Vermieter Alois Mayr aus Krün  steht vor seinem Anwesen.
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Frust in der Idylle: Privatvermieter Alois Mayr versteht die Welt nicht mehr.

Ihnen steht das Wasser bis zum Hals

„Haben uns vollkommen vergessen“: Privatvermieter plagen Existenzängste - Durchs politische Raster gefallen

Nach über einem Jahr Corona plagt Privatvermieter in Tourismus-Regionen die pure Existenzangst. Wenn sie nicht bald wieder ihre Ferienwohnungen und Pensionen aufsperren können, dann gehen die Lichter endgültig aus.

Krün – Um es mit den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel auszudrücken: „Das Virus ist angekommen. Es ist da.“ Und damit nicht nur die gesundheitlichen, sondern auch die finanziellen Probleme. Geschlossene Beherbergungshäuser und fehlende Gäste setzen gerade den Privatvermietern im Isartal immer mehr zu. Im Gegensatz zu gewerblichen Betrieben und anderen Branchen erhalten sie keine Hilfe – dafür bis auf weiteres Berufsverbot.

Corona-Lockdown in Bayern: Keine Hilfen für Privatvermieter - „Die haben uns vollkommen vergessen“

„So kann das nicht weitergehen, die haben uns vollkommen vergessen“, meint Rosi Pfeffer, die seit 2004 das Landhaus Bärnbichl betreibt und viele Jahre an der Spitze des Touristikvereins Krün stand. Pfeffer und viele ihrer Branchenkollegen fühlen sich, je länger der Lockdown dauert, immer mehr allein und im Stich gelassen. „Ich appelliere daher an die Politiker, dass sie sich für uns einsetzen.“ Doch angesichts einer fehlenden Lobby verhallten bislang die zarten Rufe. „Wir haben einfach keine Interessenvertretung – die fehlt uns“, bedauert Pfeffer.

Was auch dazu führt, dass man im Hinblick auf die Existenzängste der Privatvermieter im Nebel stochert. Nicht zuletzt deshalb hat man auf Initiative der Touristikvereine der Urlaubsdestination Alpenwelt Karwendel eine Umfrage zur Lage der kleinstrukturierten Gastgeber gestartet. Die ist – wie eingangs skizziert – nicht mehr rosig.

Lockdown in Landkreis Garmisch: Privatvermieter plagen Existenzängste - junge Familien besonders betroffen

Viele junge Menschen, die gerade bauen, entscheiden sich gegen die Beherbergung von Touristen und tendieren zur Festvermietung, auch hin zu Zweitwohnungen, die im Zuge der sich ausweitenden Heimarbeiten für Großstädter immer interessanter werden. Pfeffer drückt diese Entwicklung folgendermaßen aus: „Da verändert sich unsere ganze Struktur, unser gesamtes Dorfleben.“ Und das will in Krün, Wallgau oder Mittenwald letztlich keiner.

Da verändert sich unsere ganze Struktur, unser gesamtes Dorfleben.“ 

Rosi Pfeffer

Besonders fatal stellt sich die Situation für junge Familien dar, die gebaut und trotz Niedrigzinsniveaus hohe Belastungen zu stemmen haben. Während andere Branchen oder Behörden normal arbeiten können oder über Kurzarbeitergeld abgefedert werden, schaut es bei den Privatvermietern mehr als bescheiden aus.

Tourismus in der Corona-Pandemie: Wenig erfreuliche Signale aus dem Wirtschaftsministerium

Sie bringen ebenso Sonderopfer und fragen sich natürlich: Wieso gibt es Hilfen für Autobauer oder die Lufthansa? Ihre Sparte fällt dagegen durchs Raster. Für Rosi Pfeffer sieht Solidarität anders aus. „Wir müssen doch miteinander die Krise durchstehen.“ Denn eines liegt für die Krünerin auf der Hand: „Wenn es uns schlecht geht, geht es auch dem Handwerk, der Gastronomie und dem Einzelhandel schlecht.“

Gerade diese Branchen quälen Liquiditätssorgen. Wer nicht über ausreichende Rücklagen und Substanz verfügt, dem helfen großteils die jeweiligen Hausbanken mit einem erweiterten Kreditrahmen und Stundungen über die Runden. Dies bestätigen Andreas Paschek von der Sparkasse und Franz-Paul Reindl von der Raiffeisenbank Krün unisono.

Das ist nicht nachvollziehbar.

Alois Mayr

Weniger erfreulich sind die Signale, die das bayerische Wirtschaftsministerium aussendet. „Die vom Bund angekündigten Corona-Überbrückungshilfen, von denen auch die Länder nicht abweichen, erhalten nur Vermieter im Haupterwerb oder mit Gewerbeschein.“ Dafür sei erforderlich, dass die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung der Fremdenbetten mindestens 51 Prozent der gesamten Einkünfte ausmachen.

„Sie können je nach Fallkontrolle als gewerbliche Einkünfte eingestuft werden. Die unterliegen der Gewerbesteuer, die bei Einkünften aus Vermietung und Verpachtung nicht anfällt”, antwortet Silvia Schießl von der Projektgruppe Corona-Überbrückungshilfen auf Anfrage von Alois Mayr von den Buckelwiesen.

Tourismus im Lockdown: Umsätze im fünfstelligen Bereich eingebüßt

„Das ist nicht nachvollziehbar”, schimpft Gastgeber Mayr. Rudi Haller (CSU), Zweiter Bürgermeister und Touristikvereinschef, sowie dessen Vorgängerin Pfeffer pflichten ihm selbstredend bei. Mit einer derzeit laufenden mehrseitigen Gastgeberbefragung wollen sie nochmals die politischen Entscheidungsträger auf die mittlerweile insgesamt über ein halbes Jahr andauernde Misere hinweisen.

Das ist auch das Ziel der Geschäftsführung der Alpenwelt Karwendel. Der Ball liegt damit bei den Gastgebern. Sie sollen schildern, wie es ihnen in der Krise geht. Viele von ihnen haben in den zurückliegenden Jahren hohe Summen investiert und durch Ausgangssperren und den Wegfall der kompletten Wintersaison Umsätze im fünfstelligen Bereich eingebüßt.

Da fällt dem gefrusteten Mayr folgendes Beispiel ein: „Wie wäre es, wenn Markus Söder und die Landtagsabgeordneten die Bezüge ab November gestrichen bekämen. Dafür können sie aber eine Beihilfe von immerhin 95 Prozent ihrer Fixkosten beantragen?“ Es gibt viel zu diskutieren. Wobei die Zeit schon längst reif ist zum Handeln, finden nicht wenige seitens der Privatvermieter.

Eine Perspektive in der Corona-Pandemie - das fordern auch Garmischs Bürgermeisterin Elisabeth Koch und sechs weitere Bürgermeister für den Tourismus. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder werben sie für Lockerungen zu Ostern. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

(Von Leonhard Habersetzer)

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