Schroffes Gelände, ausgesetzte Wege: Unterhalb des Gipfels der Schöttlkarspitze war auch am vergangenen Wochenende noch viel los.
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Schroffes Gelände, ausgesetzte Wege: Unterhalb des Gipfels der Schöttlkarspitze war auch am vergangenen Wochenende noch viel los.

Bürgermeister besorgt

Mountainbiker lösen Steinschlag an Berggipfel aus - Wanderer völlig unter Schock: „Muss es erst Tote geben?“

  • vonChristof Schnürer
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Nur knapp einem Steinschlag - offenbar ausgelöst von Mountainbikern - entkamen Bergsteiger bei einer Tour auf der Schöttelkarspitze. Der Schock sitzt tief.

Oberes Isartal – Es ging um Leben und Tod. „Früher oder später wird eine ähnliche Situation nicht so glimpflich ausgehen“, meint Irina André, die am Samstag mit ihrem Mann haarsträubende Momente auf der Schöttelkarspitze (2050 Höhenmeter) durchmachen musste. „Ich zitterte und war vollkommen fertig.“ Mit viel Glück, wie sie sagt, entgingen sie, ihr Begleiter und weitere Bergsteiger nur knapp einem Steinschlag – laut André ausgelöst von drei Mountainbikern.

Diese brenzligen Situationen sind keine Seltenheit mehr. „Das Problem ist mir bekannt“, bestätigt auch der Krüner Bürgermeister Thomas Schwarzenberger, der dort oben ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Im Hinblick auf die Freizeitsportler mit zwei Rädern meint er: „Viele von ihnen haben überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass sie eine Gefahr darstellen.“ Der Sturm auf den Gipfel – ein schmaler Grat.

Mountainbike-Fahrer lösen Steinschlag am Berggipfel aus - Wanderer in Gefahrenzone

Das hat Irina André nun am eigenen Leib erfahren. Die 60-Jährige, die in Ehrwald lebt, ist selbst an diesem Tag mit dem Fahrrad unterwegs. Über die Fischbachalm führt die Tour Richtung Soiernhaus. Unterhalb der Alpenvereinsunterkunft geht’s für sie und ihren Mann zu Fuß weiter. „Ein Zeichen macht ganz deutlich, dass die Räder hier abgestellt werden sollen.“

Auf dem Gipfel angelangt, beobachten sie an diesem sonnigen Herbsttag, wie sich drei Männer mit Mountainbikes auf der Schulter an den Serpentinen nach oben kämpfen. Viele Bergsteiger sind in diesem schroffen, felsigen und steilen Gelände unterwegs. Treffen sie auf das Trio, wird’s urplötzlich eng auf den mitunter ausgesetzten Steigen. Allein das, so André, sei schon „fast unmöglich und gefährlich“ gewesen, sich an den bike-bepackten Männern vorbei zu schieben.

Steinlawine bedroht Wanderer an Berggipfel - Mountainbiker freundlich aber uneinsichtig

André und ihr Gatte beschließen abzusteigen. Da jede Menge Geröll auf den Serpentinen liegt, rät sie ihrem Mann zur Vorsicht. „Fast im gleichen Moment kam ohne jede Warnung dicht vor uns eine große Steinlawine herunter.“ Losgetreten – da besteht für André überhaupt kein Zweifel – von den drei Bikern, die talwärts brausen. „Ihr seid wohl verrückt“, brüllt die Ehrwalderin nach oben. Ihre Botschaft scheint sie nicht zu interessieren. „Sie fuhren weiter, obwohl wir keine Möglichkeit hatten, uns schnell aus der Gefahrenzone zu entfernen.“ Immerhin können sie durch Zurufe andere warnen. André wird in diesem Moment beinahe hysterisch. „Wir hatten große Angst um unser Leben.“

Nach Steinschlag-Vorfall an Berggipfel: Wanderer aus Ehrwald unter Schock

Als sie sich in Sicherheit wähnen, halten sie inne. „Wir setzten uns erst einmal hin und versuchten, uns zu beruhigen.“ Wenig später fährt der erste Biker vorbei. „Wir machten ein kurzes Video.“ Der Mann auf dem Fahrrad schaut freundlich drein und sagt: „Sorry!“ Er stoppt und kurze Zeit später seine beiden Freunde. „Wir appellierten an ihr Gewissen und ihre Verantwortlichkeit.“ Alle drei hätten André und ihrem Mann zugestimmt, trotzdem radeln sie wieder los. Beim weiteren Abstieg kommen den Ehrwaldern noch fünf andere Sportler mit Bikes auf den Schultern entgegen. Wieder erläutern sie ihnen den Sachverhalt. „Keiner ließ sich davon beeindrucken.“

Rücksichtslose Mountainbiker lösen Steinschlag aus - Alpenverein verweigert Stellungnahme

Irina André braucht zwei Nächte, um das Erlebte zu verarbeiten, „so tief saß der Schock“. Dann kontaktiert sie die Polizei in Garmisch-Partenkirchen, die Alpenvereinssektion Hochland in München und die Gemeinde in Krün. Alle reagierten laut der 60-Jährigen freundlich, helfen aber konnte niemand.

„Keine Stellungnahme“ zu dem Vorfall möchte Sonia Branchadell von der AV-Geschäftsstelle geben. Sie verweist darauf, in dieser Angelegenheit erst mit den Vorstandsmitgliedern sprechen zu wollen. Generell befindet man sich im Spannungsfeld Wanderer/Biker in einer Grauzone. So berufen sich auch Fahrradfahrer im hochalpinen Terrain auf das freie Betretungsrecht, das ihnen das Bayerische Naturschutzgesetz zusichert. Doch André fragt sich: „Muss es erst Tote geben, bis mehr unternommen wird.“

Bürgermeister nach Steinschlag-Vorfall besorgt: „Geisterfahrer im Gebirge“

Ein Polizist will ihr geraten haben, Anzeige gegen Unbekannt wegen Nötigung zu stellen. „Doch ohne Personalien wird’s schwer“, schwant Bürgermeister Schwarzenberger, der Andrés Sorgen versteht. Für ihn stellt sich die Frage: „Wie gehen wir miteinander in der Natur um?“ Schwarzenberger antwortet gleich selbst darauf: „Das ist nur mit Vernunft und Rücksichtnahme zu lösen.“ Verbote helfen gar nichts, wie jüngste Beispiele in den überlaufenen Bergen gezeigt haben. „Mittlerweile kann ich verstehen, dass so viele Einheimische verschnupft sind.“ Unter anderem über rücksichtslose Mountainbiker. Irina André bezeichnet sie als „Geisterfahrer“ im Gebirge. Und die sollten „aus dem Verkehr gezogen werden!“

Die Forderung der oberbayerischen CSU nach Sperrzonen für Mountainbiker und E-Biker sorgt für große Diskussionen. Bürgermeister und Naturschützer reagieren positiv, doch die Sportverbände und Touristiker fühlen sich vor den Kopf gestoßen.

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