Podiumsdiskussion
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Vergangenheitsbewältigung als kommunale Aufgabe – es diskutierten; von links: Dr. Ulrike Haerendel (Historikerin, Universität der Bundeswehr), Stephanie Heinzeller (Bayerischer Rundfunk), Bürgermeister Rolf Beuting, Dr. Edith Raim (Historikerin, Universität Augsburg).

Vergangenheitsbewältigung: Die Bevölkerung muss eingebunden sein  

Es wird schmerzhafte Erkenntnisse geben

  • VonGünter Bitala
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Murnau – Ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit eine kommunalpolitische Aufgabe? Ja, urteilen die Teilnehmer einer Diskussion im Murnauer Kultur- und Tagungszentrum. Beschäftigt sich eine Gemeinde nämlich nicht mit seiner jüngeren Geschichte, brechen immer wieder Konflikte auf, weiß Bürgermeister Rolf Beuting. Gerade wenn es die Benennung bzw. Umbenennung öffentlicher Gebäude und Straßen betrifft. Aber, und da besteht Einigkeit auf dem Podium: Die Bevölkerung muss in die Diskussion eingebunden sein.

Expertengespräch in Murnau

Der Gemeindesaal des Marktes Murnau war für ein solches, von Stephanie Heinzeller (Bayerischer Rundfunk) moderiertes Expertengespräch mit Bedacht gewählt worden, befasst sich die 12.000 Einwohner zählende Kommune doch seit rund zehn Jahren mit der Epoche zwischen 1919 und 1950. Jüngst legte die Historikerin PD Dr. Edith Raim (Universität Augsburg) eine Dokumentation vor, wie sich der Nationalsozialismus in der Lokalpolitik, in den Vereinen und im gesellschaftlichen Leben so stark entwickeln konnte, dass Murnau am Staffelsee zur Nazi-Hochburg in Südbayern wurde; Buchtitel: „Es kommen kalte Zeiten.“

Damit nicht genug, Bürgermeister Rolf Beuting: „Die Zeit ist reif, uns mit der NS-Vergangenheit unserer Ehrenbürger auseinanderzusetzen. Wir werden das Netzwerk aufdecken, das in den 1960er und 1970er-Jahren belastete Leute für die höchste Ehre unserer Gemeinde vorschlug.“ Der Gemeinderat bildete bereits eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe zur Koordination dieser Untersuchung. Rolf Beuting: „Nachfahren der in Frage kommenden Personen leben noch. Ich rechne mit schmerzhaften Erkenntnissen.“

Den Schriftzug ‚Unsern Helden‘ – wie hier am Murnauer Kriegerdenkmal – kann man nicht isoliert stehen lassen, sagt Rolf Beuting. Der Bürgermeister fordert, die zivilen Opfer in den Mittelpunkt des Gedenkens zustellen.

Leute aus NS-Umfeld als Namenspatrone streichen

Auslöser der Vergangenheitsbewältigung war Max Dingler (1883 - 1961). Der Zoologe und Mundartdichter bekam in den 1980er-Jahren trotz seiner Nähe zur nationalsozialistischen Gedankenwelt das Namenspatronat für die damals neue Mittelschule. Das änderte sich 2011; Bürgermeister Rolf Beuting: „Max Dingler marschierte beim Hitlerputsch 1923 vor die Münchener Feldherrenhalle. Er war führendes Mitglied der paramilitarisch organisierten Bürgerwehr Bund Oberland. Ein Mann, der nicht zögerte, demokratische Staatsstrukturen zu zerstören, kann kein Vorbild für unsere Jugendlichen sein.“

Die Marktgemeinde ließ sich in der Folge lange Zeit, einen neuen Schulpatron zu finden. Nach intensiver, öffentlicher Diskussion verständigten sich Lehrer, Schüler und Eltern, sowie der Gemeinderat auf Christoph Probst. Das Mitglied der Widerstandsgruppe ‚Die weiße Rose‘ war 1919 in Murnau geboren worden.

An dieser Stelle klinkt sich Dr. Ulrike Haerendel (Historikerin an der Bundeswehr-Universität München) ein: „Kommunale Gremien dürfen sich nicht scheuen, Leute aus dem NS-Umfeld als Namenspatrone zu streichen. Es gibt so viele andere Persönlichkeiten, die es heute Wert sind, als Vorbilder herausgestellt zu werden.“ In Garching, nördlich von München – der Heimatgemeinde von Dr. Ulrike Haerendel – ist Christoph Probst seit 2019 Namensgeber für die Kaserne der Bundeswehr.

Zweites Beispiel: Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer wurde Patron der Garchinger Mittelschule. Bürgermeister Rolf Beuting nennt zwei Namen für Murnau: Den Schriftsteller Ödön von Horváth und den jüdischen Mäzen James Loeb.

In der Diskussion kristallisiert sich die Frage heraus, welche Kriterien eine Gemeinde bei der Streichung von Namenspatronaten anlegen sollte. Bürgermeister Rolf Beuting: „Man muss so streng, wie möglich vorgehen. Wer an NS-Verbrechen beteiligt war, oder die Demokratie zerstören wollte, hat sowieso jedes Recht auf eine Ehrung verloren.“

Dr. Edith Raim mahnt in jedem Einzelfall eine wissenschaftlich-neutrale Begleitung an: „Es müssen die Zeitumstände und die Lebensleistung des Betroffenen in die Entscheidung einfließen.“ Es fiel der Name Ludwig Thoma. Dr. Edith Raim: „Bei Ludwig Thoma muss man überlegen, was schwerer wiegt – die ohne Zweifel unsäglichen antisemitischen Hetzschriften im Miesbacher Anzeiger, oder sein Vermächtnis als großartiger Schriftsteller?“

Dr. Edith Raim und Dr. Ulrike Haerendel plädieren für erklärende Zusatztafeln. Wie es Garching gemacht hatte, als an einer S-Bahnhaltestelle die TU-München herausragenden Wissenschaftler und Ingeneure würdigte. Dr. Ulrike Haerendel: „Claude Dornier (1884 - 1969) war ein genialer Flugzeugkonstrukteur. Wilhelm Messerschmidt (1898 - 1978) ein begnadeter Luftfahrtpionier. Beide waren ab 1940 in die Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter verwickelt. Zusatztafeln ordnen ihr Leben historisch korrekt ein.“

Zeichen setzen für die zivilen Opfer der NS-Diktatur

Zur Vergangenheitsbewältigung gehört die Erinnerungskultur; Rolf Beuting: „Wir müssen unser Gedenken verstärkt auf die Zwangsarbeiter, die Deportierten, die in den Konzentrationslagern und Krankenanstalten ermordeten Menschen konzentrieren.“ Damit greift Beuting ein Thema auf, um das vor zwei Jahrzehnten in Murnau heftig gerungen worden war. Seinerzeit hatte der Oberammergauer Bildhauer Michael Raab eine Gedenkstele gestaltet, die ihren Platz am Kriegerdenkmal bei der Pfarrkirche St.Nikolaus erhalten sollte. Das Projekt ist abgeblasen worden; die Tafel befindet sich mittlerweile an der Friedhofsmauer in Oberammergau.

Rolf Beuting: „Der Schriftzug ‚Unsere Helden‘ ist heute nicht mehr zeitgemäß. Wir dürfen unser Kriegerdenkmal zwar nicht verändern, aber wir können den zivilen Opfern der NS-Diktatur einen angemessenen Rahmen einräumen.“ Dr. Ulrike Haerendel: „Wir müssen die Opfer sichtbar und hörbar machen.“ Dr. Edith Raim stimmt dem Bürgermeister grundsätzlich zu, gibt trotzdem zu Bedenken: „Wenn es eine Gedenktafel mit den Opfernamen werden soll, muss man unbedingt die Befindlichkeiten der Angehörigen berücksichtigen, die oft die Nennung ihrer Vorfahren nicht wollen.“ Günter Bitala

Quelle: Kreisbote

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