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Im Gespräch: (v.l.) Referentin Dr. Edith Raim, Bürgermeister Rolf Beuting, Marktarchivarin Dr. Marion Hruschka.

Aufarbeitung der NS-Zeit in Murnau

Konservatives Milieu im Fokus

Die Historikerin Dr. Edith Raim durchforstet nach wie vor die Archive. Ihr Job ist es, die Zeit zwischen 1920 und 1950 in Murnau zu erforschen. Am Dienstagabend legte sie einen Zwischenbericht vor.

Murnau – Vereine hatten in Murnau in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine zentrale Bedeutung. Sie war deutlich größer als die Rolle der Parteien, die zersplittert waren. Dies betonte die Historikerin Dr. Edith Raim am Dienstag bei einem Vortrag im Kultur- und Tagungszentrum (KTM). „Die NSDAP nutzte das Personal dieser Vereine und ihre Netzwerke für ihre Zwecke.“ Die Nazi-Partei habe das konservative Milieu unterwandert und mehr oder weniger übernommen.

Raim hat vom Markt Murnau den Auftrag bekommen, die Geschichte des Ortes zwischen etwa 1920 und 1950 zu untersuchen. Ihre Recherchen sind zur Hälfte abgeschlossen. Im KTM gab Raim einen Zwischenbericht ab. Sie beleuchtete dabei die konservativen Kreise in der Marktgemeinde – und kam dabei auch auf die „Kultur des Militarismus“ zu sprechen, die nach 1918 auch in Murnau virulent geblieben sei. Im Februar 1919 seien Kriegsheimkehrer „wie Sieger geehrt“ worden. Die Marktstraße, durch die die Männer zogen, war mit Flaggen feierlich geschmückt. 1921 wurde in Murnau der Bau eines Kriegerdenkmals in Angriff genommen. „Relativ spät“, wie Raim darlegte. In anderen Orten sei man diesbezüglich früher dran gewesen. Der Staffelsee-Bote appellierte während der Bauzeit immer wieder an die Spendenfreudigkeit der Bürger. 1923 wurde das Denkmal offiziell eingeweiht. Nahezu halb Murnau war auf den Beinen: Rund 1000 Gäste nahmen teil, darunter 37 Vereine mit vier Musikkapellen.

Laut Raim wurden seinerzeit auch Lichtbildervorträge organisiert, die an die Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnerten. Zudem sei die Dolchstoß-Legende, derzufolge das deutsche Heer im Weltkrieg „im Felde unbesiegt“ geblieben sei und erst durch oppositionelle „vaterlandslose“ Zivilisten aus der Heimat einen „Dolchstoß von hinten“ erhalten habe, immer wieder kolportiert worden. „Man hat auch stark an die Reichsgründung erinnert“, erklärte Raim. Also an das Jahr 1871. Als Teilnehmer des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71 starben, hieß es , sie seien „eingerückt zur großen Armee“.

Die Weimarer Republik war in Murnau nicht wohl gelitten. Der Gemeinderat habe sich damals dagegen entschieden, die entsprechende Flagge zu kaufen. „Das konservative Milieu hat sich vollständig vom Staat distanziert“, stellte Raim fest. Unterdessen trat die völkische Bewegung immer stärker in den Vordergrund. Dazu zählten Gruppierungen wie der Bund Oberland, der Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft, der Andreas-Hofer-Bund oder auch der Verein für das Deutschtum im Ausland. „Von diesem Gedankengut hat der Nationalsozialismus profitiert“, sagte Raim.

Und die Vereine? Gänzlich unpolitisch waren sie nicht. Da wurde schon mal für die „Ruhrhilfe“ gesammelt oder es wurden bei Versammlungen vaterländische Gedichte vorgetragen. Das gesellschaftliche Leben in Murnau spielte sich in den 1920er Jahren jedenfalls in den Vereinen ab. Diese seien „meist von Männern dominiert“ gewesen, erläuterte Raim.

Radvereine gab es zwei: die „Concordia“, bei der der Staffelsee-Bote lobte, dass sie „auf christlich-nationalem Boden“ stehe. Der Radclub der Arbeiter war hingegen der Verein „Solidarität“.

Der Antisemitismus hat sich übrigens nach Raims Darstellung in Murnau in Grenzen gehalten. „Das hat natürlich mit der Präsenz von James Loeb zu tun.“

An dem Abend wurde auch die Frage gestellt, ob in Murnau nach 1945 viel Material vernichtet worden sei. Dazu Raim: „Die Überlieferung ist nicht vollständig, aber im Vergleich zu anderen Orten relativ gut.“

Roland Lory

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