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So sieht der Wallgauer Kirchenböbl im Entwurf aus.

Ein versöhnlicher Vorschlag?

Kirchenböbl Wallgau: Bürgermeister zaubert neuen Entwurf hervor

Wer hätte das gedacht: Nach all den Jahren der Debatten, was mit dem Wallgauer Kirchenböbl passieren soll, haben sich die Gemeinderäte nun mit einem Konzept angefreundet. Dabei soll der Dorfplatz bewahrt, aber um ein neues Gebäude in altem Stil bereichert werden.

Wallgau– Niemand weiß davon. Niemand achtet auf die rund drei Meter lange Tafel, die neben dem runden Tisch im Sitzungssaal des Wallgauer Rathauses deponiert wurde, umhüllt mit einem Tuch. Bis Hansjörg Zahler (CSU) das Konstrukt mit Hilfe von Florian Neuner, Mitarbeiter der Hauptverwaltung, auf den Gemeinderatstisch hievt. Zahler lässt den Vorhang fallen, lüftet das Geheimnis – und blickt in staunende Gesichter.

Hinter dem Schleier verbirgt sich ein Entwurf für den Kirchenböbl. Ein komplett neuer. Nachdem Franz-Martin Leismüller in einer Stellungnahme den Rückzug von den Vertragsverhandlungen mit der Gemeinde verkündet hatte – er und sein Bruder beabsichtigten, die Immobilie am Dorfplatz zu kaufen und eine Schnaps-Brennerei zu realisieren – wandte sich Zahler an das Architekturbüro Siedenburg in Krün. Mit der Vorgabe, eine Lösung zu finden, die den Dorfplatz belebt, die architektonische Gestaltung aber behält.

Lange Zeit war der Gemeinderat wegen des Dauerbrenners in zwei Lager gespalten – die Abriss-Gegner und die Neubau-Befürworter. Jeder verfolgte mit Beharrlichkeit seine Linie. Ein stetiges Hin und Her, ohne Ergebnis. Das neue Konzept versteht Zahler als „Kompromissvorschlag“, sagt er, „um gemeinsam was weiterzubringen.“ Ihm jedenfalls gefällt die Variante.

Vollsortimenter im Erdgeschoss

Christian Siedenburg und sein Vater Wolfgang kennen alle Ansätze, die in den vergangenen Jahren zur Debatte standen und können nachvollziehen, warum jeder seine Vorstellung verteidigte. Jetzt lag es an den beiden Architekten aus Krün, die differierenden Ansichten unter einen Hut zu bringen. „Wir haben versucht, die Qualität des Kirchenböbls zu erhalten und in einen Neubau zu übersetzen.“ Die zwei Experten nehmen von einer Sanierung Abstand. Die Gründe: unter anderem zu niedrige Raumhöhen für vermietbare Flächen und Feuchtigkeitsschäden im Stallbereich. Das alles an aktuelle Standards anzupassen, „würde teurer kommen als ein Neubau“, betont Siedenburg junior. Darüber hinaus berücksichtigten die Planer die Wirtschaftlichkeit. Der Kirchenböbl, den die Kommune 2013 kaufte, solle sich selber tragen und im Idealfall noch finanziell etwas abwerfen. Nicht umsonst empfehlen die Siedenburgs, einen Laden in das Anwesen zu integrieren.

Seit der Schließung des Rewe-Markts im Dezember 2017 ist ein fehlender Nahversorger ohnehin ein drängendes Problem in der Kommune. „Das Thema schnalzt mir einmal pro Woche von Gästen um die Ohren“, berichtet Zahler. Von einem Discounter im klassischen Sinn will man Abstand nehmen. Allerdings bieten Rewe oder Edeka beispielsweise so genannte City-Konzepte an, bei denen der Supermarkt in historischen Gebäuden einquartiert wird. Voraussetzung dafür ist eine Verkaufsfläche von mindestens 400 Quadratmetern, erklärt Christian Siedenburg. Der Altbestand verfügt über 330 Quadratmeter. Mit einem kleinen Anbau im hinteren Bereich erreiche man die Vorgaben.

Der Laden ist im Entwurf im Erdgeschoss vorgesehen. Eine Etage drüber wäre Platz für Praxen und Büroräume, im Dachgeschoss für drei Wohnungen. Optisch orientiert sich das Gebäude am alten, historischen Stil.

Kaum zu glauben angesichts der Vorgeschichte: Gemeinderat stimmt einstimmig ab

Große Bedeutung kommt der Raumgestaltung im Außenbereich zu. „Der Neubau soll sich optimal im Dorfplatz integrieren.“ Die Ausrichtung des Anwesens bleibt wie gehabt, in Traufenstellung, konträr zu den umliegenden Häusern. Nur 1,50 Meter nach Osten gerückt wird es – das führt zur Entschärfung der Straßenengstelle –, die Länge ändert sich jedoch nicht. Dafür die Breite: von 11 Meter auf 13,5 Meter. Christian Siedenburg nennt das Ganze einen „architektonischen Kunstgriff“, der den Platz öffnet.

Die Pfarrkirche St. Jakob versteckt sich im Plan ein bisschen hinter dem Kirchenböbl. Das haben die Planer bewusst so konzipiert. Wer einen Blick auf das Gotteshaus erhaschen möchte, muss ein Stück auf dem Dorfplatz gehen. „Dann eröffnet sich eine neue Perspektive.“ Siedenburg argumentiert geschickt. Es sei eine „besondere Sache“ im klassischen Städtebau, wenn nicht alles auf einmal sichtbar ist.

Die Gemeinderäte lauschen interessiert den Ausführungen, stellen gleich Detail-Fragen, feilschen um Meter. Ein gutes Zeichen. Doch Zahler will deren klare Meinungen hören – und stößt auf durchweg positive Resonanz. Kein Wunder, dass es ihm bei der langwierigen und diskussionsintensiven Vorgeschichte das ein oder andere Mal die Mundwinkel nach oben zieht. Einstimmig verabschiedet das Gremium den Beschluss, den Vorschlag eines Neubaus mit Ansiedlung eines Vollsortimenters im Rahmen eines City-Modells zu begrüßen und die Verwaltung zu beauftragen, das Interesse von Konzept-Bewerbern in Erfahrung zu bringen. Denn eines stellt Siedenburg klar: „Es braucht einen Mieter, der über Jahrzehnte Miete zahlen kann.“

Worten, denen Josef Berwein (Wallgauer Wählerverein) nur beipflichten kann. „Das ist der erste Punkt, um das Gebäude zu finanzieren.“ Wie viel das Projekt am Ende verschlingt, Siedenburger kann nur grob schätzen. Er kalkuliert mit 2,5 bis 3 Millionen Euro.

Der Entwurf

für den Kirchenböbl kann ab sofort im Sitzungssaal des Wallgauer Rathauses angeschaut werden. Die Öffnungszeiten: montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr und donnerstags zusätzlich von 16 bis 18 Uhr.

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