darüber, was die anderen machen.“ Die Glentleiten ließ mit einem Sattelschlepper und anderen Fahrzeugen alles, was zur Ausstellung gehört, aus Bad Windsheim holen. Im dortigen Freilandmuseum war die Schau bis Dezember gezeigt worden. Auf der Glentleiten wird sie in der Zollinger Halle präsentiert. Dabei werden schlaglichtartig wichtige Aspekte des Landlebens in der NS-Zeit beleuchtet. Propagandaschriften über „Erzeugungsschlachten“ und Anleitungen zur Seidenraupenzucht dokumentieren den starken Einfluss der NS-Politik auf die Landwirtschaft.

    Der Bauer galt ab 1933 plötzlich als „Lebensquell der Nordischen Rasse“ und als wichtiger Faktor in der Kriegswirtschaft. Hinterlassenschaften der Hitlerjugend oder des Winterhilfswerkes belegen die nationalsozialistische Durchdringung der Gesellschaft – auch in der Provinz. Und scheinbar harmlose Exponate wie Honigschleudern und Kochkisten, Kleider und Kinderspielzeug offenbaren auf den zweiten Blick, dass auch das als einfach und idyllisch propagierte Landleben alles andere als unpolitisch war. Bereits kurz nach der „Machtergreifung“ ordnete Reichsbauernführer Walter Darré ein Programm zur „Erforschung und ehrenden Auszeichnung alt-eingesessener Bauern- und Landwirtschaftsgeschlechter“ an. Die alten Bauernfamilien sollten als ideologische Vorbilder dienen. Im Rahmen öffentlicher Ehrungen wurden entsprechende Auszeichnungen überreicht. Die Haustafel des Schiebl-Hofs, der aus dem Kreis Traunstein stammt und heute auf der Glentleiten steht, wurde nach 1945 „entnazifiziert“. Das heißt, das zentral platzierte Hakenkreuz wurde ausgemeißelt.

    Weitere Themen, denen sich die Sonderausstellung widmen wird, sind Verfolgung, Bau- und Siedlungswesen, Mangel- und Kriegswirtschaft, die Rolle der Frau im Nationalsozialismus, Kindheit und Jugend, Alltag auf dem Land sowie der Reichsarbeitsdienst (RAD). Diese NS-Organisation war auch in der Staffelsee-Region aktiv. Im heutigen Murnauer Ortsteil Moosrain existierte zum Beispiel eine Feldmeisterschule des RAD.

    Für Trachtler interessant: In der Ausstellung wird ein Buch von 1939 zu sehen sein: Heinz Heckers Pamphlet „Trachten unserer Zeit“. Es richtete sich massiv gegen die Ziele der traditionellen Trachtenvereine. Anstatt die unterschiedlichen regionalen Gewänder zu bewahren, forderte der Autor eine „lebendige Tracht“. Damit war gemeint: eine neue, einheitliche Tracht als gemeinsames Zeichen der deutschen Volksgemeinschaft. Der Nationalsozialismus ist ein Thema, das bislang im Freilichtmuseum Glentleiten nicht sehr präsent war. Das soll sich ändern. „Wir wollen künftig ein Augenmerk drauf legen“, sagt Borgmann. Im Landkreis ist die braune Ära mancherorts gut erforscht, etwa in Garmisch-Partenkirchen. Auch Veröffentlichungen zu Oberammergau liegen vor. Für Murnau ist die Historikerin Dr. Edith Raim gerade mit Recherchen befasst.

Begleitend zur Sonderausstellung findet ein Rahmenprogramm mit folgenden Terminen statt:

Samstag, 25. März (14 Uhr): Vortrag von Dr. Christoph Hölz (Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck) über Architektur im ländlichen Bayern (1933 bis 1945). 

Sonntag, 21. Mai: Internationaler Museumstag; Führung durch die Sonderausstellung mit dem Leiter der volkskundlichen Sammlung (11 Uhr); Vortrag von Autor und Journalist Christoph Schnitzer zum Thema „Wer waren die Opfer, wer waren die Täter in der NS-Zeit? Eine nicht immer einfache Spurensuche in einer Kleinstadt wie Bad Tölz.“ (14 Uhr). Der Eintritt ins Museum ist an diesem Tag frei. 

Samstag, 8. Juli (14 Uhr): Vortrag von Prof. Dr. Martin Hille, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Passau, zum Thema Ländliche Gesellschaft und Nationalsozialismus in Oberbayern (1919 bis 1933). Es ist auch ein Begleitband zur Ausstellung erschienen. Er enthält 26 Aufsätze, 169 Abbildungen und kostet 19,95 Euro.

Roland Lory

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