Flugzeug zerschellt an Berg: Leichen geborgen und identifiziert

Flugzeug zerschellt an Berg: Leichen geborgen und identifiziert
Karl Bischoff, 80, auf Radltour durch sein Heimatdorf.

Wilde Jagd in Garmisch-Partenkirchen

Karli und die Uran-Klötzchen

Garmisch-Partenkirchen - Uran-Würfel: Erst hatten sie die Nazis, dann vier Lausbuben aus Garmisch-Partenkirchen, anschließend die Amerikaner. Ein Besuch bei Karl Bischoff, 80. Er hat die Würfel vor 68 Jahren mit seinen Spezln aus einem Laster geklaut.

Der kleine Karli zielt, holt weit mit dem Arm aus, dann öffnet er die Hand: Ein kleiner Würfel hüpft über die Pflaster des leeren Mohrenplatzes in Garmisch-Partenkirchen. Lange Funken sprühen durch die Nacht, nach rechts und nach links. Der zwölfjährige Bub wiederholt sein Spiel, zweimal, dreimal. Dann muss er heim. Den magischen Würfel steckt er in den Hosensack.

Die Fahrt mit der heißen Ware: In einer Nacht- und Nebelaktion schaffen die Nazis ihre Uran-Würfel in Lkws in Sicherheit.

Das war 1945, ein paar Tage nach Kriegsende. Karl Bischoff ist heute 80 Jahre alt. Er ist einer der letzten Zeitzeugen, der die legendären „Feuersteine“ von Garmisch-Partenkirchen in den Händen gehalten hat. Sie waren matt-schwarz, viereckig, wie Kohlestücke. Eigentlich unspektakulär. Längst weiß Karl Bischoff: Was er als Lausbub mit drei Freunden von einem Laster der Wehrmacht gestohlen hat, war: Uran. Nazi-Uran. „Und heute noch strahle ich“, sagt er und grinst breit. Natürlich meint er das nicht ernst. Bischoff ist gelernter Konditormeister und ein junggebliebener Lausbub. Der Schalk sitzt ihm noch immer im Nacken. Mit kurzer Lederhose, blau kariertem Hemd und hochgezogenen Strümpfen sitzt er gerade auf seinem Radl und dreht eine Runde durch Garmisch-Partenkirchen. Auf den Spuren seiner Kindheit und der kleinen Würfel, die zunächst „nur wie Eisen ausgesehen haben“.

Für den zwölfjährigen Karli waren die sonderbaren Würfel ein willkommenes Spielzeug. In Wirklichkeit waren sie Teil geheimer Forschungen der Nazis. Das Ziel: eine Atombombe für den Führer.

Lausbub im Sonntagsanzug: Karl Bischoff daheim in Garmisch-Partenkirchen. Er sieht brav aus, hat’s aber faustdick hinter den Ohren.

Angefangen hat alles im September 1939. Unter der Leitung des Kernphysikers Dr. Kurt Diebner arbeiteten Nazi-Wissenschaftler in ganz Deutschland an streng geheimen Standorten an der Bombe. Auftraggeber des „Uranvereins“ war das Heereswaffenamt. Vor allem auf die sogenannten „Uran-Maschinen“ setzten Forscher alle Hoffnung. Diese besonderen Versuchsanlagen standen im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut und in der Leipziger Universität. Dabei handelte es sich um den Vorläufer eines kritischen, das heißt sich selbst erregenden Kernreaktors, in dem eine gesteuerte Kettenreaktion zur Urankern-Spaltung ablaufen sollte. Ein erster Schritt auf dem Weg zur deutschen Atombombe. Eine weitere „Uran-Maschine“ hat Diebner südlich von Berlin in der heereseigenen „Versuchsstelle Gottow“ bauen lassen. Er experimentierte dort persönlich mit Wissenschaftlern und Technikern. Im Mittelpunkt: die Uranwürfel. Für die Gesundheit der Wissenschaftler waren die Würfel bei richtiger Handhabung nicht schädlich.

Auch Karl Bischoff, 80 Jahre alt und kreuzfidel, haben die Uran-Klötzchen nicht geschadet. Gerade radelt er durch sein Heimatdorf, grüßt nach rechts und links, sie kennen ihn hier alle. Plötzlich hält er an. „Hier stand der Laster“, sagt Bischoff und deutet mit der Hand auf eine Stelle zwischen einem Holzschuppen und einer Hauswand. Mit seinen drei Freunden, den Hosp-Brüdern Michael und Ludwig sowie dem Weiß Ferdl hat er drei Tage bevor die Amerikaner in Garmisch eingerückt sind, vom Fenster des Hospschen Häuschens eine Beobachtung gemacht. „Ein Laster kam in die Auffahrt gefahren und zwei Soldaten sind rausgesprungen“, erzählt Bischoff. Danach hat er sie nie mehr gesehen. Die Uran-Würfel ließen sie einfach zurück.

Augenzeuge: Der junge Karl Bischoff lehnt kurz nach Kriegsende an einem Schild (links) und schaut dem Zug gefangener Wehrmachtssoldaten nach.

Tatsächlich muss Diebners Gruppe Mitte 1944 aus Berlin fliehen – die Hauptstadt wird von den Alliierten bombardiert. Zunächst kommen die Forscher im thüringischen Stadtilm unter. Auf Drängen des berühmten Professors Werner Heisenberg bringen sie die Uran-Vorräte nach Haigerloch in Schwaben, wo der Physiker 1945 einen letzten Großversuch plant. Es soll der Befreiungsschlag werden. Eine letzte Hoffnung der Nazis. Als schließlich die amerikanischen Truppen vor Thüringen stehen, evakuiert Himmlers Sicherheitsdienst (SD) die Forschungseinrichtung. Eine Lastwagenkolonne setzt sich am 8. April 1945 in Richtung „Alpenfestung“ in Bewegung. In Richtung Bayern, hier wollen sich die Nazis zu einem Endkampf zurückziehen. Die grobe Route: Über Ronneburg und Bad Tölz nach Innsbruck. Einige Lkw kommen durch Garmisch-Partenkirchen. Darunter der Lkw, den die Buben vom Fenster aus beäugen.

Bischoff erinnert sich noch genau: „Wir haben uns an den Laster gar nicht rangetraut. Am nächsten Tag waren die Soldaten aber immer noch nicht zurück.“ Irgendwann war die Versuchung für die vier Lausbuben zu groß: Drei haben die Plane angehoben und sind ins Innere des Lasters geklettert, einer hat Schmiere gestanden. Im Innern: rund 300 schwere Holzkisten – sorgfältig vernagelt. „Wir haben dann einen Hammer geholt“, sagt Bischoff, „und eine geöffnet.“ Er lehnt sich mit den Armen auf den Lenker seines Fahrrads, dann lacht er schallend. „Da waren wir enttäuscht. Lauter kleine, schwere Würfel. Kein Spielzeug, nichts zum Essen, keine Patronen.“ Anschließend haben sie noch weitere Kisten geöffnet. Immer der gleiche Anblick: Unzählige Würfel mit der Kantenlänge 5,5 Zentimeter. Doch sie haben nicht so schnell aufgegeben. Eine Kiste hat die Lausbubenbande zwecks Untersuchungen vom Laster gehoben und mitgenommen.

Karl Bischoff steht mit seinem Radl auf einer kleinen Holzbrücke über die Loisach. Er deutet aufs Ufer. „Da haben wir gesessen und die Würfel betrachtet. Aus einer Laune heraus hat einer dann seinen Würfel auf die Uferverbauung geworfen.“ Und plötzlich: Funken. Ein bis zwei Meter sind sie lang gewesen. Ein „kleines Feuerwerk“, sagt Bischoff. Die Buben haben an diesem Nachmittag dutzende Uran-Würfel in der Loisach versenkt – Nachschub war ja reichlich vorhanden.

„Ich hab mir auch einen in die Tasche gesteckt und mitgenommen“, sagt Bischoff. Den hat er dann auf dem Mohrenplatz springen lassen. Anschließend lag der Uran-Würfel einige Nächte auf seinem Nachttisch. Und dann? Bischoff: „Ich weiß nicht, was ich damit gemacht hab. Ich hab’ keinen Würfel zurück behalten.“ Das Spiel war vorbei, die Würfel langweilig.

Hätte er einen behalten, wäre es ihm vielleicht wie dem Biersack Toni, einer Eishockey-Legende aus Garmisch-Partenkirchen, gegangen. Der hat ebenfalls Wind von den Würfeln bekommen. Bischoff sagt: „Der Toni war einige Jahre älter und schon schlauer. Man hat sich erzählt, dass er nach dem Krieg die Würfel in die Schweiz verkauft hat.“ Aber die Klötzchen-Schieberei nahm ein jähes Ende. Schon bald tauchten Agenten des amerikanischen Geheimsdienstes auf und ließen die Händler auffliegen. Einige landeten im Gefängnis. Den Laster und den verbliebenen Inhalt haben die Amerikaner dann beim Einmarsch beschlagnahmt.

Karl Bischoff erholt sich von seiner Radltour auf der Terrasse seines Hauses. Er schaut auf die Berge. „Kriegsende“, sagt er, „das war eine aufregende Zeit. Als die Amerikaner mit Panzern einrückten, hab’ ich das erste Mal einen Schwarzen gesehen.“ Der Soldat hat ihm einen Kaugummi geschenkt. „Ich war so nervös, dass ich ihn gleich runtergeschluckt hab.“ Bischoff lacht. Sein erster Kaugummi – da waren die „Feuersteine“ schnell vergessen.

Maria Gerhard

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