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Auf der Terrasse des Schneefernerhauses: (oben, v.l.) Klimaforscher Hans Peter Schmid, Merkur-Chefredakteurin Bettina Bäumlisberger, Ex-Skistar Maria Höfl-Riesch, Minister Gerd Müller und Naturschützer Axel Doering.

Diskussion auf der Zugspitze 

Klimagipfel im Neuschnee

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Garmisch-Partenkirchen – Der Klimawandel ist keine Episode – sondern ein globales Problem. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist am Sonntag extra auf die Zugspitze gereist, um darüber zu diskutieren. Wir waren dabei.

Um Schweres zu verstehen, hilft manchmal der Blick von oben. Zum Beispiel der vom Schneefernerhaus runter auf das, was früher mal ein Gletscher war und wo heute Kletterer übers sandfarbene Geröll kraxeln. Oder der auf die Welt, wie sie das Bundesentwicklungsministeriums in einem Video zeigt: haushohe Wellen, die Autos davonschwemmen. Hurrikans, die Autos wegfegen wie Laub. Trockenheit, die Tausende dahinrafft. Es ist Klimawandel, und Gerd Müller (CSU) sagt: „Wir bringen den Planeten an den Rand der Apokalypse.“

Der Bundesentwicklungsminister sitzt in der Gletscherstube des Schneefernerhauses – einer Forschungsstation unterhalb der Zugspitze, 2650 Meter hoch. Zusammen mit Klimaforscher Hans Peter Schmid, Ex-Skistar Maria Höfl-Riesch und Naturschützer Axel Doering spricht er im Rahmen einer Podiumsdiskussion (der Münchner Merkur war Medienpartner) über die Erderwärmung und ihre Folgen. Was das Publikum und Moderatorin Bettina Bäumlisberger, Chefredakteurin unserer Zeitung, zu hören kriegen, kann nicht zuversichtlich stimmen.

„Wir haben einfach keine Zeit mehr“, sagt der Klimaforscher Schmid. Was das bedeutet, ist am Schneeferner-Gletscher zu sehen. Der ist nämlich gar kein Gletscher mehr, sondern „Toteis“, wie Schmid sagt. „In 15 bis 20 Jahren ist der komplett weg.“

Das ist schade für Bayerns Skifahrer, was vor allem Höfl-Riesch empört: „Garmisch ohne Skifahren, das geht nicht.“ Betroffen sind auch andere Regionen. Jedem Grad mehr, sagte Moderatorin Bäumlisberger, könnten rund 100 Skigebiete zum Opfer fallen. Aber was Schmid andeutet, ist ein globales Problem. Denn der Klimawandel bedroht Gletscher weltweit. Der am Himalaya, sagt Minister Müller, speise Trinkwasser für ein Drittel der Menschheit. Nicht auszudenken, was wäre, wenn es ihn nicht mehr gäbe.

Das Thema Wasser ist ein großes an diesem Sonntag. Für Klimaforscher Schmid ist die Wasserfrage sogar „ein Riesenproblem“ – weil es durch die Erwärmung der Atmosphäre in manchen Regionen der Erde immer weniger, in anderen zu viel davon geben wird (siehe Interview). Die Folgen sind Trockenheit oder katastrophale Unwetter. Klimawandel bedeutet Extreme. Und die nehmen zu. Höfl-Riesch erzählt von einem Skirennen in den USA, das sie bei minus 39 Grad gefahren ist. Müller sagt, in der Subsahara könnten Temperaturen über 45 Grad normal werden. Auch Flutkatastrophen wie die von 2013 werden häufiger stattfinden. „Das“, sagt Schmid, „müssen wir uns hinter die Ohren schreiben.“

Der Klimawandel als globales Phänomen – so will ihn Müller verstanden wissen. Als Entwicklungsminister ist sein Interesse für das Thema auch nur so zu begreifen: Die Wetterextreme treffen schlecht entwickelte Regionen und Länder besonders hart. Für Europa könnte das noch mehr Flüchtlinge bedeuten: Müllers Ministerium spricht von 200 Millionen, sollten die Emissionen von Treibhausgasen nicht merklich sinken.

Was große Folgen hat, zeigt sich oft im Kleinen. Darum wird es an manchen Stellen der Diskussion auch ganz lokal – zum Beispiel, als es um Schneekanonen im Freistaat geht. Was die einen als nötige Reaktion auf das wärmere Klima begreifen, hält Naturschützer Axel Doering für „ein fatales Zeichen, weil die Kanonen suggerieren, dass man alles kaufen kann“.

Kann man nicht. Darum fordert Müller einen bewussteren Umgang mit Energie und die internationale Festschreibung verbindlicher Klimaziele. Klingt gut, aber das Publikum wittert Plattitüden. Josef Winklmeier aus Wolfratshausen will etwa wissen, warum hierzulande Kohlekraftwerke gebaut und dafür Gaskraftwerke abschaltet. Eine Antwort bleibt Müller schuldig.

Die Energiewende ist halt komplex, genau wie der Klimawandel. Dabei kann man dem Minister mangelndes Interesse am Thema nicht vorwerfen. In Indien und China, sagt er, unterstütze sein Ministerium die Umrüstung von uralten Kohle- auf Gaskraftwerke und die Wiederaufforstung von Wäldern. Zuvor hatte Djamila Brandes aus Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) gefragt, wie Müller Staaten mit ins Boot holen will, die zu den großen Klimasündern gehören.

Zumindest eine positive Kleinigkeit gibt’s auch von der Zugspitze zu melden. Seit Samstag sind dort oben vier Zentimeter Neuschnee gefallen. Das ist auch in Zukunft nicht ausgeschlossen – trotz Klimawandels. Den Gletscher wird das aber nicht wiederbringen. So viel ist sicher.

Marcus Mäckler

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