Sonderausstellung
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Volkskundler Jan Borgmann und Dr. Melanie Bauer schauen im Frisörsalon aus den 1950er-Jahren nach dem Rechten, jetzt können die Besucher kommen...

Sonderausstellung im Freilichtmuseum Glentleiten: Sauberkeit zu jeder Zeit. Hygiene auf dem Land

Keusche Hände schütteln das Bettzeug auf

  • VonGünter Bitala
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Großweil-Glentleiten – Eine Erklärung für die jungen Leute: Es war einmal, da durfte der Friseur noch Frisör sein – mit ö – oder Bader. Wir Senioren nennen diese Epoche ‚die gute alte Zeit‘. In der Kurzform sagen wir – ‚Damals‘ und ‚Früher‘, dann oft mit dem Zusatz ‚...war alles besser.‘

Die neue Sonderausstellung des Freilichtmuseums Glentleiten dokumentiert in diesen Monaten, wie es die Menschen damals mit Sauberkeit und Hygiene hielten. Zu sehen sind Werkzeuge und Geräte zum putzen, waschen, einwecken und kochen. Das Highlight ist ein originaler Frisörsalon aus den 1950-er Jahren – und das Moped, mit dem eine Hebamme über die Dörfer zu den Wöchnerinnen düste.

Volkskundler Jan Borgmann: „Wir untersuchen die Frage, wie sich in den ländlichen Regionen das Thema ‚sauber‘ vom 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit entwickelte.“

In karierter Bluse, blütenweißer Latzhose und Schiebermütze schaute ab den 1960er-Jahre Johanna König-Höck allabendlich per Fernseher in den bundesdeutschen Wohnzimmern vorbei. Klementine! Mit ihrem Slogan - „Nicht nur sauber, sondern porentief rein muss es sein!“ - pries die Werbemamsell ihr Ariel an. 50 Jahre vorher, war mit Persil das erste selbstständig arbeitende Waschmittel – wie es der Produzent Henkel der staunenden Hausfrau versprach - auf den Markt gekommen. Die große Wäsche am Montag wurde zum Kinderspiel. Kein einweichen mehr, kein vorwaschen, kein auskochen. Alles erledigte sich wie von Zauberhand alleine, oder war es doch eher der ‚Weiße Riese‘?

Das bisschen Haushalt, wie es seinerzeit Johanna von Koczian in einem Schlager besang, ging vielleicht der Städterin locker, flockig von der Hand. Auf dem Land dagegen gab es noch lange Jahre Bottich, Heißwasserkessel, Schmierseife, Wäscheglocke aus Aluminium, Waschbrett. Selbst in den 1970er- und 1980er-Jahren konnte man Frauen an Flüssen und Seen kauernd sehen, die Körbeweise Wäsche in klarem Wasser ausschwemmten. Romantisch war das nicht, und umweltgerecht auch nicht. Zum Trocknen kamen die triefnassen Klamotten auf die Leine. Im günstigsten Fall in den Garten. Im Winter mussten Hemden, Hosen, Bettlaken auf den Trockenspeicher geschleppt werden.

Kopfläuse, Flöhe, Bartflechten

Natürlich ist saubere Wäsche der Stolz jeder guten Hausfrau, damals wie heute. Ihre Visitenkarte. Die ganzen Mühen dienten zudem einem mitunter lebenswichtigen Zweck: Gesundheitsvorsorge!

Mit den Forschungen der Mediziner Max von Pettenkofer (1818 – 1901) und Robert Koch (1843 – 1919) eroberte der Begriff ‚Hygiene‘ den Wortschatz der Menschen. Bis dato schreckten Seuchen die Leute auf, etwa Cholera und Milzbrand.

Übler Körpergeruch und Ausdünstungen galten als Ursache so mancher Krankheit. Der regelmäßige Umgang mit Wasser und Seife musste sich jedoch erst einmal ins Bewusstsein eingraben. Also Wasser kochen und rein in den Zuber. Flauschig weiche, duftende Schaumbadezusätze gab es nicht, allerhöchstens Brausetabletten mit Fichtennadel-Aroma.

Frisöre kämpften gegen Kopfläuse, Flöhe und Bartflechten. Ein Frisörbesuch war übrigens Männersache. Während der Wartezeit auf einen feschen Haarschnitt tauschten die Mannerleut‘ den neuesten Dorfklatsch aus, oder fädelten das eine oder andere G‘schäftl ein. Frauen gingen nicht zum Frisör, sie trugen ihre Haare lang. Sie mussten schließlich zur Tracht aufgekranzelt werden können.

Zur Seuchenbekämpfung im Sinne der Hygieniker reichten frische Leinenhemden und ausgekochte Unterhosen nicht. Die komplette Infrastruktur einer Gemeinde musste umgestellt werden. Stichworte: Abwasser- und Müll-Entsorgung. Zugang zu frischem Trinkwasser. Auf den Bauernhöfen wurden Misthaufen und Güllegruben eingehaust und abgedeckt. Der Stall wurde mit Schleusen von der Wohnung getrennt. Frage: Wie bleibt Milch frisch, vor Ungeziefer und Bakterien geschützt?

In den Küchen fand sich Platz für einen Kühlschrank. Obst und Gemüse wurde seit jeher durch Einwecken haltbar gemacht, Fleisch gepöckelt oder geräuchert – aber jetzt gab es Geräte, die diese Arbeiten schneller und effektiver machten.

Potschamberl im Schlafzimmer

Die Ausstellung ‚Sauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land‘ ist eine Kooperation der Arbeitsgemeinschaft süddeutscher Freilichtmuseen. Für die Glentleiten bearbeitete dabei Jan Borgmann das Thema ‚Brennpunkt Bett‘.

Ein wahrer Krabbelzoo aus Flöhen, Wanzen, Läusen, Maden tummelte sich in Bettlaken und Matratzen. Das eklige Viehzeugs fühlte sich in der Biosphäre aus Hautschuppen, kaltem Schweiß und ausgefallenen Haaren pudelwohl.

Wie kriegt man die Bettwäsche wieder frei von Ungeziefer? Jan Borgmann zitiert aus der Allgemeinen Enzyclopädie der Wissenschaft und Künste (1822): 1. Ober- und Unterbetten müssen gleich rein gehalten werden, wenigstens alle Monate das ganze Jahr hindurch einige Stunden an die frische Luft gebracht, gesonnt und ausgeklopft werden. Die dazugehörige Bettwäsche sollte wenigstens alle zwei bis drei Wochen gewechselt, und das alte Bettstroh ebenso oft mit frischem, ungebrauchten vertauscht werden. 2. Wer nachts stark schwitzt, muss seine feuchte Bettwäsche täglich an die frische Luft hängen. 3. Jedes Bett wird bei offenem Fenstern von gesunden, keuschen Händen aufgelockert, gestrichen und in Ordnung gebracht. Zur Ausstattung eines Schlafraumes gehörte der Nachttopf, den man in Oberbayern Potschamberl nannte.

Im Verlauf von dreizehn Stationen beleuchtet die Ausstellung jede Facette von Sauberkeit auf dem Land. Neben der Fülle an Exponaten werden beeindruckende Fotografien präsentiert. Dazu gibt es einen umfangreichen Katalog. Zu sehen bis zum Sonntag, 28. November 2021, im Eingangsgebäude der Glentleiten.

Termin: Am Sonntag, 12. September 2021, erzählt Katharina Ritter Geschichten rund um das Wasser: Waschfrauen & Saubermänner. Informationen, auch zu den aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen im Internet: www.glentleiten.de gb

Quelle: Kreisbote

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