In der Stube des Marosen-Lehens: (v.l.) Anneliese Huber, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Thomas Schwarzenberger hören den Erläuterungen von Museumsleiterin Dr. Monika Kania-Schütz zu.
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In der Stube des Marosen-Lehens: (v.l.) Anneliese Huber, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Thomas Schwarzenberger hören den Erläuterungen von Museumsleiterin Dr. Monika Kania-Schütz zu.

Glentleiten baut ganz besonderes Gebäude aus Berchtesgaden auf

Das Elternhaus wird Museumsstück - Adolf Hitler war einst Nachbar

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Das Haus ihrer Kindheit steht künftig fremden Menschen offen. Doch Anneliese Huber sieht ihre Intimsphäre nicht verletzt – im Gegenteil: „Ich bin schon etwas stolz.“ Die 64-Jährige wuchs einst im Wohnhaus des Marosen-Lehens auf, das nun auf der Glentleiten gezeigt wird. Huber war bereits vor Ort – auf einer Reise in die eigene Vergangenheit.

Großweil – Anneliese Huber mag die Glentleiten seit jeher, ihre Landschaft, ihre Lage. In den vergangenen 20 Jahren zog sie mehrmals durch die uralten Bauernhäuser, die viele Besucher nachdenklich werden lassen angesichts der Atmosphäre von Kargheit und Entbehrung, die viele Gebäude im Vergleich zum Überfluss heutiger Tage verströmen. Huber nimmt indes eine andere Perspektive ein: „Ich dachte immer, dass diese Häuser supermodern sind im Vergleich zu dem, in dem ich aufgewachsen bin.“ Sie lebte mit ihrer Familie bis ins Teenager-Alter im über 400 Jahre alten Wohnhaus des Marosen-Lehens. Es stand an der Obersalzbergstraße 66 in Berchtesgaden – rund 500 Meter Luftlinie von Adolf Hitlers Feriendomizil entfernt. Künftig werden Menschen über Menschen die einstigen Wohn- und Schlafräume der Familie Eder, wie Huber mit Mädchennamen hieß, sehen, ihre Einfachheit: Das Haus steht als neues Exponat im Freilichtmuseum des Bezirks oberhalb von Großweil; der Aufbau wurde in diesen Tagen vollendet. Das Marosen-Lehen von 1592 gilt als einer der ältesten komplett erhaltenen Blockbauten Oberbayerns und zählt zu den ältesten Glentleiten-Gebäuden.

Nach Jahrzehnten zurück im Elternhaus, das nun an der Glentleiten der Öffentlichkeit zugänglich ist

Huber, die 1979 ins Allgäu zog und seit ihrer Heirat in Immenstadt lebt, hat nach Jahrzehnten nun wieder Luft ihrer Kindheit geschnuppert – im Wortsinn. Als die 64-Jährige jetzt im Beisein von Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Museumsreferent Thomas Schwarzenberger, dem Krüner Bürgermeister, die Stube des Marosen-Lehens betrat, fühlte sie sich in ihre Jugend zurückversetzt. „Nur die Bergkulisse sah am Originalstandort anders aus.“ Sofort stieg ihr der altbekannte Geruch von Essig- und Ölresten in die Nase, der all die Jahre in einem Holzkasten überdauert hatte. Sie erkannte einen Teil der Möbel von einst und dachte: „Jessas Gott, da hast du mal gelebt!“ Eltern und drei Töchter schliefen in einer gemeinsamen Kammer mit Dachschräge im ersten Stock, nebenan war Platz für eine Magd, dazu gab es einen Speicher. Die Stube war der einzig beheizbare Raum im Haus, dazu kam die Stubenkammer der Tante. Zwei Zimmer waren baufällig und nicht mehr bewohnbar. Ein Bad hatte man nicht, man wusch sich. Das Plumpsklo befand sich außen am Hauseck. Im Schlafraum bröselte Gips zwischen Holzbalken nach unten. Und im Winter, nach heftigen Stürmen, fand die junge Anneliese morgens bisweilen Schnee auf der Bettdecke; auch auf dem Klo, für das der Vater mit einem großen Messer Zeitungspapier zerschnitt, saß man dann im Schnee. Fließendes kaltes Wasser gab es im Gang, heißes lieferte ein Kachelofen.

Marosen-Lehen: Leben unter einfachsten Verhältnissen - doch Anneliese Huber kannte es nicht anders

Doch Huber sagt: „Ich habe das alles nicht als hart empfunden.“ Natürlich herrschten „einfachste Bedingungen, aber das habe ich nicht gewusst. Es war normal für mich“. Einige Jahre vor ihrer Geburt war auch elektrischer Strom verfügbar. Mit 14, 15 Jahren verließ das Mädel das Marosen-Lehen, das noch bis in die 1980er Jahre bewohnt war, und zog nach nebenan in ein neues Haus, das die Eltern, die eine Nebenerwerbs-Landwirtschaft mit ein paar Kühen betrieben, gebaut hatten. Anneliese erhielt ihr eigenes Zimmer. Der Vater arbeitete im Hofbräuhaus Berchtesgaden, die Kinder mussten daheim „mitschaffen“.

Elternhaus ist nun Teil des Museums - ehemalige Bewohnerin „schon etwas stolz“

Anneliese Huber erzählt davon, als seien seitdem erst ein paar Tage vergangen. Manche Schilderungen werden die Besucher im Marosen-Lehen nachempfinden können; wann genau die Glentleiten im Zuge der Corona-Lockerungen öffnen wird, stand am Dienstag noch nicht fest. Fremde Menschen im ehemals eigenen Haus, zwischen den Möbeln von einst: Fühlt sich das nicht unangenehm an, wie ein massenhaftes Eindringen in die eigene Intimsphäre? Nein, sagt Huber: „Ich bin schon etwas stolz, dass andere Leute das sehen, das ist eine schöne Sache.“ Sie habe sich gefreut über die Nachricht, dass das Wohnhaus an der Glentleiten gezeigt werden soll. Und sie will wiederkommen, sobald die Corona-Lage es zulässt: „Mein Mann ist sehr interessiert daran, wie alles fertig ausschaut.“ Dann wird er mitgehen auf die Reise in die Kindheit seiner Frau.

Glentleiten: Wohnhaus vom Marosen-Lehen vervollständigt Zwiehof

Das Wohnhaus vom Marosen-Lehen vervollständigt im Freilichtmuseum das bereits vorhandene Wirtschaftsgebäude zu einem Zwiehof. So bezeichnet man Hofanlagen des Berchtesgadener Landes, bei denen die einzelnen Funktionen auf mindestens zwei Bauten verteilt sind. An der Glentleiten bildet das Wohnhaus mit einem Stallstadel und einem Getreidekasten vom Mösler-Lehen aus Ramsau sowie der Hofmühle vom Unterlandtal-Lehen ein Ensemble.

Kaum große Veränderungen seit über 400 Jahren

Größere Änderungen gab es im 1592 erbauten, relativ kleinen Wohnhaus im Laufe der Zeit nicht, nur die Küche und die daneben liegende Kammer wurden im 17. Jahrhundert neu in Stein errichtet. Somit lässt sich der ursprüngliche Charakter erfahren. An der Glentleiten entspricht die Hanglage sehr genau jener am ursprünglichen Standort; auch der Umgriff wurde entsprechend gestaltet: mit Hausgarten am Rande der Buckelwiesen, Obstbäumen, Rosen und Buchsbüschen, Flieder und Clematisranken bis hin zu üppigem Fensterschmuck.

Nebenan zog Adolf Hitler in sein Feriendomizil am Obersalzberg

Das Museumsteam wählte die 1950er Jahre als Zeitschnitt für die Präsentation. Museumsdirektorin Dr. Monika Kania-Schütz erklärt diese Entscheidung einerseits damit, dass so weitestgehend der verbliebene Bestand der Originaleinrichtung gezeigt werden kann und sich andererseits der Glentleiten ein neues Thema eröffnet: das der Erinnerungskultur. Der ursprüngliche Standort des Marosen-Lehens nahe Hitlers Feriendomizil verlange „unweigerlich nach einer Erläuterung zeitgeschichtlicher Zusammenhänge“, heißt es in einer Pressemitteilung des Museums. Während das kleine Wohnhaus Generationen von Bergbauern als bescheidenes Heim diente, ereignete sich rundherum ein gewaltiger Wandel. Nebenan zog der Diktator ein, in dessen übermächtigem Schatten man seinen Alltag lebte. Das Zentrum einer Gewaltherrschaft mit weltweiten Auswirkungen lag kaum einen Steinwurf entfernt von dem kleinen Zwiehof, der damit, so Kania-Schütz, eine zusätzliche Dimension erhalte und mehr sei als ein gut 400-jähriges Zeugnis regionaler Bau-, Wohn- und Wirtschaftsweise.

Im Hinblick auf die Präsentation des Gebäudes erklärt Kania-Schütz, dass diese unter der Leitlinie der Transparenz stehe. Das gelte nicht nur für die Haus- und Bewohnergeschichte, sondern auch für die Arbeit des Wiederaufbaus, der aus den geborgenen Bauteilen ein Museumsexponat werden ließ.

Begleitprogramm umrahmt Fertigstellung des Marosen-Lehens

Die Fertigstellung des Marosen-Lehens soll von einem Begleitprogramm umrahmt werden. Geplant sei etwa eine Vortragsreihe mit Beiträgen renommierter Kulturwissenschaftlerinnen und Historikern zur Erinnerungskultur, teilte das Museum mit. Den Anfang wird Albert Feiber von der Dokumentation Obersalzberg machen. Auch Prof. Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Ulrich Chaussy, Autor und Journalist, werden zu hören sein. Abhängig von den Corona-Vorgaben sollen die Vorträge möglichst live mit Publikum stattfinden. In jedem Fall werden sie digital auf dem Youtube-Kanal der Glentleiten abrufbar sein. Auch ein digitaler 360-Grad-Rundgang, heißt es, befinde sich in der Umsetzung.

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