+
Verlässt Mittenwald mit einem lachenden und weinenden Auge: der evangelische Militärpfarrer Andreas Liedtke.

Die tröstende Schulter der Soldaten

Militärseelsorger Liedtke verlässt Mittenwald 

Mittenwald - Trauer, Mitgefühl und Freude – all das verbindet Andreas Liedtke mit seiner Arbeit. Seit 20 Jahren ist er als Militärseelsorger tätig. Seine letzte Station war Mittenwald. Doch jetzt verlässt er sein „Paradies“.

Er wird die wenigen Tage vor seinem Auslandseinsatz 2008 in Afghanistan nie mehr vergessen. Andreas Liedtke, damals evangelischer Militärpfarrer des Zweibrücker Fallschirmjäger-Bataillons 263 in Rheinland-Pfalz, versicherte damals seiner Frau und seinen Kindern, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Wenige Tage später schockierte der Tod von drei Fallschirmjägern aus seinem Bataillon bei Kunduz ganz Deutschland. Noch vor seinem Einsatz kümmerte er sich um die Familien der gefallenen Bundeswehr-Soldaten, leistete Seelsorge bei den trauernden Kameraden. „Geflogen bin ich dann trotzdem“, erzählt Liedtke heute, sieben Jahre später, in seinem Büro in der Mittenwalder Karwendel-Kaserne, in der er seit 2012 arbeitet.

In Afghanistan angekommen, musste er viele gebrochene Herzen einsamer Soldaten trösten. Er selbst weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, eine Beziehung zu halten, wenn man tausende Kilometer von der Heimat entfernt seinen Dienst erfüllt. „Ich hatte einen jungen Burschen, dessen Freund während seines Einsatzes in Deutschland tödlich bei einem Autounfall verunglückte.“ Das Schlimmste war für ihn, „sich nicht auf der Beerdigung von seinem langjährigen Freund verabschieden zu können“. Bei zahllosen Gebeten und Tränen stand Liedtke in seiner kleinen Feldkirche jedem zur Seite. Ob katholisch oder evangelisch spielt im Einsatz keine Rolle.

An Weihnachten verteilte er Christbäume aus Deutschland, um den Soldaten an Heiligabend ein Stück Heimat zu schenken. Geschmückt wurde er mit dem, was sie vorfanden – Cola-Dosen in Rot und Silber. Ein anderes Mal veranstaltete der rührige Pfarrer Kinoabende, um die Gefahrenlage in Kabul für einige Momente erträglicher zu machen. „Es waren ganz besondere Augenblicke“, erinnert sich der Geistliche. Doch das Wiedersehen mit seiner Ehefrau Martina Kneisel stand über allem.

Das Umziehen war in seinem Leben „ein großes Opfer“, das er und seine Familie stetig bringen mussten. Nachdem er Tischler gelernt hatte, absolvierte er sein Theologie-Studium in Dresden in der ehemaligen DDR. 1990 begann er in Gera zu arbeiten. 13 Jahre lang. Dort lernte er seine Frau kennen und das freie Leben eines geachteten Pfarrers im wiedervereinten Deutschland. Fast die Hälfte seiner Arbeitszeit bestand darin, als Seelsorger für die Soldaten der Pionierkaserne in Gera da zu sein. In dieser Zeit beschloss er, sich noch mehr um Bundeswehrangehörige zu kümmern. So unterschrieb er 2004 den Militärseelsorger-Vertrag und verließ zum ersten Mal seine Heimat. „Meine erste Station war Schleswig-Holstein.“ Doch statt der angestrebten zwölf Jahre war bereits nach drei Jahren Schluss – die Kaserne wurde aufgrund von Reformen geschlossen. So kam Liedtke bis 2012 nach Zweibrücken in Rheinland-Pfalz. 2006 musste er nach Bosnien, von 2008 bis 2009 nach Afghanistan, ehe 2012 Mittenwald auf ihn wartete, worüber er sich bis heute noch freut. „Ich wurde hier ins Paradies versetzt“, erzählt Liedtke.

Bis zum Freitag (10.Dezember) war der 55-Jährige in der Karwendel-Kaserne tätig, gleich neben der katholischen Militärseelsorge. Neben Mittenwald betreute er als evangelischer Geistlicher gleichzeitig die Standorte Feldafing, Pöcking, Percha, Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau. Keine leichte Aufgabe, zumal sich Liedtke stets darum bemühte, allen Soldaten vor Ort das Gefühl zu geben, permanent für sie da zu sein. Viele Kilometer fuhr er, seine Familie blieb in Zweibrücken. „Wir haben uns gegenseitig alle paar Monate besucht“, sagt der Pfarrer.

Das wird sich nun ändern. Liedtkes Bundeswehr-Zeit ist zwar vorbei, beruflich hat er aber noch einige Jahre bis zur Rente. Am 1. Januar 2016 tritt er seine Arbeit in Neu-Ulm an. „Dort werde ich mit meiner Familie meinen Lebensabend verbringen.“ Seine Frau wird ebenfalls nach Neu-Ulm kommen. Und auch der Sohn in Ravensburg ist dann nur mehr einen Katzensprung entfernt.

Josef Hornsteiner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hallenbad als Kostenfresser
Murnau – Jetzt liegen die Zahlen auf dem Tisch: Ein Murnauer Sporthallenbad würde jedes Jahr ein Defizit von rund 570 000 bis 707 000 Euro verursachen. Für die …
Hallenbad als Kostenfresser
Toter Wanderer auf Zugspitze: Was den Einsatz erschwerte
250 Meter ist ein Rheinland-Pfälzer am Dienstag abgestürzt – durch felsdurchsetztes Gelände. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Der Einsatz wurde durch einige Faktoren …
Toter Wanderer auf Zugspitze: Was den Einsatz erschwerte
Circus Krone am Hausberg: Magische Momente unter der Zirkuskuppel
Bombastisch, ergreifend, nervenaufreibend und emotional – bei der Premiere seines Gastspiels in Garmisch-Partenkirchen feierte Circus Krone sich und die Zuschauer im gut …
Circus Krone am Hausberg: Magische Momente unter der Zirkuskuppel
Oldtimer als Besuchermagnet
Hofheim – In Hofheim steppte am Mittwoch quasi der Bär. Im Rahmen des Bezirksmusikfestes nahmen gut 350 Oldtimer an einer Rundfahrt um den Ort teil. Dies lockte einige …
Oldtimer als Besuchermagnet

Kommentare