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Aufstieg von der Höllentalangerhütte über das Matheisenkar, mit Blick in Richtung Garmisch-Partenkirchen.

Seit Sonntag geöffnet

Höllentalangerhütte: So sieht sie nun aus

Grainau - Noch nie hat der Deutsche Alpenverein eine alte Hütte durch eine neue ersetzt. Die Höllentalangerhütte ist Pionierin. Seit Sonntag ist das teure Haus in Betrieb. Wir haben vorher darin übernachtet.

Neulich war Thomas Auer auf Sylt. Urlaub an der Nordsee, weil er Inseln mag. Aber so eine wie Sylt, auf die du mit der Bahn fahren kannst – „das ist doch keine richtige Insel“, sagt er. Genauso wenig ist eine Hütte eine richtige Hütte, wenn man sie mit dem Auto oder der Seilbahn erreichen kann. Wie die Höllentalangerhütte bei Grainau, am Fuße der Zugspitze, muss sie sein, damit sich Thomas Auer, 44, und Ehefrau Silvia, 38, wohl fühlen. Und das tun sie, die Wirte der neuen „Hölle“, die die Sektion München im Deutschen Alpenverein (DAV) gebaut hat. Ein Prachthaus, das im Vorfeld für so viel Wirbel gesorgt hat.

Die Wirtsleute sitzen am Stammtisch. Vergilbte Bilder hängen hinter ihnen an der Wand. Überbleibsel aus der alten Hütte, die Thomas Auer unbedingt retten wollte. Wie auch die Steigeisen von anno dazumal, Blechschilder und die uralten Fenster, die den Gang vom Essbereich trennen. „Ich bin eher für das Alte“, sagt Auer. Ein Nostalgiker sitzt da, in einer top-modernen Hütte. Aber was heißt schon modern? In diesem Fall heißt’s: neu, nicht kühl. Und so urig, wie eine nigelnagelneue Hütte eben sein kann. Alles ist in Holz gehalten. Schlicht. Charmant. Liebevoll dekoriert.

Höllentalangerhütte: So sieht der Neubau jetzt aus

Höllentalangerhütte ist modern, hat aber Hütten-Charme

Silvia und Thomas – hier oben reichen die Vornamen – betonen mehrmals: Der DAV „hat einen super Kompromiss gefunden“. Zwischen modern – also dem Standard des 21. Jahrhunderts entsprechend – und Hüttencharakter. Wer sich doch beschwert, dass es nicht mehr so gemütlich sei wie früher, dem entgegnet Silvia lächelnd: „Ach, für die Gemütlichkeit sind wir doch auch selber verantwortlich.“ Darauf ein „G’sund!“ Mit dem tirolerischen „Prost“ hebt Silvia ihr Glas mit „Wurzeler“, dem Hausschnaps.

An diesem Abend kurz vor der Eröffnung, an dem die Hütte auf 1387 Meter nur für den Probebetrieb geöffnet ist, haben die zwei Zeit zum Ratschen. Schnell merkt man: Die Auers sind Profis. Nicht glatt und unnahbar-freundlich, sondern natürlich herzlich, sie wissen, wie mit Gästen umzugehen ist. Mit jeder Art von Gästen. Im Winter betreibt das Ehepaar daheim im österreichischen Pitztal das Vier-Sterne-Hotel „Andreas Hofer“. Im Sommer die Höllentalangerhütte.

Im Mai 2010 haben sie und ihre Kinder Lisa, 10, und Michael, 9, die während der Ferien und an den Wochenenden auf der Hütte leben, zum ersten Mal Wellness und Mehr-Gänge-Menüs gegen eine baufällige, immerfeuchte, im Kern über 120 Jahre alte Holzhütte getauscht. Und wie die zwei am neuen Stammtisch sitzen, mit Weißbier und Schnaps, in Sportweste und Shirt – dann mag das Geschniegelt-Feine einer Sterne-Gesellschaft so gar nicht zu ihnen passen. Thomas lächelt. Etepetete mag er nicht. „Eine Krawatte? Geh.“ Er winkt ab. „Das bin nid ich“, sagt er im Tiroler Dialekt. Für die Auers ist wichtig: Sie müssen leben, was sie tun. Hier wie dort. Die Mischung Hotel und Hütte passt perfekt. „Es ist wunderschön, im Frühling zu kommen. Aber auch, im Herbst wieder zu gehen“, sagt Silvia. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

Hütte bietet Rundum-Luxus, Rundum-Betreuung, Rundum-Service

Der deutlichste Unterschied: In der Vier-Sterne-Welt erwarten die Gäste Rundum-Luxus, Rundum-Betreuung, Rundum-Service. Dazu feinstes Essen und besten Wein. Ganz anders hier oben: Jeder hat etwas geleistet, um auf die „Hölle“ zu kommen. „Sie essen, weil sie Hunger und Durscht haben“, sagt Thomas. „Sie sind zufrieden.“ Sogar mit eiskaltem Wasser wie in der alten Hütte. Oder mit Strom, der um 22 Uhr abgestellt wurde. Diese Art von Einfachheit ist vorbei. Der neue Standard könnte die Ansprüche der Gäste nach oben schrauben. Darauf will sich Thomas gar nicht einlassen. „Wir sind eine Hütte.“ Einfach soll’s bleiben, Pommes und Partys wird’s nicht geben. Modern hin oder her.

Noch nie hat Deutscher Alpenverein eine Hütte komplett durch eine neue ersetzt

Das Fünf-Millionen-Euro-Haus hat Pioniercharakter. Noch nie hat der DAV eine alte Hütte durch einen kompletten Neubau ersetzt. Der kann sich sehen lassen. Urgemütlich steht er am Hang, seine Lärchenschindeln lachen in ihrem hellen Braun die Waxensteine an. Selbst Kritiker werden zugeben müssen: Diese Hütte fügt sich in die Landschaft ein. Trotz oder gerade wegen des Pultdaches. Wie groß war der Ärger im Vorfeld. Wie laut haben die Kritiker gewettert gegen den „modernistischen Schachtelneubau“ in der „bayerischen Bilderbuch-Landschaft“. So hieß es in der Petition „Rettet die Höllentalangerhütte“, die 2013 startete und scheiterte. Nicht nur, weil die Initiatoren zu einer Zeit in die Offensive gingen, in der nach über 17 Jahren Planung alle Genehmigungen für den Neubau bereits vorlagen. Auch weil die alte Hütte einfach nicht zu retten war. Am 15. September 2013 stellte sie ihren Betrieb ein. Alles an ihr war marode: „Wer sie genauer anschaut, wundert sich, dass sie noch nicht eingestürzt ist“, sagte Thomas Gesell, Hüttenreferent der DAV-Sektion München und für das Großprojekt verantwortlich, einmal über den Jahrhundertbau. Zur verheerenden Bausubstanz kamen weitere Probleme: Das Satteldach entsprach nicht dem Lawinenschutz. Richtlinien zu Brandschutz, Arbeitsstätte oder Hygiene konnte die Hütte nicht erfüllen.

Das hat Wirtsfamilie Auer gleich in ihrer ersten Saison erfahren: Die Terrasse war voll, das Gesundheitsamt rückte an. Drohte damit, die Hütte sofort dicht zu machen. Man fand eine Übergangslösung. Auch die Auers sagen: Eigentlich war die Lage allein aus Hygienegründen nicht tragbar. Ein unersetzlicher Schatz aber entschädigte für viele Schwierigkeiten, für Schimmel und kaltes Wasser: „Diese Hütte hat eine Geschichte erzählt.“ Wehmut liegt in diesem Satz, den Thomas leise in sein Weißbierglas nuschelt. Er gibt gerne zu: Der Abriss der alten Hütte – so unvermeidbar er war – hat ihn im Herzen geschmerzt. Aus rein romantischen Gründen. Eine gute Nachricht für Nostalgiker wie ihn: Voraussichtlich 2016 wird zumindest die Urzelle der Hütte aus dem Jahr 1893, die immer wieder erweitert wurde, am Alpinen Museum in München wieder aufgebaut.

Kritische Stimmen gegen Höllentalangerhütte sind leiser geworden

Die lauten Kritiker sind ohnehin leise geworden. Vielleicht, weil’s eben kein modernistischer Schachtelbau geworden ist. Vielleicht, weil der Umweltskandal während der Bauphase – Mitarbeiter der Abrissfirma haben mitten im Naturschutzgebiet Müll verbrannt – ausgestanden ist. Und vielleicht auch, weil der DAV in Sachen Nachhaltigkeit vorangeht. Besonders Hüttenreferent Gesell setzte sich für eine Energieversorgung durch Wasserkraft ein.

Bislang werden jedes Jahr bis zu 18.000 Liter Diesel über die Materialseilbahn auf den Berg gekarrt. „Ein Wahnsinn“, findet Gesell. Und nicht nur ihn und die Auers stört dieses „pausenlose Gebrumme“ der Aggregate. Auch Übernachtungsgäste können sich davon in den Schlaf brummen lassen. Doch schon im nächsten Jahr soll das, dem Wasserkraftwerk sei Dank, ein Ende haben. Dann herrscht in den gemütlichen Zimmern mit Stockbetten und den noch ganz flauschigen Wolldecken auch gemütliche Ruhe. So wie es sich auf einer Hütte mitten im Wettersteingebirge gehört, die bald ihre eigenen Geschichten erzählen kann. Thomas jedenfalls ist angekommen: „Ich mag diese Insel.“

Katharina Bromberger

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