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Experten bei der Arbeit: Die Wildbiologen Dr. Wibke Peters und Hendrik Edelhoff am Marchkopf im Gebiet zwischen Vereiner Alm und Vorderriß.

Experten untersuchen Gebiet im Oberen Isartal 

Wild vor Wald oder Wald vor Wild?

Wieviel Wild verträgt der Bergwald? Um diese Frage zu beantworten, haben Experten zwei Wochen lang die tierischen Hinterlassenschaften im Gebiet zwischen Vereiner Alm und Vorderriß untersucht.

Oberes Isartal Wild vor Wald oder Wald vor Wild? Diese strittige Frage wird unter Jägern und Waldbesitzern seit langem heiß diskutiert. Jeder versucht dabei, seine Lobby am besten zu positionieren. Darüber hinaus stellen veränderte Rahmenbedingungen wie die weltweiten Folgen des Klimawandels das Ökosystem Bergwald künftig vor noch größere Herausforderungen. Die Anhörung im Bayerischen Landtag vor zwei Jahren machte deutlich, dass für eine nachhaltige Sicherstellung aller Funktionen in steilen Lagen eine entsprechende Kontrolle des Schalenwildes notwendig ist. Die Schutzwald-Sanierung zeigte zwar regionale Erfolge, dennoch besteht weiterer Handlungsbedarf.

Mehr Licht ins dunkle und dichte Unterholz soll jetzt eine umfangreiche Studie der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) bringen. Soweit zur Vorgeschichte zum Projekt „Integrales Schalenwildmanagement im Bergwald“. Der Startschuss für die Feldaufnahmen erfolgte vor 14 Tagen an der Krüner Pfarrkirche.

Am Vorplatz trafen sich unter der Regie von Alois Zollner, Abteilungsleiter für Biodiversität, Naturschutz und Jagd, sowie Projektleiterin Dr. Wibke Peters 20 Wildbiologen, Forstleute und externe Experten. Ihre Mission: das Sammeln von tierischen Frischkotproben im Geltungsbereich des Forstbetriebs Bad Tölz.

Berufsjäger Karl Hörmann nahm sie nicht nur in Empfang, sondern auch unter seine Fittiche. Als ortskundiger Ansprechpartner wies sie der Wallgauer Waidmann im Gebiet von der Vereiner Alm bis nach Vorderriß ein und begleitete das Team zeitweilig in Höhenlagen zwischen 800 und 2250 Metern. Es hatte die nicht immer leichte und vor allem schweißtreibende Aufgabe, an zehn Tagen systematisch nach Karte die gesamten 5500 Hektar alpine Fläche abzugehen und die Losungen von Rot-, Gams- und Rehwild einzusammeln.

Täglich waren Zollner und Co. bis zu acht Stunden im Einsatz. „Insgesamt fanden wir über 1500 Kotproben, die in der Mittenwalder Forstdienststelle eingefroren wurden und zur genetischen Analyse, der sogenannten Kotgenotypisierung, ins Labor transportiert wurden“, erläutert Peters. Die Losungen wurden nach Tierart, Fundort und Frischegrad kartografiert. „Am gefragtesten war natürlich frischer Kot. Aus dem lässt sich am meisten herauslesen.“

Die genetische Analyse lässt die Anzahl der verschiedenen Individuen der Tierart und deren Geschlecht bestimmen. Daraus ergebe sich die Population und damit eine Handlungsgrundlage, ergänzt der Wildbiologe Hendrik Edelhoff. Dass den beiden mehr an der Natur als am Kommerz gelegen ist, zeigten sie unermüdlich. Sie organisierten und kümmerten sich um alles. Selbst nach acht Stunden am Berg transportierten sie persönlich noch die Funde vom Projektgebiet nach Freising, um am nächsten Morgen wieder pünktlich auf der Matte zu stehen.

Diese Untersuchung stellt derzeit die innovativste Methode zur Bestandsschätzung für Tiere in deckungsreichen Lebensräumen dar. Es ist eine sach- und fachgerechtere Beurteilung als bisherige Bestandsschätzungen, wie Zählungen oder Streckenanalysen. Es ergibt sich daraus auch die Raumnutzung der Tiere. Diese gewonnenen Daten werden im zweiten Schritt mit weiteren bekannten Daten aus anderen Inventuren und Untersuchungen verschnitten. Daraus leitet man Empfehlungen für die Pflege des Bergwaldes, das Jagd-Management sowie die Optimierung anderer Fachplanungen ab. Diese flankierenden Maßnahmen und fundierten Entscheidungshilfen durch die LWF sollen Forstbetrieben und -behörden bei der Erfüllung ihrer Aufgaben helfen.

Ohne Fachmann zu sein, war selbst für den Laien zu erkennen, dass in für das Wild idealen Gebieten mit viel Kotfunden die Chancen für den Nachwuchs von Ahorn und Tannen schwinden. Diese Pflanzen werden einige Male und Jahre zurück gebissen, bis sie endlich in Ruhe aufwachsen können. Dagegen zeigen sich die Latschen resistent. Im Latschengürtel fragte auch ein interessierter Bergsteiger einen der Waldläufer nach seinem Tun. Verwundert stellte er fest, was man aus Kotproben alles herauslesen könne. Für ihn waren „Hirschgagel“ bislang nur Endprodukte, die in den Kreislauf der Natur zurückkehren.

Leonhard Habersetzer

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