Waschechte Bayerinnen: Die Studentinnen (v.l.) Maria Hörtrich und Caro Neumeyer reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – frei heraus und unterhaltsam.
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Waschechte Bayerinnen: Die Studentinnen (v.l.) Maria Hörtrich und Caro Neumeyer reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – frei heraus und unterhaltsam.

Es gibt sogar schon Fanartikel

„Narrisch & Wuid“: Studentinnen starten als erste bayerische Podcasterinnen durch - und werden Instagram-Stars

  • Josef Hornsteiner
    VonJosef Hornsteiner
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Zwei Frauen, zwei Mikrofone, ein waschechtes bayerisches Lebensgefühl. Caro Neumeyer und Maria Hörtrich aus Großweil versuchten sich während des Lockdowns als erste bayerische Podcasterinnen. 66 Folgen später hängen ihnen tausende Menschen an den Lippen.

Großweil – „Kenna mir des wirklich bringa?“ Stille. „Was meinst?“ Immer noch Stille. Maria Hörtrich sitzt auf der Eckbank ihrer Mama in Großweil, hat sich eingesperrt. Sie blickt auf den Laptop. Freundin Caro Neumeyer ist zu sehen. Unschlüssig blickt diese in die Kamera. „I weiß ja a net.“ Nach weiterer Stille springt Neumeyer auf. „Weißt was, ich zeig’s mal der Mama.“

Studentinnen starten Experiment - und werden erste echte bayerische Podcasterinnen

Eine Stunde später sind alle Zweifel wie weggeblasen. Hörtrich und Neumeyer wagen das Experiment. Mit nur einem Mausklick laden sie eine 40-minütige Tonspur ins Internet – und haben noch keinen blassen Schimmer, dass dieser Klick in gewisserweise ihr Leben verändern wird. Beide sind fortan mit „narrisch & wuid“ die ersten echten bayerischen Podcasterinnen.

Podcast bedeutet streng übersetzt „das gesprochene Wort“. Und reden können die beiden Studentinnen wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Freischnauze, hantig bayerisch, philosophieren, analysieren, recherchieren, harmonieren und probieren sich die beiden durch alles, was der Freistaat so hergibt. Ihr Einzugsgebiet ist „südlich des Weißwurstäquators“, sagt Hörtrich, 24, lachend. Gleich in der ersten Folge debattieren sie darüber, wo denn der genau anfängt und wieder aufhört. Es ist diese ehrliche entwaffnende Art, wie die beiden ihren Podcast betreiben.

Weshalb es nicht lange dauerte, aus der Gaudi mit einer Handvoll Zuhörern ein ernst zu nehmendes Medienprojekt zu entwickeln. Hunderte Menschen fiebern mittlerweile jeden Donnerstag einer neuen Folge entgegen. Fanseiten sind den beiden schon gewidmet. Es gibt auch Fanartikel wie Pullover oder T-Shirts. Weiß-blaue Politiker, Musiker, Kabarettisten – viele saßen bereits in ihrem „virtuellen“ Studio.

Podcast „narrisch&wuid“: Von der Sandburg zum kleinen Online-Imperium

Und das, obwohl sie sich im März 2020 noch so unschlüssig waren. Im Zimmer ihrer Eltern in Großweil, weil die Pandemie das Uni-Leben der beiden Mitbewohner einer WG in Regensburg fast unmöglich machte. Hörtrich studiert Soziale Arbeit, Neumeyer, 23, Medienwissenschaften. Die Pandemie sei schon etwas Saublödes. Doch ausgerechnet die unverhoffte Zeit und ein wenig Langeweile brachten das Duo überhaupt erst auf die Idee, sich vor ein Mikro zu setzen und los zu schwätzen. Doch unbewusst haben sich die beiden dadurch einen Traum erfüllt. Schon im Kindergarten saßen sie nebeneinander im Sand und bauten Burgen. Nun bauen beide ein kleines, aber feines Online-Imperium auf.

Die Macht ihrer Worte ist erstaunlich. Folge für Folge glänzen sie durch witziges, fröhliches Auftreten. Doch täuscht das nicht über das Gewicht der angesprochenen Themen hinweg. Impfproblematik während der Pandemie, Abtreibung bei Frauen, religiöser Fanatismus. Ihre Beiträge treffen oft mitten ins Herz. Einmal meldete sich eine Familie bei Neumeyer. Sie habe ihren Podcast über Organspende gehört. Die gut recherchierte Reportage samt Interview mit Professor Dr. Matthias Anthuber und Sandra Zumpfe habe sie dazu bewegt, einen Organspende-Ausweis zu beantragen.

Bayerische Studentinnen gründen erfolgreichen Podcast: In jeder Folge testen sie Spirituosen

„So was macht stolz“, sagt Neumeyer. Der Spaß ist ihrer Stimme plötzlich entwichen. Sie klingt ernst, nach Tatendrang. Dieser Erfolg spornt an. Das Duo will mehr machen, mehr bewegen, als einfach nur Schönheitsprodukte in die Kamera zu halten oder Werbung für zwielichtige Apps zu machen. Sie wollen nicht so sein wie die in Verruf geratenen Influencer auf Instagram oder Youtube. „Wir wollen beeinflussen, das schon“, sagt Hörtrich. Aber auf ihre eigene, bayerische Weise.

Die Zwei spürten, dass ihr Podcast plötzlich mehr war als einfach nur ein lustiger Zeitvertreib. Sie stellten fortan starke Frauen und Männer aus Bayern vor, begannen gängige Verschwörungstheorien zu entlarven und sogar historische Verbrechen aufzuarbeiten. Bis zu zehn Stunden Arbeit pro Woche stecken sie in ihr Projekt. Doch haben sie eines nie aus dem Blick verloren: den Spaß. Und ihr typisch bayerischer Humor zündet.

In jeder Folge probieren sie Spirituosen aus der Region. Gehen Fragen nach, warum die Prinzregententorte sieben Schichten hat, was einen „Gischpl“ bezeichnet und warum bayerisch so verdammt sexy ist. So bringen sie selbst junge Leute dazu, sich 40 Minuten lang Zeit zu nehmen, um schlichtweg Wissen anzueignen.

So schön Erfolg und Reichweite auch sind – Schattenseiten für junge Frauen bleiben nicht aus. Schon nach den ersten Folgen begannen großteils ältere Männer, ihnen zwei-, teils eindeutige Nachrichten zu schreiben. Einmal kam es sogar zur Anzeige. „Aber da stehen wir drüber“, sagt Neumeyer. Bei vielen hunderten Zuhörern sei „halt immer ein Depp dabei“. 99,9 Prozent seien super, geben konstruktive Kritik, bringen sich bei Themen mit ein, freuen sich mit den beiden.

„Narrisch&wuid“: Fast 5000 Abonnenten auf Instagram

All das ist ein Erfolg, mit dem sie vor eineinhalb niemals gerechnet haben. Sie müssen lachen, denken sie an Folge eins zurück. Die beginnt quasi mit einer Entschuldigung. Nicht für die kernige bayerische Aussprache. „Wir können gar nicht anders reden“, sagt Neumeyer lachend. Hochdeutsch wäre zwar theoretisch möglich – aber sinnlos. „Das wären nicht wir.“

Die Entschuldigung gilt eher dem miserablen Internetempfang und den – gelinde gesagt – bescheidenen Mikrofonen. „Die Qualität war so schlecht“, erinnert sich die Großweilerin und hält sich die Hände vors Gesicht. „Wir wussten, da müssen wir als Erstes ran. An die Technik.“ Knistern im Hintergrund und schwankende Lautstärken gehören seither der Vergangenheit an. Im Gegenteil: Ihre Qualität kann mittlerweile locker mit Radiosendungen mithalten.

Nun geht’s weiter. Das Gespann will auf das bisher Erreichte aufbauen. Der Instagram-Kanal läuft, fast 5000 Abonnenten. Youtube ist das nächstes Ziel. „Wir möchten die Folgen zunehmend mit bewegten Bildern ergänzen.“ Beruflich kann ihnen ihr Ehrgeiz nur Positives bringen. Neumeyer möchte einmal Moderatorin werden, Hörtrich hat die Politik ins Auge gefasst. Ihre Stärken vereinen sie im Podcast, in ihrer Sprache, in ihrem Mut. Mut wie jener im März 2020 – als sie den entscheidenden Klick gewagt haben.

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